Bernd Heidenreich, Sönke Neitzel (Hrsg.): Medien im Nationalsozialismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Thomas Keiderling

Einzelrezension
2007 erschien das Buch Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933–1945, Italien 1922–1943, Spanien 1936–1951 von Clemens Zimmermann, in welchem die Medienüberwachung und der Mediengebrauch des Dritten Reichs in den Bereichen Buch, Verlagswesen, Bibliotheken, Presse, Rundfunk, Film, Kino sowie den “öffentlichen Sphären” vergleichend mit den spanischen und italienischen Diktaturen untersucht wurde. Der nun vorgelegte Sammelband gleichen Haupttitels möchte an diese Forschungsfrage anknüpfen. Die Publikation geht auf eine gemeinsame Tagung der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung und des Hessischen Rundfunks zurück, die im September 2007 in Frankfurt am Main stattfand. Das vorliegende Buch unterscheidet sich insofern von der gleichnamigen Vorläuferpublikation, weil es – als Sammelband konzipiert – die Fragestellung nicht ausgewogen und lehrbuchartig, sondern eher essayistisch, aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus beantworten will.

Im Zentrum stehen die Medien Film, Hörfunk und Presse. Biografische Einzelstudien herausragender Zensoren und Medienmacher ergänzen die Darstellung. Dieser Ansatz hat bekannterweise Vor- und Nachteile. Vorteilig ist, dass die Aufmerksamkeit des Lesers scheinwerferartig auf markante Felder des Medienschaffens und der Medienpolitik geworfen wird. Nachteilig, dass andere zentrale Aspekte außer Sicht geraten. Ein Manko besteht beispielsweise darin, das massenmediale Buch völlig ausgeklammert zu haben. Dies ist insofern nicht nachvollziehbar, weil hierzu umfangreich geforscht wurde und die NS-Medienpolitik nur im Kanon aller einschlägigen Massenmedien verständlich wird.1

Biografische Perspektiven

Nach einer gelungenen Einleitung von Joachim-Felix Leonhard werden unter der Überschrift “Biografische Perspektiven” vier Beiträge vereint. Karl-Günter Zelle untersucht Joseph Goebbels in seinem Verhältnis zu Adolf Hitler und analysiert “Innenansichten“ auf der Grundlage seiner Tagebücher. Dieser Aufsatz zeichnet das Bild eines hin und hergeworfenen Propagandisten. Während Goebbels bei Hitler immer wieder “seine Batterien” auflud und mit ihm in der Frage der Manipulation der Massen übereinstimmte, kamen ihm insgeheim immer wieder Zweifel an der Richtigkeit seiner Politik. Glaubte Goebbels an seine eigene Propaganda? – Diese im Aufsatz gestellte Frage wird nicht wirklich beantwortet, sondern nur auf Goebbels Verhältnis zu Hitler reduziert. Goebbels war ein pragmatischer Propagandist, der es nicht nur verstand, im Agenda-Setting immer wieder den richtigen Ton zu treffen, sondern der auch die Massen eingehend studierte und – wenn sich eine gewünschte Wirkung nicht einstellte – Korrekturen vornahm. Das zeichnete ihn auch im Gegensatz zur Starrköpfigkeit vieler anderer Mediendiktatoren aus. Mathias Friedel stellt anschließend die Tätigkeit des Reichspropagandaamtes in Hessen-Nassau gründlich vor.

Kurt Fricke und Torsten Körner untersuchen mit Heinrich George und Heinz Rühmann zwei Schauspieler, die eine feste Größe im NS-Medienbetrieb waren. Während Heinrich George nicht auf seine Funktion in prominenten Propagandafilmen reduziert wird, positioniert sich Torsten Körner zu den besonders kritisch diskutierten Aspekten im Leben Rühmanns: zur Scheidung von seiner jüdischen Frau 1938 und zur Entstehungsgeschichte des Films “Die Feuerzangenbowle”. Körner rechtfertigt im Gegensatz zu anderen Forschern das Verhalten Rühmanns in beiden Fällen. Vielleicht auch um diese Position stark zu machen, kommt er nicht umhin, sich eingangs dem Leser als Sachverständiger vorzustellen: “Mit einem solchen (nicht immer behaglichen) Status ist auch der Verfasser dieses Essays versehen – er gilt als Heinz-Rühmann-Experte.” (sic!,  109)

Film, Hörfunk und Presse

Der Filmbereich ist mit drei Beiträgen vertreten. Zunächst betrachtet Rainer Rother das Verhältnis von Nationalsozialismus und Film. Sodann stellt Gerhard Paul mit “Feuertaufe”, den Blitzkrieg als Erlebniskino vor. Schließlich behandelt Ulrike Bartels die Wochenschau als Propagandainstrument. Während der Film “Feuertaufe” – als Schlüsselfilm einer neuen NS-Ästhetik des Krieges – nur zu Kriegsbeginn einen nachhaltigen Erfolg beim Publikum zeitigen konnte, gelang es der Wochenschau, aufgrund des Informations- und Bildermonopols die Meinungen und Stimmungen vieler deutscher Rezipienten weitgehend zu beeinflussen. In diesem Sinne handelte es sich um ein wichtiges, stark manipuliertes NS-Propagandainstrument, das in den Kriegsjahren an Bedeutung noch gewann.

Beim Hörfunk untersucht Hans Sarkowicz zunächst die nationalsozialistische Radio-Propaganda. Frank Eckhardt hat die Inszenierung der Olympia-Berichterstattung von 1936 und Jörg Koch das NS-Wunschkonzert betrachtet. Anders als der Film oder die Presse war der Rundfunk inhaltlich wesentlich homogener. Ab 1940 wurde in Deutschland sogar ein Einheitsprogramm gesendet. Der Rundfunk bildete eine weitere Stütze der Machthaber. Ein vielzitiertes Beispiel ist die Stabilisierung der innenpolitischen Situation nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, als sich der Führer in einer zehnminütigen Rundfunk-Ansprache an das Volk wandte. Mit dem Wunschkonzert wurde ein beliebtes Unterhaltungsformat im NS-Rundfunk etabliert, das in der einen oder anderen Form lange bis in die Nachkriegszeit fortbestand. Die Manipulationen erfolgten diskret: Es wurde kein Swing gesendet, jüdische Komponisten, Interpreten und Kritiker wie in anderen Medienbereichen auch systematisch ausgeschlossen.

Der Pressebereich ist mit einem überblickenden Beitrag von Rudolf Stöber sowie drei Spezialstudien zur “Frankfurter Zeitung” von Günther Gillessen, zur Wochenzeitung “Das Reich” von Victoria Plank und zur Lokalpresse in Bensheim von Mathias Friedel vertreten. Die von 1940 bis 1945 erschienene Zeitung “Das Reich” stellte ein besonderes Publikationsorgan dar. Sie bot einen höheren Grad an sachlicher Information sowie umfassender Berichterstattung. Über die Grenzen Deutschlands hinaus war sie bekannt und fand Beachtung im Bürgertum und in gehobenen Parteikreisen. Auch für Journalisten, die vor platter NS-Propaganda zurückschreckten und einen höheren intellektuellen Anspruch hegten, war das neue Blatt reizvoll: Führende Journalisten, darunter viele, die später in der Bundesrepublik Karriere machen sollten, drängten zur Mitarbeit: Theodor Heuss, Erich Peter Neumann und seine Ehefrau Elisabeth Noelle-Neumann, Max Planck, W. R. Süskind und weitere. Aber die Zeitung war trotz gewisser Freiheiten fest in das Propaganda-System eingebunden und bot allenfalls eine durch Goebbels zugelassene Nische im System.

Positiv herauszuheben ist schließlich der Beitrag von Wolfgang Mühl-Benninghaus “Kontinuitäten und Diskontinuitäten – Medien im Nachkriegsdeutschland”, der den Blick über die Bruchzone von 1945 hinaus richtet. Da neue Filmproduktionen rar waren, wurde in West- und Ostdeutschland gern auf Archivgut des Dritten Reichs zurückgegriffen, so dass Unterhaltungsfilme aus der NS-Zeit bis weit in die Nachkriegszeit in den Kinos zu sehen waren.

Fazit

Der Sammelband stellt eine lesenswerte Sammlung unterschiedlicher Studien zu den Medien im Dritten Reich dar. Er führt gut in die Thematik ein. Einige Abschnitte, so die Einleitung und der Ausblick aus der Feder der Autoren Joachim-Felix Leonhard und Wolfgang Mühl-Benninghaus sowie die grundlegenden Darstellungen zum Film, Radio und zur Presse in der NS-Zeit von Rainer Rother, Hans Sarkowicz und Rudolf Stöber vermitteln einen ersten Überblick über die Fragestellung und helfen bei der Einordnung zentraler Befunde. Die weiteren Spezialbeiträge sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Sie reichen von akribischen Detailstudien, die die Forschungsliteratur in langen Fußnoten aufnehmen, bis hin zu Texten, die nahezu ohne Fußnoten auskommen und im eigentlichen Sinne nicht wissenschaftlich sind (letzteres trifft besonders auf den Artikel von Günther Gillessen zur “Frankfurter Zeitung” zu). Insgesamt hätte man sich gewünscht, dass alle Autoren ihre Erkenntnisse am Schluss nochmals zusammenfassen. Summa summarum kann der Sammelband mit den genannten Einschränkungen zur Lektüre empfohlen werden.

Links:

  1. Zur Literaturpolitik im Dritten Reich publizierte Jan-Pieter Barbian einschlägig, zuletzt: Literaturpolitik im NS-Staat, Frankfurt am Main 2010. Eine weitere empfehlenswerte Studie erschien erst kürzlich: Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich, Berlin 2010. Zu Hitlers Mein Kampf, erschienen in über 10 Mio. Exemplaren und somit eines der meist produzierten Bücher der deutschen Geschichte vgl. Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers “Mein Kampf” 1922–1945, München 2006.
Über das BuchBernd Heidenreich; Sönke Neitzel (Hrsg.): Medien im Nationalsozialismus. Paderborn [Wilhelm Fink Verlag/Ferdinand Schöningh Verlag] 2010, 373 Seiten, 38,- Euro.Empfohlene ZitierweiseBernd Heidenreich, Sönke Neitzel (Hrsg.): Medien im Nationalsozialismus. von Keiderling, Thomas in rezensionen:kommunikation:medien, 21. März 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4688
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Rezensent/in
PD Dr. Thomas Keiderling ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.