Harald Bader (Hrsg.): Reim und Revolution

Einzelrezension
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Rezensiert von Rudolf  Brandmeyer

Einzelrezension
Das europäische Revolutionsjahr 1848 hat im deutschsprachigen Bereich keine große politische Lyrik hervorgebracht. Entsprechend gering ist das Interesse der Forschung; es gilt eher den  Gedichtbänden der Heine, Herwegh, Hoffmann, Grün, Freiligrath und Dingelstedt, die alle vor der Märzrevolution erschienen sind. Umso erfreulicher ist es, dass mit der anzuzeigenden Anthologie deutscher Zeitungsgedichte der Jahre 1848-1850 eine Spielart und ein kaum beachteter Zeitraum politischer Lyrik neu in den Blick gerät: In diesen Gedichten kommentieren und interpretieren literarisch ambitionierte Zeitungsleser das jeweils aktuelle Revolutionsgeschehen. Der heutige Leser rückt also mit diesen Texten nahe heran an die revolutionären Ereignisse bzw. an ihre literarisch  mehr oder minder anspruchsvoll gefilterten Verarbeitung. “Die poetische Kraft dieser 100 Gedichte ist sehr unterschiedlich. Manches ist banal, manches weise, manches so plastisch, dass sich der interessierte Leser als Augenzeuge wähnen darf” (10).

Der Herausgeber hat sich bei seiner Auswahl auf sechs Zeitungen beschränkt, die “das politische und geographische Spektrum” (10) sinnvoll abdecken. Die Druckvorlage der Texte wird jeweils angegeben, die originale Rechtschreibung beibehalten. Dabei dokumentieren die Gedichte – in chronologischer Anordnung und mit sachlichen Erläuterungen versehen –  ganz besonders das Revolutionsjahr selbst, und zwar sowohl mit seinen wesentlichen innen- und außenpolitischen als auch sozialen Fragen. Die Texte gehen konkret auf die jeweils tagespolitisch aktuellen Themen ein  und in diesem Zusammenhang wollen sie auch – in revolutionärer oder konservativer Absicht – wirken. Die Reflexion, sofern sie nicht in Anspielungen auf Erneuerungsmythen der deutschen Geschichte präsent ist (Barbarossa u. ä.), tritt zurück zugunsten von präziser Kritik, Aufrufen und Handlungsanweisungen. Es ist keine politische Lyrik in der Nachfolge Heines, aber auch nicht das von ihm so bissig kommentierte, abstrakte Pathos eines Herwegh. Beobachten kann der Leser vielmehr den Versuch, in lyrischer Form politisch argumentieren und agieren zu wollen.

Die Anthologie verbindet also “Journalismus- und Lyrikgeschichte” (8). In genau dieser Verbindung liegt ihr Wert, und an diesem Punkt stellen sich die Fragen nach einer Auswertung, auf die der Herausgeber in seiner leider sehr knapp gehaltenen Einleitung nur in Form von Hinweisen und Anspielungen eingeht. Neben dem titelgebenden Begriff der Zeitungsgedichte werden drei Begriffe angeboten, mit deren Hilfe eine Synthese des dargebotenen Materials möglich erscheint: “politische Lyrik” (8), “Leserlyrik” (9) und “Gebrauchslyrik” (ebd.). Es bleibt aber bei einer additiven Zusammenstellung der nicht weiter explizierten Begriffe. Dabei bieten sie je für sich nicht wenige Möglichkeiten von Analyse und Synthese, die in gewichtigen Monographien auch jeweils erprobt worden sind.

In einem verbesserten Literaturverzeichnis wünschte sich der wissenschaftlich interessierte Leser die mit den angebotenen Leitbegriffen beschäftigten Arbeiten aufgeführt zu finden. Offensichtlich hat der Herausgeber seine editorische Arbeit noch nicht auswerten wollen, und eine Rezension kann diesen Mangel nicht kompensieren. So viel aber liegt nach einer Lektüre dieser hundert Gedichte nahe: Die germanistischen Begriffe könnten, und zwar wegen ihrer formal- und gattungsästhetischen Ausrichtung weniger geeignet sein, dem besonderen Erscheinungsbild von durchweg  schwacher Formleistung und starkem Engagement gerecht zu werden. Vielversprechender scheint der Begriff des “Zeitungsgedichts”, der das Medium akzentuiert und eine Analyse auf deren spezifische Bedingungen für das Gedichte-Machen verpflichtet. Dann könnte es auch ein germanistisch relevanter Gattungsbegriff werden, mit dem eine besondere Form der politischen Lyrik neben der der Buchlyrik sichtbar würde.

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  • Verlagsinformationen zum Buch
Über das BuchHarald Bader (Hrsg.): Reim und Revolution. Hundert deutsche Zeitungsgedichte 1848-1850. Norderstedt [Books on Demand] 2009, 128 Seiten, 12,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseHarald Bader (Hrsg.): Reim und Revolution. von Brandmeyer, Rudolf in rezensionen:kommunikation:medien, 25. Januar 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4428
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Rezensent/in
Dr. Rudolf Brandmeyer ist ehemaliger Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen und Experte für Lyriktheorie.