Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Bildtheorien

Einzelrezension
4408 Aufrufe

Rezensiert von Viktor Bedö

Einzelrezension
Eine der expliziten Zielsetzungen des Bandes Bildtheorien ist das Identifizieren von Anhaltspunkten zur Beantwortung der Frage, ob Bildgebrauch zu den Schlüsselmerkmalen des Menschen gerechnet werden könne. Diese Zielsetzung wird nicht nur durch den Begriff ‘Anthropologie’ im Untertitel des Bandes widergespiegelt, sondern auch durch den in der Einführung preisgegebenen Arbeitstitel Bild und menschliches Selbstverständnis. Hier erscheint auch eine etwas andere Formulierung derselben Frage, nämlich ob Bildgebrauch auf die selbe Weise wie Sprache ein unverwechselbares und notwendiges Merkmal des Menschen sei. Bildlichkeit, beziehungsweise die Frage nach einem visualistic turn, wird also schon in der Einleitung in einem direkten Vergleich oder auch Gegenüberstellung mit Sprachlichkeit behandelt.

Um die oben genannte Frage besser beleuchten zu können, wird der Versuch unternommen, mit den Beiträgen einen Bogen zu spannen: die Kontexte des Bildgebrauchs, beziehungsweise des Bildverstehens, werden angefangen bei den stammesgeschichtlichen Anlagen des Menschen bis hin zu dem kulturellen (oder kulturgeschichtlichen) Kontext untersucht. In dieses Unterfangen werden unter anderem Disziplinen wie Kunsttheorie, Philosophie aber auch Archäologie mit einbezogen. Denn, so der Herausgeber Sachs-Hombach, bei aller Unklarheit der Grenzen des Begriffes Bildwissenschaft kann als vorausgesetzt gelten, dass es sich bei der Bildwissenschaft um ein interdisziplinäres Unterfangen handelt. Eine weitere explizite Zielsetzung des Bandes ist, einen systematischen Überblick zur neueren Geschichte der Bilderdebatte sowie zu den gegenwärtigen bildtheoretischen Positionen zu geben. Vor allem die Beiträge über Semiotik und analytische Ansätze sind in dieser Hinsicht besonders hilfreich, und auch der Beitrag über Phänomenologie gibt Einblick in die relevanten Stichwörter der phänomenologischen Debatte.

Der erste Teil des Bandes widmet sich den anthropologischen Grundlagen der Bildherstellung und des Bildgebrauchs. Der Beitrag Bild und Evolution von Franz M. Wuketits kann als Versuch gewertet werden, einen kurzen Bogen von den Primatenvorfahren des Menschen bis zum Menschen als Kulturwesen zu spannen. Als Ausgangspunkt dienen hierzu Annahmen zu den stammesgeschichtlichen Ursprüngen visueller Kommunikation und den Anfängen der Symbolisierung (mitunter die Frage, ob das Bild oder das Wort zu erst da gewesen sei). Gerhard Bosinskis Text Das Bild in der Altsteinzeit liefert einen Überblick über Bildfunde und Motive der ersten durch Menschen geschaffenen Abbildungen aus der Altsteinzeit. Jan Assmanns Altägyptische Bildpraxen und ihre impliziten Theorien demonstriert, dass sich aus einer Bildpraxis auch dann eine implizite Theorie ablesen lässt, wenn es in der Entstehungszeit der Bilder keine theoretischen Reflexionen über diese gab oder diese nicht überliefert wurden. Als Beispiel rekonstruiert Assmann eine implizite altägyptische Theorie des Bildes als Leib, der durch rituelle Handlungen beseelt werden kann.

Das von Wolf Singer verfasste Kapitel Das Bild in uns geht auf kognitiv-wissenschaftliche Aspekte der visuellen Sinneswahrnehmung ein, unter anderem auch auf das Vorurteil, dass Bildwahrnehmung einer Abbildung des Netzhautbildes entspreche. Die im Text gezogenen erkenntnistheoretischen Konsequenzen bezüglich einer epistemologischen Hierarchie der Sinnesmodalitäten liefern jedoch Stoff für eine weitere philosophische Debatte. Sichtbar machen ist ein Beitrag von Hans-Jörg Rheinberger, und befasst sich mit Bildern als Instrumente der wissenschaftlichen Arbeit, die in Handlungsabläufe experimenteller Zyklen eingebettet sind. Diese Beschreibung einer gar nicht so marginären Art des Bildgebrauchs beleuchtet einen überaus wichtigen Aspekt der Bildlichkeit, insofern der Sinn wissenschaftlicher Bilder nicht notwendigerweise durch Abbildungskonventionen und Symbolisierung bestimmt wird, und somit zum Großteil noch “diesseits von Bildkritik und Schriftkritik” verortet werden kann.

Der Beitrag Abbilder und Entwürfe von Oliver Robert Scholz gibt einen sehr klaren Einblick in die Problemlage, die sich aus dem Vermächtnis der Platonischen Theorie ergibt, welche Bilder als ‘Abbilder’ im Sinne einer Art Kopie betrachtet (so zum Beispiel das Problem, dass laut Scholz Nachahmungs- und Ähnlichkeitstheorien nur eine Richtung der Passung zwischen Bild und Welt beachten). Zum Abschluss liefert Scholz Vorschläge für eine adäquate Bildtheorie in der semiotischen Tradition, indem er Bildsysteme als konventionale Zeichensysteme bestimmt, die in weitläufige Zeichenspiele eingebettet sind.

Der zweite Teil des Bandes über Theoriegeschichte besteht aus Texten über Kunsttheorie und Philosophie. So fasst der Beitrag Die Sichtbarkeit des Bildes und der Anblick der Welt von Stefan Majetschak die Kunsttheorie Konrad Fiedlers zusammen. Hier wird noch einmal die Distanzierung von der weitverbreiteten Auffassung vorgenommen, das Sehen eine bloße Widerspiegelung des Netzhautbildes sei. Laut Fiedlers Theorie beginnt die bewusste “Arbeit des Sehens” als künstlerische Tätigkeit dort, wo die unentwickelte, unkonventionell geprägte Anschauung des Alltags aufhört. Somit liefert auch dieser Beitrag (ähnlich wie Reichenberger) einen Beleg für vorsymbolische, beziehungsweise vorkonventionelle Aspekte des Visuellen. Atlas und Mnemosyne von Michael Diers setzt sich mit den Bildtafeln von Aby Warburg auseinander. Dieser Text beschreibt viel mehr eine Arbeitspraxis und eine Umgangsform mit Bildern als eine Theorie, und macht dadurch anschaulich, wie eng Bildgebrauch und Bildtheorie zusammenhängen.

Das von Felix Thürlemann verfasste Ikonographie, Ikonologie, Ikonik liefert eine Erklärung ebendieser Begriffe und gleichzeitig einen Einblick in die Bildtheorien von Panofsky und Imdahl. Der Beitrag Bildsemiotik von Winfried Nöth bietet eine klare und gebündelte Zusammenfassung dessen, was Semiotik heißt und inwiefern Bilder als Zeichen thematisiert werden können. Hierbei weist der Text auf implizite und explizite semiotische Ansätze in der bildwissenschaftlichen Debatte hin. Ebenso nennt Antje Kapusts Text Phänomenologische Bildpositionen relevante Stichwörter der phänomenologischen Debatte um das Bild. Bildtheorien der analytischen Tradition von Jakob Steinbrenner fasst analytische Ansätze der Bilderdebatte äußerst übersichtlich zusammen. Gleichzeitig geht der Text auch auf den aktuellen Stand der Debatte ein, indem er die Argumente der Konventionalisten einerseits und der Verfechter der Ähnlichkeitstheorien andererseits aufführt.

Der dritte Teil des Bandes trägt den Titel Visual Culture und setzt sich mit der Einbettung des Bildergebrauchs in unsere Kultur auseinander. W.J.T Mitchells Text Vier Grundbegriffe der Bildwissenschaft hält das, was der Titel verspricht: eine – wohlgemerkt äußerst bündige – Beschreibung von den Begriffen pictorial turn, image/picture, Metabilder und Biobilder. Letzterer ist ein Begriff, mit den man noch nicht so oft in der Bilderdebatte konfrontiert wurde, und bezieht sich hauptsächlich auf das Phänomen des Klonens. Tom Holerts Regimewechsel. Visual Studies, Politik, Kritik ist eine essayistische Abhandlung über Massenmedien und Macht, in dessen Mittelpunkt der Situation Room der Fernsehserie The West Wing gestellt wird. Gustav Franks Literaturtheorie und visuelle Kultur setzt sich mit den Linien des Konflikts zwischen Schrift und Bild auseinander und plädiert für die Literatur- und Textgeschichte als Einflussgröße in der visuellen Kultur. Klaus Sachs-Hombachs und Jörg R.J. Schirras Text Medientheorie, visuelle Kultur und Bildanthropologie kann als Entwurf gelesen werden, den Bogen von den anthropologischen Grundlagen des menschlichen Sehens zum kulturellen und technologischen Kontext des zeitgenössischen Bildgebrauchs noch einmal nachzuzeichnen. Gleichzeitig wird im Hintergrund doch noch ein disziplinärer Zuordnungsversuch von Bildwissenschaften vorgenommen: Hinweise aus Medien- und Kommunikationstheorien werden aufgegriffen, eine Distanzierung von der Sprachphilosophie und den visual cultural studies wird vorgenommen.

Abschließend sollen zwei Bemerkungen hinzugefügt werden. Die erste bezieht sich auf die erkenntnistheoretische Stellung des Bildes allgemein, aber auch im Bezug auf Sprache. Das in der Einführung vorgeführte Argument, dass die Rede von einen visualistic turn in der Analogie eines linguistic turns deshalb problematisch sei, weil Bilder hinsichtlich ihrer epistemologischen Funktionen nicht vollkommen analog mit Sprache sind, ist leicht nachzuvollziehen. Mit der Gegenüberstellung von Bildfähigkeit und Sprachfähigkeit wird an dieser (und auch anderen Stellen) allerdings suggeriert, dass die Sprachfunktion die fundamentale Grundlage dieses Vergleichs sei, und in dieser Hinsicht wird Bildern gegenüber Sprache gleichzeitig eine (auch erkenntnistheoretisch) untergeordnete Rolle zugesprochen. Reichenbergers Text über den Einsatz von Bildern innerhalb der Praxis der Erkenntnisgewinnung im wissenschaftlichen Arbeiten rückt den epistemologischen Stellenwert des Bildes vielleicht eher ins richtige Licht.

Die zweite Bemerkung bezieht sich auf die Intention des Bandes, auf die grundlegende Verankerung des Bildlichen in den anthropologischen Anlagen des Menschen einzugehen. Hierfür könnte vermutlich eine intensivere Auseinandersetzung mit Verkörperungstheorien (’embodied theories’) beziehungsweise ökologischen Theorien der Wahrnehmung fruchtbar sein (wobei in Wuketits Text ökologische Motivationen des Autors teilweise explizit gemacht werden). Diese Bemerkungen ändern jedoch nichts an dem Umstand, dass der vorliegende Band ein wichtiger Beitrag zur Identifizierung von und Auseinandersetzung mit Fragestellungen darstellt, die sich für Bildwissenschaften als zentral erweisen.

Links:

Über das BuchKlaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Reihe: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft (stw), Band 1888. Frankfurt a.M. [Suhrkamp Verlag] 2009, 437 Seiten, 15,- Euro.Empfohlene ZitierweiseKlaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Bildtheorien. von Bedö, Viktor in rezensionen:kommunikation:medien, 25. November 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4165
Getagged mit: , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Viktor Bedö studierte an der Universität Wien Philosophie und hat an der Universität Pécs (Ungarn) und an der Humboldt Universität Berlin promoviert. Das Thema seiner Dissertation lautet "Interaktive Stadtkarten als Instrumente der Erkenntnis".