Ingo Berensmeyer; Nicola Glaubitz (Hrsg.): K. Ludwig Pfeiffer – Von der Materialität der Kommunikation zur Medienanthropologie

Einzelrezension
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Rezensiert von Kai Sicks

Einzelrezension
Festschriften sind für die Forschung oft von zweifelhaftem Wert. Meist sind die Beiträge zu heterogen, selten wirklich auf das Werk der Jubilare ausgerichtet. Angesichts dieses Umstands kann man Ingo Berensmeyer und Nicola Glaubitz, den Herausgebern der Festschrift für K. Ludwig Pfeiffer, nur gratulieren. Statt eines Bandes, der Beiträge alter Wegbegleiter versammeln würde, haben Berensmeyer und Glaubitz zwölf bedeutsame Aufsätze des 2009 emeritierten Siegener Anglisten und Allgemeinen Literaturwissenschaftlers neu veröffentlicht und um ein kurzes eigenes Vorwort sowie ein Nachwort des Geehrten ergänzt. Dank einer geglückten Textauswahl ist es dem Herausgeber-Duo gelungen, Pfeiffers sich über drei Jahrzehnte stets weiterentwickelndes Forschungsprofil offenzulegen: ein Forschungsprofil, das heute als unverzichtbarer Bestandteil einer medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft betrachtet werden kann, auch wenn (oder gerade weil) sich Pfeiffer nie dem je aktuellen Mainstream unterworfen hat.

Pfeiffers Arbeiten interessieren sich vom Beginn seines Schreibens an nicht für Probleme literarischer Semantik. Zwar haben sie stets das Verhältnis der Literatur beziehungsweise anderer Medien zu ihrem kulturellen Umfeld im Blick. Dabei geht es Pfeiffer aber gerade nicht um die Interaktion von Bedeutungen, wie sie eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Literaturwissenschaft bis heute zumeist beschäftigt. Seine Studien steuern im Gegenteil auf die Frage zu, welche menschlichen Möglichkeiten Literatur und Medien durch die Aktivierung des Imaginären befördern; genauer gesagt: wie Literatur und Medien in unterschiedlichen historischen Kontexten Menschen dazu befähigen, Wirklichkeit zu konstituieren. Ein solches Forschungsinteresse ist weder genuin literaturwissenschaftlich noch philosophisch oder sozialpsychologisch zu nennen, sondern lässt sich mit Pfeiffer in der Tat am ehesten als medienanthropologisch bezeichnen.

Die solchermaßen medienanthropologisch ausgerichteten Aufsätze des Bandes werden in zwei Abteilungen präsentiert. Die erste, “Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte”, umfasst sechs theoretische Texte Pfeiffers, die sechs Texte der zweiten Abteilung, “Situierungen des ästhetischen Spektrums”, sind eher literatur- und medienanalytisch ausgerichtet. Zwischen den Aufsätzen beider Abteilungen gibt es allerdings zahlreiche Verknüpfungen. So gründen die frühen Studien in beiden Bereichen auf einer pragmatischen Theorie der Literatur und Literaturwissenschaft. Pfeiffer wendet sich hier von den im Kern ontologischen Debatten der 1960er und 1970er Jahre ab, indem er nach der Funktion literaturwissenschaftlicher Begriffe (Stil, Fiktion), Gattungen (Allegorie, Detektivroman) oder Theorieschulen (Hermeneutik im Sinne Gadamers und Habermas’, empirische und konstruktivistische Literaturwissenschaft im Sinne S. J. Schmidts) fragt. Als Impulsgeber erweist sich dabei immer wieder die Systemtheorie Luhmann’scher Prägung, deren Beschreibung ausdifferenzierter Systeme Pfeiffer aufnimmt, um zugleich ihre zentrale und absichtsvoll belassene Lücke – den Menschen und seine kommunikativen Bedürfnisse und Fähigkeiten – in den Fokus zu rücken.

Als Scharnierstelle in Pfeiffers Forschung erweist sich  – wie vor einigen Jahren auch von Hans Ulrich Gumbrecht mit Blick auf sein eigenes Werk beschrieben (vgl. Gumbrecht 2004: 17-30) – die Tagung Materialität der Kommunikation am Inter University Centre in Dubrovnik 1987. Auf Einladung Pfeiffers und Gumbrechts betrieben hier Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Disziplinen die Verabschiedung der Hermeneutik und die Gründung einer medienwissenschaftlich fundierten Kulturwissenschaft (vgl. Gumbrecht/Pfeiffer 1988). Für Pfeiffer bedeutete diese Tagung eine Bestätigung seines bisherigen pragmatisch-anthropologischen Ansatzes, zugleich aber auch eine Ausweitung seines Interesses auf performative Medien wie das Theater, die Oper oder den Sport. Der Band repräsentiert diese Schwerpunktverlagerung durch zwei theoretische Texte zum Wandel der Geisteswissenschaften und vier analytische Texte, die sich mit performativen Aspekten der Literatur, mit Theater, Oper und dem Tragischen als medialer Kategorie beschäftigen.

Die Zusammenstellung der Texte gibt dabei zu erkennen, dass Pfeiffer, abgesehen von seiner hier leider nicht repräsentierten Annäherung an den Sport (vgl. Pfeiffer 1999), immer Distanz zu den populären Massenmedien gehalten hat. Das anthropologische Potenzial des Fernsehens oder des Internet hält er mangels “imaginär attraktiver Sättigung” und “emphatischer Gegenwärtigkeit” (311) für zu wenig ausgeprägt, um einer genaueren Untersuchung wert zu sein. Pfeiffers Werk lässt sich damit auch als konstanter Versuch verstehen, die Spezifität und Relevanz ästhetischer Medien, die im kulturwissenschaftlichen Denken zunehmend an Bedeutung gegenüber den Massenmedien verlieren, zu rehabilitieren.

Pfeiffers Texte machen es seinen Lesern indes nicht leicht. Aufgrund ihrer Dichte und ihrem hohen Abstraktionsgrad erfordern sie eine hohe Konzentration – zugleich aber sind sie durch eine außergewöhnliche Argumentations- und Formulierungspräzision gekennzeichnet. Die ausgewählten Studien zeigen einen Wissenschaftler am Werk, der sich mit einem erstaunlich breiten Spektrum an Gegenständen auseinandergesetzt, aber nie mit einfachen Antworten zufrieden gegeben hat. Weil die Argumente stattdessen in jedem Moment überraschend und komplex ausfallen, sind die im K. Ludwig Pfeiffer-Reader publizierten Studien die sorgfältige Lektüre, die sie erfordern, unbedingt wert.

Literatur:

  • Gumbrecht, H.U.: Jenseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2004.
  • Gumbrecht, H.U.; Pfeiffer, K.L. (Hrsg.): Materialität der Kommunikation. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1988.
  • Pfeiffer, K.L.: Das Mediale und das Imaginäre. Dimensionen kulturanthropologischer Medientheorie. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1999.

Links:

Über das BuchIngo Berensmeyer; Nicola Glaubitz (Hrsg.): K. Ludwig Pfeiffer. Von der Materialität der Kommunikation zur Medienanthropologie. Aufsätze zur Methodologie der Literatur- und Kulturwissenschaften 1977-2009. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2009, 344 Seiten, 56,&ndash Euro.Empfohlene ZitierweiseIngo Berensmeyer; Nicola Glaubitz (Hrsg.): K. Ludwig Pfeiffer – Von der Materialität der Kommunikation zur Medienanthropologie. von Sicks, Kai in rezensionen:kommunikation:medien, 13. September 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3784
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Rezensent/in
Dr. Kai Sicks ist Koordinator des European PhD-Network "Literary and Cultural Studies" an der Justus-Liebig-Universität Gießen.