Peter J. Schulz, Uwe Hartung, Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Philomen Schönhagen

schulzetal2008Einzelrezension
Der Band zur Jahrestagung der DGPuK 2008 in Lugano enthält unterschiedlichste Beiträge aus verschiedenen Forschungsgebieten des Fachs, wie bei solch breit angelegten Konferenzen nicht anders zu erwarten ist. Zudem war in diesem Fall die “Vielfalt” der Kommunikationswissenschaft ausdrücklich Programm. Allerdings muss man feststellen, dass der Tagungsband diese Vielfalt, jedenfalls mit Blick auf theoretische Perspektiven und Fachtraditionen, deutlich weniger widerspiegelt, als dies bei der Tagung der Fall war. Das Gros der Beiträge, ebenso wie der Autorinnen und Autoren, ist der zentralen sozialwissenschaftlichen Fachtradition zuzurechnen. Man erhält jedoch durchaus interessante Einblicke in die Vielfalt der kommunikationswissenschaftlichen Forschung. Fragen der “Identität” des Faches – ebenso Programm der Tagung und Teil des Titels – sind explizit nur in den vier fachhistorischen Beiträgen des ersten Teils (Fabian Schäfer, Erik Koenen, Maria Löblich/Senta Pfaff-Rüdiger, Stefanie Averbeck-Lietz) sowie in der Bestandsaufnahme kultur- und praxistheoretischer Konzepte von Johannes Raabe Thema.

Die von den Herausgebern angestrebte Gliederung in drei Teile – einen ersten zum Fach und seiner Theorieentwicklung, einen zweiten mit Blick auf (theoretische) Ansätze und Teilgebiete des Fachs und einen dritten zu empirischen Studien – ist nur bedingt nachvollziehbar. So würde der Beitrag von Patrick Donges, der aus einer interdisziplinären Perspektive grundlegende Definitionsprobleme der Politischen Kommunikation diskutiert, besser in den zweiten Teil passen, ebenso wie der bereits erwähnte Aufsatz von Johannes Raabe (theoretische Ansätze). Im zweiten Teil wiederum sind zwei Beiträge enthalten, die Ergebnisse empirischer Studien präsentieren (Olaf Jandura/Constanze Rossmann sowie Sabrina Bresciani/Martin J. Eppler) und somit besser im dritten Teil zu verorten wären.

Da die Rezension eines derart vielfältigen Bandes mit insgesamt 17 Beiträgen (ausgewählt aus 63 Vorträgen, wie der Einleitung zu entnehmen ist) unmöglich ins Detail gehen kann, soll im Folgenden vor allem die oben begonnene Übersicht zu den einzelnen Aufsätzen vervollständigt werden.

Interessante Einblicke in die Ideen- bzw. Theoriegeschichte des Fachs aus einer transnationalen Perspektive bieten drei Beiträge (im ersten Teil): Die Diskussion des Begriffs bzw. Konzepts von öffentlicher Meinung in der japanischen Kommunikations- bzw. Zeitungswissenschaft der 1920er und -30er Jahre, die Fabian Schäfer ebenso beleuchtet wie deren Wechselwirkungen mit dem deutschen Fach bzw. einzelnen Vertretern desselben, ist für viele Leser sicher neu. Erik Koenen gibt einen Überblick über die Fachgeschichte in Skandinavien mit Schwerpunkt auf Finnland, wobei die wechselnden internationalen Einflüsse sowie die enge “Nordic Co-Operation” der skandinavischen Länder im Mittelpunkt stehen. Stefanie Averbeck-Lietz veranschaulicht kenntnisreich die unterschiedliche, aber komplementäre Rezeption des Konstruktivismus in der deutsch- und französischsprachigen Kommunikationswissenschaft. Sie führt diese vor allem auf die unterschiedlichen Fachtraditionen mit der in Frankreich stärker sprach- und handlungstheoretischen sowie wissenssoziologischen Orientierung und auf die je eigene Rezeption amerikanischer Literatur zurück. Der vierte fachhistorische Beitrag fokussiert dagegen nur auf Deutschland: Die Inhaltsanalyse der wissenschaftlichen Aufsätze in der “Publizistik” der Jahre 1956 bis 1980, deren Ergebnisse Maria Löblich und Senta Pfaff-Rüdiger präsentieren, unterstreicht einmal mehr, dass sich eine verstärkt empirisch-sozialwissenschaftliche Perspektive eher langsam, in einem “evolutionären Prozess” durchgesetzt hat (61).

Jörg Matthes gibt einen Überblick über die Framing-Forschung und stellt Ergebnisse einer Meta-Analyse diesbezüglicher Studien vor, welche die Disparität des Ansatzes veranschaulichen. Daraus leitet er Anregungen für ein Forschungsprogramm mit einheitlichen Begrifflichkeiten ab. Inga Huck, Oliver Quiring und Hans-Bernd Brosius widmen sich, auf der Basis eines kurzen Forschungsüberblicks, der Weiterentwicklung des Agenda-Setting-Ansatzes. Sie schlagen ein Modell vor, das Wahrnehmungsphänomene wie insbesondere den Third-Person-Effekt einbezieht. Benjamin Krämer, Thorsten Schroll und Gregor Daschmann legen Möglichkeiten zur Verbesserung multivariater Datenanalysen mittels künstlicher neuronaler Netze dar, die in anderen Fächern bereits ein eingeführtes “statistisches Werkzeug” (179) seien. Dabei skizzieren sie kurz Beispiele aus verschiedenen Forschungsfeldern.

Die übrigen Beiträge (im zweiten und dritten Teil des Bandes) stellen Ergebnisse diverser empirischer Studien vor. Vier der Aufsätze weisen eine internationale Perspektive auf: Joachim Trebbe und Jens Woelke identifizieren in den Programmstrukturen der öffentlich-rechtlichen bzw. öffentlich-konzessionierten Fernsehsender Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zwei unterschiedliche Strategien (komplementäre Formatierung der Programme eines Veranstalters oder Profilierung “gegeneinander”, 209). Kevin Grieves zeigt anhand einer qualitativen Befragung grenzüberschreitend arbeitender Journalisten in der deutsch-französisch-luxemburgischen Region Saar-Lor-Lux, welche Schwierigkeiten die interkulturelle Zusammenarbeit in sich birgt und dass erfolgreiche Kooperation stark auf persönlichen Kontakten basiert. Manuel Puppis untersucht, ausgehend von der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie, wie die Presseräte Deutschlands, der Schweiz, Großbritanniens und Irlands auf Anforderungen ihrer Umwelten reagieren (Anpassung von Strukturen und Prozessen). Uwe Hasebrink schließlich legt die Konzeption einer international vergleichenden Meta-Studie zur Onlinenutzung von Kindern und Jugendlichen in 21 Ländern dar.

Weiter präsentieren Olaf Jandura und Constanze Rossmann eine Inhaltsanalyse zum Thema Gesundheit in Boulevardmagazinen des deutschen Fernsehens. Untersucht wurden die Häufigkeit von Gesundheitsthemen (ca. 10% aller Beiträge), die Akteure (mehrheitlich Männer, außer beim Subthema Schönheitsoperationen), das Emotionalisierungspotenzial (“im Mittelfeld”, 159) sowie die Publikumsorientierung der Beiträge (hoch). Im einzigen englischsprachigen Beitrag identifizieren Sabrina Bresciani und Martin J. Eppler Grenzen der Visualisierung komplexer Informationen. Auf der Basis einer Literaturübersicht und der Ergebnisse aus Interviews sowie einer Gruppendiskussion mit Experten erarbeiten sie eine Klassifikation der (kognitiven, emotionalen und sozialen) Risiken bzw. Probleme graphischer Darstellungen, die Designer- und Nutzer-induziert sein können. Methodisch besonders interessant ist der Beitrag von Markus Lehmkuhl, der in einem kleinen Dorf des Landkreises Oldenburg die Einflüsse sozialer Netzwerke auf die Adoption neuer Telekommunikationstechniken erforscht und dabei gut zwei Drittel der Einwohner befragt hat. Gerhard Vowe und Marco Dohle schließlich prüfen mit der Mediatisierungsthese eine hoch aktuelle theoretische Perspektive. Dazu führten sie eine Längsschnittanalyse deutscher Parlamentsdebatten durch, wobei sie auf die Entwicklung der (Medien-)Referenzen der Redner fokussieren. Die Mediatisierungsthese können sie mit ihren Ergebnissen nur teilweise bestätigen.

Wie eingangs bereits vorweggenommen, bietet der Tagungsband somit vielfältige Einblicke in die Forschung des Faches – von der Fach- und Theoriegeschichte über Politische Kommunikation, verschiedene theoretische Ansätze und methodische Entwicklungen bis hin zu Visueller und Gesundheitskommunikation, Journalismus-, Fernseh-, Mediennutzungs- und Diffusionsforschung. Sollte man aufgrund des Titels einen Gesamtüberblick über das Fach Medien- und Kommunikationswissenschaft und/oder eine vertiefte Diskussion zur Identität desselben erwarten, würde man jedoch enttäuscht.

Links:

Über das BuchPeter J. Schulz, Uwe Hartung, Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Band 36. Konstanz [UVK] 2009, 306 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweisePeter J. Schulz, Uwe Hartung, Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft. von Schönhagen, Philomen in rezensionen:kommunikation:medien, 11. November 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/459
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Rezensent/in
Dr. Philomen Schönhagen ist Ordentliche Professorin für systematische und historische Kommunikationswissenschaft an der zweisprachigen Universität Fribourg in der Schweiz.