Joachim Westerbarkey (Hrsg.): End-Zeit-Kommunikation

Einzelrezension
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Rezensiert von Oliver Bidlo

Einzelrezension
Das Thema Zeit hat in Wissenschaft und Philosophie einen festen Platz. Schon oft und ganz verschieden wurde sich diesem Thema genähert, die Anschlussmöglichkeiten scheinen dabei nahezu unbegrenzt. Der hier besprochene Sammelband, der das Thema Zeit durch die Begrifflichkeit End-Zeit-Kommunikation näher bestimmt, fällt in diesem Zusammenhang zunächst durch seine Heterogenität der Beiträge auf. Er ist kein wirklicher Konzeptband, der durch eine gewisse Vorgabe ein Maß an Stringenz erreicht. Der Grund hierfür liegt wohl in seiner Entstehungsgeschichte, auf die vom Herausgeber im Geleitwort eingegangen wird. Die Textsammlung ist das Ergebnis der letzten Vorlesungsreihe des Herausgebers Joachim Westerbarkey – seines Zeichens pensionierter Hochschullehrer für Publizistik und Kommunikationswissenschaft – an der Universität Münster, zu der Kollegen zu Beiträgen aufgerufen wurden, die inhaltlich mit eigenen Akzenten versehen werden konnten.

Das Thema End-Zeit-Kommunikation versammelt bei Weitem nicht nur Texte, die man im Rahmen eines kommunikations- wissenschaftlich orientierten Bandes hätte erwarten können, sondern auch so unterschiedliche – inhaltlich wie im sprachlichen Duktus – Aufsätze wie die soziale Konstruktion von Leben und Tod, Zeitvorstellungen in der PR, Mutmaßungen zur Mode oder den letzten und abseitigen Beitrag von Nimra Losch (in den Bionotes als ein Pseudonym ausgewiesen, wobei sich vermuten lässt, dass es sich um ein Palindrom handelt und damit der Autor Armin Scholl gemeint ist, der sich ebenfalls mit einem Aufsatz im Band befindet) “Die Zeit der Katze. Wie das Zusammenleben mit Katzen die Tier-Mensch-Kommunikation entwickelt”.

Wie gesagt, gänzlich lassen sich solch unterschiedliche Beiträge nicht oder nur kaum konzeptionalisieren. Aus diesem Grund – so darf man vermuten – gibt es nur ein Geleitwort und keine Einleitung, die z. B. die unterschiedlichen Bezüge der Beiträge untereinander, ihre Bedeutung für das Thema oder eine mögliche Zielsetzung des Bandes hätte hervorheben können. Wer aber darüber hinwegsieht und sich auf die kaleidoskopartigen Themen zum Topic End-Zeit-Kommunikation einlässt, findet zu diesem Thema eine Reihe von interessanten und bunten Aufsätzen. Nicht alle können hier erwähnt bzw. besprochen.

Der Band ist in insgesamt sieben Teile gegliedert. Der erste Teil ZeitVorstellung nähert sich in drei Aufsätzen dem Thema Zeit. Joachim Westerbarkey legt in seinem Beitrag “Zeit – Annäherung an ein Phantom” – dem man anmerkt, dass er Schriftergebnis einer Vorlesung ist – ausgewählte Aspekte des Phänomens Zeit dar: Es werden kurz einige Zeitmodelle vorgestellt wie das zirkuläre, das lineare und eine Modellkombination; daran anschließend macht er deutlich, dass diese Konstruktionen von Zeitmodellen letztlich zwar dem Ordnungswunsch der Menschen (oder der Wissenschaftler) entgegen kommen, aber man vielmehr von Zeitfragmenten sprechen muss, weil die Zeit allein im Verlauf eines Tages durch Warten, Schlafen, Reisen und Verweilen, Erinnern und Vergessen ganz unterschiedlich erfasst wird.

Westerbarkey führt über zu George H. Meads Identitätskonstitution und stellt entsprechend die Prozesshaftigkeit derselben hervor, was zwar interessant, aber für den vorher gesetzten Rahmen nur bedingt einsichtig bzw. verständlich ist. Zum Abschluss wirft er die interessante Frage auf, die für das Thema End-Zeit-Kommunikation von Bedeutung ist: “Endet aber alle Zeit mit unserem Tod, weil sie subjektiv, beobachterabhängig ist, oder nur unsere?” (14).

Siegfried J. Schmidts Beitrag “immer ist jetzt” thematisiert den Aspekt, dass uns letztlich immer nur die Gegenwart habhaft ist, sich alles in Übergängen, in Bereichen des Zwischen abspielt, dass wir keinen Anfang (Vergangenheit) und Ende (Zukunft) fassen können, und dass es Zeit, so wie wir sie derzeit empfinden – von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft verlaufend – nur aufgrund von ordnenden Geschichten und Diskursen gibt. Zeit wird zur Sinnstruktur, die wiederum zur Zeitstruktur wird. Albert Leiß fasst in “Zeit aus der Sicht der Physik” sehr unterhaltsam einige physikalische Zeitaspekte (z. B. das Zwillingsparadoxon) zusammen.

Im zweiten Teil EndZeitVisionen thematisiert ein Beitrag (Florian Pointke) die Klimakatastrophe – sowie die damit verbundene mögliche Selbstzerstörung der Menschheit – und ihre mediale Darstellung und stellt damit ein gutes Beispiel für Endzeitkommunikation dar. Der zweite Beitrag (Jurek Skrobala) aus diesem Teil des Bandes wendet sich den Endzeitvisionen und -vorstellungen einiger ausgewählter Postmodernetheoretiker zu. Die Auswahl der Theoretiker Virilio, Baudrillard, Flusser und McLuhan ist gut durchdacht und ihre Darstellung spannend. Virilio entwickelt mit seiner Dromologie die immer enger werdende Verquickung von Mensch und Medium und den Weg hin zum rasenden Stillstand: in nahezu Lichtgeschwindigkeit zu kommunizieren und andere Orte zu besehen, ohne den physischen Körper in Bewegung setzen zu müssen. Das postmoderne Thema End-Zeit knüpft “an eine lange Tradition endzeitlicher Prognostik an” (63). Eine solche Sichtweise reicht von Hegel, Nietzsche, Weber, Anders oder Foucault u. a. Die einzige ergebnisoffene Konzeption – unter den vier besprochenen – einer mediendominierten Gesellschaft findet sich bei Vilém Flusser, der letztlich die Möglichkeiten der Entwicklung einer Gesellschaft, die von Technobilder und Medien dominiert wird, sowohl in Richtung Faschismus als auch einer echten Demokratie sieht. Das betont ebenfalls Sonja Yeh in ihrem Beitrag, der die gleichen Theoretiker ergänzt um Friedrich Kittler behandelt, und diese nach der Metaphorik des Endes befragt.

Der dritte Teil SterbenLeben gibt einen interessanten Einblick in die sozialen Konstruktionen von Sterben und Tod und spürt über Fragen nach dem Einfluss des Fernsehens auf die Vorstellung vom Sterben dann den virtuellen Friedhöfen nach, die sich mittlerweile im Internet etabliert haben. Der vierte Teil EndZeitWorte springt von den sogenannten Memory Books (Saskia Bell) zu den School Shootings (Robert Kahr) und von dort zu dem sehr interessanten Beitrag von Klaus Merten Mose in der Wüste: die Anfänge des Kommunikationsmanagements, in dem er die fünf Bücher Mose “unter rein kommunikativer Perspektive verhandelt” (142). Diese kommunikationswissenschaftliche Lesart des biblischen Textes führt Merten zu dem Schluss, “dass die Lüge keinesfalls nur für die small-talk-Konstruktionen von Wirklichkeit dient, sondern gerade bei den ganz großen sozialen Ideen und Institutionen (Religion ist eine solche) eingesetzt werden muss und daher unverzichtbar ist” (151).

Teil fünf SystemZeit wendet sich zum einen dem Thema Vertrauen und ihrer Bedeutung für die Zukunft zu. Vertrauen ist Risiko, weil es “auf eine zeitaufwändige Kalkulation und Delegation des Risikos verzichtet“ (Matthias Kohring, 162, Hervorheb. im Original) und damit ist vertrauensvolles Handeln ein Handeln auf unsicherem Boden. Armin Scholl und Joachim Preusse werfen in ihren Beiträgen einen Blick auf die Zeitvorstellungen im Journalismus, wobei Scholl weniger die Bedeutung der Zeit für den Journalismus behandelt, als vielmehr einen Definitionsversuch für Journalismus erarbeitet und dabei eine funktional systemtheoretische Sichtweise bevorzugt. Preusse hingegen sieht im Thema Zeit einen wichtigen Aspekt für die PR-Praxis, da gerade die PR auf langfristige Überzeugungen hin ausgerichtet ist und weniger auf eine kurzfristige, auf Überredung zielende Werbung.

Christoph Neuberger wirf zu Beginn des sechsten Kapitels MedienZeitKulturen in seinem Beitrag die Frage nach dem (möglichen) Zeitgewinn und seiner Verwendung durch die Nutzung des Internets in Redaktion auf und kommt zum Ergebnis, dass ein möglicher Zeitgewinn nicht in der Redaktion verbleibt, sondern an das Publikum durch die schnellere Informationsweitergabe weitergegeben wird. Mit André Donks Beitrag ist daran anschließend zu fragen, ob Medien in der Tat Erinnerungsgeneratoren sind oder aufgrund ihrer Geschwindigkeit und des permanenten ‘Nachschiebens’ von neuen Informationen letztlich Erinnerung nicht zerstören und zu einem eher okkasionellen Zeitbewusstsein führen, das nur zwischen Jetzt und Nicht-Jetzt differenzieren kann. Im Gegensatz dazu sind die Mode (Westerbarkey) und der Comic (Herbers) eher dadurch gekennzeichnet, dass ihre Repräsentation mehr einem dynamisch gedachten Zeitfluss folgt.

Abschließend werden im siebten Teil UnGleichZeitiges einige abseitige, aber originelle Themen (Studentenbewegung der 1960er Jahre und ihre Musik, die Zeit der Katze) behandelt, die nur bedingt in den Rahmen passen, aber dennoch unterhaltsam sind.

Fazit: Die vorherige Vorstellung folgt dem bereits oben beschriebenen Hinweis, dass es keine strenge Konzeptionalisierung im Band selbst gibt, sondern die Beiträge meist lose nebeneinanderstehen und durch Kapitel in Form gebracht wurden. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dem Band – neben Altbekanntem – eine Reihe interessanter Beiträge zu finden sind, die dem Thema End-Zeit-Kommunikation gerecht werden.

Links:

Über das BuchJoachim Westerbarkey (Hrsg.): End-Zeit-Kommunikation. Diskurse der Temporalität. Reihe: Beiträge zur Kommunikationstheorie, Band 26. Münster [LIT-Verlag] 2010, 289 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseJoachim Westerbarkey (Hrsg.): End-Zeit-Kommunikation. von Bidlo, Oliver in rezensionen:kommunikation:medien, 30. November 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4222
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Rezensent/in
Dr. Oliver Bidlo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen und u.a. Autor des Buches Rastlose Zeiten. Die Beschleunigung des Alltags, erschienen im Oldib Verlag.