Susanne Fengler; Bettina Vestring: Politikjournalismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Mathias Rentsch

Einzelrezension
Es ist kein leichtes Vorhaben, in einem Lehrbuch die Sichtweisen von Praktikern und Wissenschaftlern auf einen bestimmten Gegenstand stimmig zusammenzuführen und damit gegenüber den vielen Praktiker- ratschlägen auf der einen und der Fülle wissenschaftlicher Betrachtungen auf der anderen Seite einen Mehrwert zu schaffen. Susanne Fengler und Bettina Vestring haben dies nun für den Politikjournalismus versucht – und es ist ihnen im Großen und Ganzen auch geglückt. Die beiden Autorinnen wissen, wovon sie schreiben, denn sie kennen das Berufsfeld der Politikjournalisten genau: Die Kommunikations- wissenschaftlerin Susanne Fengler hat viele Jahre in der politischen Kommunikation und als reie Journalistin gearbeitet. Bettina Vestring ist Redakteurin bei der Berliner Zeitung und dort als Volontärsausbilderin für den journalistischen Nachwuchs verantwortlich.

Die Sichtweisen von Praxis und Forschung werden miteinander verknüpft, indem in den einzelnen Kapiteln zunächst die praktische, dann die kommunikationswissenschaftliche Seite zu Wort kommt. Es geht um das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern, um die Medien des Politikjournalismus, seine Themen und Quellen, um die Recherche und Darstellungsformen, aber auch um die Beziehung zwischen Politikjournalisten und ihrem Publikum und die Frage der journalistischen Verantwortung. So erfährt der Leser auf der einen Seite zum Beispiel etwas darüber, wie Politikjournalisten ein Kontaktnetzwerk aus Politikern aufbauen und pflegen können, oder darüber, was es heißt, wenn Gespräche ‘unter drei’ geführt werden. Auf der anderen Seite liest er von der Diskussion um die normativen Aufgaben des Politikjournalismus in einer demokratischen Gesellschaft, von der “Mediendemokratie” und der “Medialisierung der Politik”.

In die einzelnen Kapitel steigen die Autorinnen stets mit griffigen Anekdoten aus dem Alltag von Politikjournalisten ein. Lernziele und knackige Zusammenfassungen unterstreichen den Lehrbuchcharakter, jedes Kapitel schließt mit Literatur- empfehlungen. Wenngleich didaktisch sinnvoll, wirken die knappen Zusammenfassungen bei den kürzeren Kapiteln hier und da ein wenig überbemüht. Die Literaturhinweise sind insbesondere in den Buchteilen zur kommunikationswissenschaflichen Forschung sorgfältig ausgewählt. Darunter lassen sich viele Veröffentlichungen finden, die im Fach zum Standard zählen und dem Leser bei Bedarf tiefere Erkenntnis eröffnen. Indem es einschlägige Theorien, Diskurse und Befunde aufgreift, gibt das Buch einen guten Einblick in die Breite der Forschung zum Politikjournalismus. Gerade den kommunikationswissenschaftlich unbefleckten Leser dürfte es zum weiteren Nachdenken über zentrale Fragen des Fachs anregen – Fragen, die Praktiker und Wissenschaftler in Zeiten des Medienwandels gleichermaßen umtreiben: Welche Auswirkungen hat der immer größere Wettbewerbsdruck im Journalismus auf die Qualität der Politikberichterstattung? Tragen Politikjournalisten zur Politikverdrossenheit der Bürger bei? Welche Bedeutung haben Polit-Blogger und ist “Bürgerjournalismus” eine Gefahr für den traditionellen Journalismus und die Qualität der öffentlichen Kommunikation?

Dass sich die referierte Forschung dabei überwiegend auf den deutschen Sprachraum beschränkt, kann aus wissenschaftlicher Sicht nicht befriedigen, ist aber verschmerzbar. Denn es handelt sich zuallererst um eine Einführung für Praktiker, Studenten jüngeren Semesters und interessierte Laien – und für dieses Publikum wird das Buch ein Gewinn sein. Erhellend ist es gerade für angehende Politikjournalisten, weil es den Autorinnen gelungen ist, die Relevanz der Kommunikationswissenschaft und ihrer Befunde für die journalistische Praxis in einer verständlichen und plastischen Sprache herauszuarbeiten – und zwar nicht vom ‘Elfenbeinturm’ herunter, sondern aus der Praxis heraus. Von einem solchen Wissenstransfer kann es gar nicht genug geben.

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Über das BuchSusanne Fengler, Bettina Vestring: Politikjournalismus. Reihe: Kompaktwissen Journalismus. Wiesbaden [VS Verlag] 2010, 198 Seiten, 19,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseSusanne Fengler; Bettina Vestring: Politikjournalismus. von Rentsch, Mathias in rezensionen:kommunikation:medien, 30. August 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3654
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Rezensent/in
Mathias Rentsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden.