Cathrin Christoph: Textsorte Pressemitteilung

Einzelrezension
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Rezensiert von Barbara Baerns

Einzelrezension
Hinter dem irreführend harmlosen Titel verbirgt das Buch eine anspruchsvolle, anregende Analyse, die am Thema Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus erneut belegt, wie publizistik- und kommunikationswissenschaftliche Probleme mit Denkmitteln und Forschungsinstrumenten der Linguistik sinnvoll bearbeitet werden können. Die ursprünglich als Dissertation eingereichte Untersuchung fokussiert die Schnittstelle zwischen Wirtschafts- und Mediensystem. Sie sucht Antworten auf die Fragen, wie Pressemitteilungen die Verbindung von Wirtschaft und Journalismus herstellen, wie sich die unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen im Text widerspiegeln, welche Texte Medien aufgreifen und wie Medien mit den ausgewählten Texten umgehen. Die Verfasserin folgt dabei der Annahme, dass die “Textsorte Pressemitteilung” als “Programm zur strukturellen Kopplung von Wirtschaft und Journalismus” darstellbar ist und dass sich die Doppelfunktion nicht nur in der sprachlichen Gestaltung niederschlägt, sondern auf allen textlinguistischen Ebenen nachgewiesen werden kann (20).

Die Arbeiten Langs (1980), Bachmanns (1997) und Blomqvists (2002) fortschreibend, die sich ebenfalls aus linguistischer Perspektive mit der Adaption von Pressemitteilungen bzw. von Agenturnachrichten beschäftigen, wird hier ein die gesellschaftlichen Bezüge akzentuierender Merkmalskatalog zur Textsortenbestimmung entwickelt und angewendet. Die empirische Analyse befasst sich in diesem Rahmen mit 242 Pressemitteilungen verschiedener Finanzdienstleister, die im Februar und März 2005 über news aktuell, die auf den Versand von Pressemitteilungen spezialisierte Tochterfirma der Deutschen Presse-Agentur, dpa, verbreitet bzw. im Internet auf den Unternehmenswebsites veröffentlicht worden sind. Daneben werden 13 Pressemitteilungen einer Hamburger Privatbank aus dem Zeitraum Januar bis August 2004 vom ersten Entwurf über die freigegebene Textversion bis hin zum Abdruck in Printmedien erfasst, Material, das zugänglich war, weil die Autorin in diesem Zeitraum bei der zuständigen PR-Agentur arbeitete.

Im einzelnen gilt die sozialwissenschaftliche, speziell systemtheoretische Fundierung des Klassifikationsmodells, das ermöglicht, Textmerkmale entlang einer hierarchisch geordneten Merkmalskette zu verorten, als wesentliches Anliegen (Kap. 1 und 2). Über den klassischen Textbegriff hinausgehend und in eigenwilliger Anlehnung an Luhmanns Systemkonzept (zuerst Gegenüberstellung, dann in Beziehung setzen und schließlich synonyme Verwendung der Grundbegriffe, also Gleichsetzung (40)), impliziert das Modell, dass externe Textvorgaben, das sind Kommunikationsbereich/System und Bereichsfunktion, die textinternen Merkmale determinieren, das sind Textfunktion, Thema/Art der Themenentfaltung, Sprachliche Gestaltung/Stil und, hier an letzter Stelle, Medienspezifik. Generalisierbarkeit des Modells schließt die Verfasserin nicht aus: “Es mag sein, dass dieses Modell nicht auf alle Textsorten anwendbar ist – um das zu überprüfen, müssten weitere Untersuchungen verschiedener Textsorten angestellt werden. Für die Untersuchung von Pressemitteilungen ist es das schlüssigste, da es den Kommunikationsbereich oben ansiedelt und so den Textsorten- und Funktionswandel, den die Pressemitteilung auf dem Weg zum Zeitungstext durchläuft, erklärbar macht” (56).

Die Leistungsfähigkeit des Ansatzes wird im genaueren Hinblick auf Public Relations im Kommunikationsbereich Wirtschaft (Kap.3), im Hinblick auf das System Journalismus (Kap. 5) und im Hinblick auf die Textsorte Pressemitteilung selbst (Kap. 4) ausgeführt und am Stand der Literatur, an Praktikeraussagen und am exemplarischen Beispiel dargestellt. Die Zusammenfassungen der Kapitel münden in eine Neudefinition.

Die Autorin begnügt sich nicht damit, zu untersuchen, ob und wie sich die Ambiguität der textexternen Vorgaben in den textinternen Merkmalen der Textsorte Pressemitteilung spiegelt. Die Detailanalyse (Kap. 6) orientiert sich an Mertens Objektivitätsindex (Merten 1995) und an der Typologie der Revisionen, die von Blomqvist stammt. Zumal Veröffentlichungen in Hörfunk und Fernsehen nicht vorkamen, konzentriert sie sich auf den Vergleich der Pressemitteilungen der Privatbanken mit den erzielten Abdrucken in ausgewählten Tageszeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien. Der Prozess der Vermittlung wird allerdings nicht genauer analysiert, obwohl das zugrundeliegende Untersuchungsmaterial dazu einlädt.

Die Verfasserin sieht den praktischen Nutzen ihrer Untersuchung als Richtschnur beruflichen Handelns für Journalisten und für PR-Fachleute, die mit Pressemitteilungen arbeiten. Die Lektüre ist darüber hinaus Wissenschaftlern nahe zu legen, die um der großen Fragen der Medialisierung willen die Arbeit am Kleinen ABC der Differenzierung von Medientexten vernachlässigen.

Literatur:

  • Bachmann, Cornelia: Public Relations: Ghostwriting für Medien? Eine Linguistische Analyse der journalistischen Leistung bei der Adaption von Pressemitteilungen. Bern, Frankfurt/M. u. a. [Peter Lang] 1997. Reihe Zürcher Germanistische Studien, Band 49, 252 S.
  • Blomqvist, Clarissa: Über die allmähliche Veränderung der Nachricht beim Redigieren. Eine linguistische Analyse der Nachrichtenbearbeitung bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und verschiedenen deutschen Tageszeitungen. Frankfurt/M. u. a. [Peter Lang] 2002.  Reihe Sprache in der Gesellschaft. Beiträge zur Sprachwissenschaft, Band 27, 274 S.
  • Lang, Hans-Joachim: Pressemitteilungen im Kommunikationsfluss politischer Nachrichten. Eine Fallstudie über den Einfluss politischer Werbung auf Nachrichtentexte. Frankfurt/M. u. a. [Peter Lang] 1980, Europäische Hochschulschriften: Reihe 21, Linguistik, Band 9, 193 S.
  • Merten, Klaus: Inhaltsanalyse. Einführung in Theorie, Methode und Praxis. 2., verb. Auflage. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995, 406 S.

Links:

Über das BuchCathrin Christoph: Textsorte Pressemitteilung. Zwischen Wirtschaft und Journalismus. Konstanz [UVK] 2009, 253 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseCathrin Christoph: Textsorte Pressemitteilung. von Baerns, Barbara in rezensionen:kommunikation:medien, 11. März 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4491
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Rezensent/in
Dr. Barbara Baerns, Univ.-Prof. a.D., war 1989 bis 2004 Professorin für Theorie und Praxis des Journalismus und der Öffentlichkeitsarbeit im Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Sie verantwortete den Studienschwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit und den postgradualen integrierten Studiengangs European Master's Degree in Public Relations (Communication Management). 1982 bis 1989 war sie Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.