Vinzenz Hediger; Patrick Vonderau (Hrsg.): Films that Work

Einzelrezension
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Rezensiert von Kay Hoffmann

Einzelrezension
Der Industrie- und Imagefilm stand lange nicht im Zentrum der Forschung, obwohl er für viele Produktionsfirmen und Filmemacher eine wichtige ökonomische Grundlage darstellte. Es wurden Tausende von Filmen sowohl für die interne als auch die externe Kommunikation produziert. Dies Forschungsdefizit wurde im vergangenen Jahrzehnt glücklicherweise überwunden und es entstanden – auch international – interessante Studien, die von einer Neuausrichtung der Filmwissenschaft profitierten. Nun stehen nicht mehr der Einzelkünstler als Autor oder das außergewöhnliche Einzelstück im Vordergrund, sondern mit dem Konzept der New Film History wurden diese Filme eingebettet in ihre Produktionsbedingungen. Wichtig wurde ebenso, wie sich eine Firma, ein Konzern oder eine ganze Branche verändert haben. Damit verbunden ist eine serielle Filmanalyse, die sich der Masse der Produktionen komparatistisch nähert.

Die beiden Herausgeber Vinzenz Hediger – Bochumer Stiftungsprofessor der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung, die auch die Übersetzung der Beiträge unterstützt hat – und Patrick Vonderau haben bereits in mehreren Publikationen das Feld bereitet und für dieses Genre den Begriff des “Gebrauchsfilms” ins Gespräch gebracht. Sie sind Spezialisten für diesen Bereich und schlagen in ihrer englischsprachigen Veröffentlichung einen in vielfacher Hinsicht spannenden Bogen. Berücksichtigt wurden nicht nur Beiträge aus verschiedenen europäischen Ländern, sondern ebenso aus den USA. Dies macht einen Überblick zum Stand der Forschung und die verschiedenen Ansätze möglich, die rund 100 Jahre Filmgeschichte umfassen. Insgesamt werden in fünf Kapiteln 26 Beiträge veröffentlicht, die ich trotz ihrer tiefgehenden Recherchen und essayistischen Qualitäten im Rahmen dieser Besprechung nicht ausführlich vorstellen kann.

Wie Thomas Elsaesser betont, gibt es für jeden Industriefilm einen Auftrag, Anlass und Adressaten (23). Die beiden Herausgeber sprechen in ihrer Einführung über den Nutzen solcher Filme für eine industrielle Organisation von den drei “R”: “record (institutional memory), rhetoric (governance) and rationalizition (optimizing process)” (11). Insofern können die Beiträge in dem Band – mal mehr, mal weniger – als historische Epistemologie von Medien in sozialen und industriellen Strukturen gelesen werden. Auf der einen Seite haben sich in diesem Genre gewisse Standards entwickelt, beispielsweise für den Produktionsablauf von der Anlieferung der Rohmaterialien und deren Verarbeitung bis hin zum Versand der fertigen Produkte. Auf der anderen Seite gibt es häufig Freiräume, die von den Kreativen auch genutzt wurden, um eine Originalität der Imagefilme zu erreichen, die für ein externes Publikum zum Teil mit hohen Budgets produziert wurden, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Gerade zur Produktion und Rezeption fehlen häufig begleitende Unterlagen, die für die Einschätzung der Produktion eminent wichtig wären.

Der Band belegt die Stärken des neuen Ansatzes. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Filme, sondern ebenso Filmabteilungen der Firmen (z. B. Krupp, VW, Renault, Shell, Bell, Bata), die unterschiedlichen Einsatzbereiche von Schulung bis zum Verkauf, die Filmproduktionsfirmen (z. B. Jam Handy Organization, Centron), Organisationen wie Gewerkschaften sowie Länderüberblicke. Damit nachgezeichnet wird zugleich die Entwicklung der industriellen Produktion, von der halbmechanischen industriellen Produktion über die Fließbänder bis hin zur Automatisierung und dem Siegeszug der Computer in allen Bereichen. Für Krupp analysiert Vinzenz Hediger die Einführung des modernen Rechnungswesens schon Ende der 1920er Jahre. “Alfred Krupp, for one, ordered that his factories be photographed on Sundays only, and preferably on sunny spring days, in order to create an image of cleanliness and quiet, rather than one of potentially harmfull activities” (142). Die Filme spiegeln gesellschaftliche Normen wider, ob nun die Filme von Gilbreth zur Optimierung des Arbeitsablaufs oder eine Reihe von Videos, die zwischen 1970 und 1984 für das Kommunikationsunternehmen Bell produziert wurde. Sie werden von Heide Solbrig sehr genau analysiert. Damit wollte man Frauen und schlechter bezahlte Minoritätengruppen anwerben, trainieren und Gleichbehandlung propagieren. “There are several reasons that the study of corporate media is especially suited to help us understand how US corporations have negotiated between the economic, political, and social dimensions of citizenship during the implementation of affirmative action” (268). In eine ähnliche Richtung gehen die Filme über industrielles Management, die das Publikationshaus McGraw-Hill nach dem Zweiten Weltkrieg auch für den internationalen Markt produzierte, wie Ramón Reichert aufzeigt.

Diese fundierte Studie geht ebenfalls auf die Archivsituation ein. Die Mehrzahl der produzierten Filme ist nicht überliefert oder nur fragmentarisch erhalten. Ähnliches gilt für die Hintergrundinformationen zu den Produktionen. Trotzdem zeigt dieser Sammelband sehr deutlich, wie lohnend die intensive Auseinandersetzung mit den Gebrauchsfilmen sein kann. Hier liegt noch ein großes Potenzial für weitere vertiefende Untersuchungen. Sie können so aussagekräftig sein, da die Filme symbolisch aufgeladen sind und häufig ein Wunschbild des Fortschritts transportieren.

Eine kommentierte Bibliografie zum Industriefilm ergänzt dieses hervorragende Standardwerk, das nicht nur für Filmhistoriker interessant ist, sondern ebenfalls für Gesellschaftswissenschaftler und Ökonomen. Es beweist, welche Bedeutung den Gebrauchsfilmen für die visuelle Geschichte moderner Industriegesellschaften zukommt.

Links:

Über das BuchVinzenz Hediger; Patrick Vonderau (Hrsg.): Films that Work. Industrial Film and the Productivity of Media. Amsterdam [Amsterdam University Press] 2009, 496 Seiten, 39,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseVinzenz Hediger; Patrick Vonderau (Hrsg.): Films that Work. von Hoffmann, Kay in rezensionen:kommunikation:medien, 9. September 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3746
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Rezensent/in
Dr. Kay Hoffmann ist Filmpublizist und Filmhistoriker. Er arbeitet seit 2007 als Studienleiter Wissenschaft im Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Dokumentarfilm und zur Digitalisierung.