Stephan Braese: Eine europäische Sprache

Einzelrezension
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Rezensiert von Ulrike Haß

Einzelrezension
Spätestens am Ende des 18. Jahrhunderts begannen die in den deutschen Kleinstaaten lebenden Juden sich außer einer regionalen Spielart des Jiddischen, neben dem Hebräischen und weiteren Sprachen wie Polnisch, Französisch usw. der sich soeben entwickelnden überregionalen deutschen Standardsprache zu bedienen und sie auf diese Weise allererst mit zu konstituieren. Thema des zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft angesiedelten Buches ist die Art und Weise sowie die Reflexion und Haltung, mit der einige bedeutende Repräsentanten der ‘deutschen’ Juden diesen Sprachwechsel bzw. diese Mehrsprachigkeit kulturell umsetzten. Umsetzung und Performanz nennt der Autor zu Recht “deutsche Sprachkultur von Juden”. Deutsche Sprachkultur, weil es um die deutsche Sprache geht, die erst im langen 19. Jahrhundert ihre Entwicklung aus einer Vielzahl lokaler und regionaler Dialekte zu einer letztere überdachenden, überregionalen und (ansatzweise) normierten Sprache vollzog. An dieser Entwicklung mit ihrem spezifischen Resultat, der deutschen National-, Literatur- oder Kultursprache (die Bezeichnungen sind keineswegs fest und drücken komplexe Ideologien aus), haben viele Faktoren Anteil.

Einer davon ist die “Ethnifizierung” auch der deutschen Sprache “durch die europäischen Nationalbewegungen” (Klappentext). Das heißt, dass vor allem in Deutschland die Identifikation von Sprache und Nation mithilfe inkludierender und exkludierender Metaphern besonders eng und emphatisch betrieben wurde. Vor diesem ideologischen Hintergrund der Mehrheitsgesellschaft steht aber ein weiterer Faktor der sprachgeschichtlichen Entwicklung, nämlich der Anteil der deutschen Juden bzw. jüdischen Deutschen an ihr. Und auf diesen Anteil, mehr noch: auf die besonderen Qualitäten und produktiven Praxen der sprachkulturellen Aktivitäten von Juden, die den Schritt zur Ethnifizierung des Deutschen gerade nicht mitgehen konnten, sondern sich für seinen kulturellen, religiös-sakralen und wissenschaftlichen Wert begeisterten, legt Stephan Braese den Fokus seines Buchs.

Nach einem einführenden Kapitel, in dem die grundlegenden Begriffe, allen voran der Begriff der Sprachkultur, unter Bezugnahme auf wichtige soziolinguistische und kulturwissenschaftliche Arbeiten (Angelika Linke, Werner Holly, Rainer Wimmer, Harald Weinrich und andere) erläutert werden, wendet sich das Buch den Sprachbiografien folgender Männer zu: Moses Mendelssohn, Salomon Maimon, Heinrich Heine, Ludwig August Frankl, Sigmund Freud, Karl Kraus, Franz Kafka und Victor Klemperer. Braeses Ansatz steht in diesen Kapiteln dem Verfahren der ‘dichten Lektüre’ von Clifford Geertz nahe und ist im besten Sinne philologisch. Texte und Äußerungen der Genannten werden en detail und subtil interpretiert.

Das liest sich spannend und äußerst anregend, auch wenn der in der Linguistik beheimateten Rezensentin dabei immer wieder die Frage nach den verallgemeinerbaren, soziologisch-soziolinguistischen Aspekten in den Sinn kommt. Freilich will Stephan Braeses Buch diese Frage gar nicht beantworten und es ist überdies fraglich, ob man irgendwelche verlässlichen Zahlen und Fakten zu Sprechergruppen, kommunikativen Kontexten und bildungshistorischen Rahmenbedingungen für den Zeitraum 1760 bis 1930 erheben könnte. Aber zu den Sprachpraxen von Juden in Deutschland gehören z. B. auch überlieferte Texte wie die Memoiren der Glückel von Hameln (Ausgabe Weinheim 1994) aus dem 17. Jahrhundert, die deutsche Syntax mit hebräischer Lexik und wohl auch französischen und anderen europäischen Lehnwörtern verband, also eine Art Jüdisch-Deutsch als Frau bereits schrieb, als christlich-deutsche Frauen von Bildung noch nicht einmal zu träumen wagten. Solche Zeugnisse zu dokumentieren und sprachhistorisch einzuordnen, bleibt ein Desiderat – komplementär zu den ‘Nahaufnahmen’ dieses Buches.

Braeses Interesse gilt der besonderen Qualität und Produktivität einer reflektierten Sprachpraxis jüdischer Mehrsprachigkeit in einer deutschsprachigen Umgebung unter je spezifischen kulturellen Bedingungen. Die Mehrsprachigkeit übersprang sowohl territoriale als auch religiöse und kulturelle Grenzen. Dies wird im Buch selbst auch viel seltener mit dem Etikett ‘europäisch’ versehen als es der Titel nahelegt. Doch erscheinen die sowohl erzählten als auch erklärten sprachreflexiven Welten der Juden in der Tat umso eher ‘europäisch’, als der Autor sie mit den nationalideologischen Überhöhungen der deutschen Sprache durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft kontrastiert. Diese historischen Kapitel haben uns heute schon deshalb zu interessieren, weil sie die Möglichkeiten einer “genuin europäischen Sprache […], einer Sprache, deren Kultur Herkunft und Geburt nichts, Wissbegier fast alles bedeutete” (28) erkennen helfen.

Links:

Über das BuchStephan Braese: Eine europäische Sprache. Deutsche Sprachkultur von Juden 1760-1930. Göttingen [Wallstein Verlag] 2010, 346 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseStephan Braese: Eine europäische Sprache. in rezensionen:kommunikation:medien, 20. November 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4177
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Rezensent/in
Dr. Ulrike Haß ist Professorin für Linguistik der deutschen Sprache an der Universität Duisburg-Essen.