Eva Züchner: Der verschwundene Journalist

Einzelrezension
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Rezensiert von Horst Pöttker

Einzelrezension
Wie es im NS-Regime war, ist nach der für den Wiederaufbau nützlichen Verdrängung der Verbrechen in den 1950er Jahren mittlerweile gut erforscht und einigermaßen bekannt. Die peinliche Frage, wie es überhaupt möglich war, dass die Kulturnation der Deutschen den Barbaren Hitler, Goebbels und Himmler ins eigene Verderben gefolgt ist, gerät erst heute, ein Menschenleben danach, mehr und mehr in den öffentlichen Diskurs. Philipp Jenninger musste noch 1988 als Bundestagspräsident zurücktreten, weil er es gewagt hatte, bei einer hochoffiziellen Gedenkveranstaltung zur Reichskristallnacht 1938 den Motiven für das Schweigen der großen Mehrheit zum Judenpogrom nachzuspüren.

Eva Züchners Buch ist ein Beispiel für den gewandelten Diskurs zum Nationalsozialismus, denn sie bemüht sich, am Beispiel ihres Vaters Gerhart Weise, eines empfindsamen Intellektuellen, der sein journalistisches Können bereitwillig in den Dienst der Goebbels’schen Propaganda gestellt und dem NS-Regime sogar einen befreundeten Kollegen ans Messer geliefert hat, den “subjektiven Sinn” (Max Weber) dieser Handlungsweise zu verstehen. Dass das Bemühen scheitert und der 1913 geborene Vater immer rätselhafter und fremder wird, je mehr Fakten die 1942 geborene Autorin über ihn herausbekommt, mag auch an der Unmöglichkeit liegen, mit ihm zu sprechen. Er wurde im September 1945 von der sowjetischen Geheimpolizei GPU aus seinem Wohnhaus in Klein-Machnow bei Berlin verschleppt und ist nie wieder aufgetaucht.

Die Autorin, von Beruf Kunsthistorikerin, hat einen Verlag gefunden, der nicht nur von Druckkostenzuschüssen lebt, sondern sich intensiv darum kümmert, seine Bücher unter die Leute zu bringen. Das Rezensionsexemplar kam unaufgefordert mit einem langen Anschreiben aus der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an den Rezensenten, dessen Interesse an der Thematik man offenbar wahrgenommen hatte. Vermutlich steckt System dahinter und man macht sich die Mühe, Listen interessierter Multiplikatoren zu führen. Von professioneller, auf Nachhaltigkeit und sachliche Präzision setzender Öffentlichkeitsarbeit für das Buch zeugt auch die Umschlaggestaltung. Auch wenn sie etwas übertrieben ist, hebt die Behauptung des Klappentextes, es handele sich um “eine bisher unbekannte Innenansicht der Mediengeschichte des Nationalsozialismus” durchaus das Besondere an Eva Züchners familiärer Biografie hervor. Und auch das auf dem Rückumschlag zitierte Lob von Norbert Frei trifft zu: “Diese Geschichte ist außerordentlich genug, um einen besonderen Akzent zu setzen. Zumal die Autorin eine eigene Sprache gefunden hat.”

Außergewöhnlich an diesem Buch sind tatsächlich Herangehensweise und Stil der Autorin, nicht der Gegenstand. Denn Vaterlosigkeit ist für die Kohorte der im Zweiten Weltkrieg Geborenen ja Normalität, auch in den glücklichen Fällen, in denen Väter Krieg und Nachkriegszeit physisch überlebt haben. Manche kamen erst spät aus der Gefangenschaft zurück, viele waren in der arbeitsintensiven Aufbauphase für ihre Kinder kaum präsent und zumal bei Fragen nach der Zeit vor dem 8. Mai 1945 extrem verschlossen. Die Suche nach den unbekannten, sich entziehenden Vätern ist für diese Jahrgänge, zu denen auch der Rezensent gehört, eine durchgängige Erfahrung von kultureller Tragweite. Die Vergeblichkeit dieser Suche mündete bei vielen in – zunächst mehr oder weniger unbewusste – Auflehnung. Schließlich handelt es sich um die 68er Kohorte.

Wo Väter nicht überlebt hatten und deshalb schwerer mit Vorwürfen zu konfrontieren waren, konnte wohl auch Verklärung die Folge sein, wobei Auflehnung und Verklärung zwei Seiten derselben Medaille sein mögen. Eva Züchner jedenfalls hat ihren Vater zunächst als sensiblen und kultivierten Journalisten mit literarischen Ambitionen verklärt. Dass Gerhart Weise sein Leben nicht als Soldat, sondern als Opfer eines politischen Verbrechens der sowjetischen Besatzungsmacht verloren hat, mag diese Verklärung erleichtert haben. Erst in einem Alter, in dem jugendliche Auflehnung nicht mehr infrage kommt, hat sich die Tochter bewusst und präzise auf die Suche nach dem Vater gemacht. Sie endet in Ratlosigkeit, denn in ihrem Verlauf verblasst (“verschwindet”) der sensible und kultivierte Journalist, an den die Tochter lange geglaubt hat, ohne dass ein anderes Bild deutlich wird. Am Ende wissen Autorin und Leser nicht einmal, ob es sich bei dem von Goebbels belobigten Propagandisten Gerhart Weise um einen überzeugten Nationalsozialisten (Typus “Totale Konformität”) oder um einen der vielen Opportunisten (Typus “Pragmatische Konformität”) gehandelt hat.

Auch wenn die kommunikationshistorische Forschung, was Fakten zu den Medien im Nationalsozialismus betrifft, einen beachtlichen Stand erreicht hat, lässt sich von dieser intensiv recherchierten Selbstverständigung einer akademischen Außenseiterin über ihren Vater sogar in dieser Hinsicht noch einiges lernen. Besonders über die sozialen Netzwerke literarisch ambitionierter NS-“Journalisten”, die sich bei der Reichspresseschule, bei den Propaganda-Kompanien und bei der von Goebbels’ Propagandaministerium dirigierten Spielfilmproduktion bildeten, erfährt man Details, die man in dieser Dichte woanders oft vergeblich sucht – einschließlich mancher Informationen über die Dauerhaftigkeit dieser Netzwerke nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes, die einen immer noch erstaunen lassen. Über Gerhart Weises Freund Hans H. Henne, den er 1935 beim zweiten Lehrgang der Reichspresseschule unter Hans Schwarz van Berk kennengelernt hatte, liest man auf Seite 254f.:

“Im August 1954 veröffentlicht Die Wildente in ihrer siebten Folge einen Nachruf auf den ‘Kameraden’ Henne, der ‘sich durch hervorragende Darstellungen des Kampfgeschehens einen geachteten Namen als Journalist gemacht’ habe (…). Das Mitteilungsblatt der ehemaligen Angehörigen der Propaganda-Kompanien erscheint in unregelmäßiger Folge von 1952 bis 1966 in Hamburg und wird von Ex-Kriegsberichter Günther Heysing herausgegeben. Die Wildente, durch Spenden und Anzeigen der Ehemaligen finanziert, ist denn auch ein nostalgischer Veteranentreff im DIN-A5-Format, deren Name signalisieren soll, dass dieses revanchistische Blatt nicht gewillt ist, sich die bundesrepublikanischen ‘Zeitungsenten’ über den Nationalsozialismus zu eigen zu machen. (…) Ab 1952 verbreitet er in seinem Blatt die dann über Jahrzehnte hartnäckig verteidigte Legende, dass die Wehrmacht und deren Propagandatruppen mit den Kriegsverbrechen ‘der Nazis’ nichts zu tun gehabt hätten. (…) In der Wildente, die hauptsächlich launige bis wehmütige Reminiszenzen und Anekdoten der Ehemaligen über die gute alte Zeit abdruckt, finde ich die Namen einiger PK-Angehöriger wieder, die Kollegen und Freunde meines Vaters gewesen sind.“

Es folgen dann unter anderen die Namen von Verleger Ernst Rowohlt, von Karl-Georg von Stackelberg, dem Gründer der Emnid-Institute, von Wolf Schirrmacher, bis in die 1970er Jahre Autor von Die Zeit, Frankfurter Neue Presse oder Der Tagesspiegel, und schließlich wieder von Hans Schwarz van Berk, Gründer einer erfolgreichen Werbeagentur und Erfinder des unverwüstlichen Knoblauch-Bauern “Ilja Rogoff”, der bis heute durch die deutsche Presse geistert.

Immer noch erstaunen, trotz aller Forschung, die das längst herausgefunden hat, machen auch Züchners Schlaglichter auf die fast selbstmörderische Beharrlichkeit, mit der die Verantwortlichen des NS-Regimes noch mitten im militärischen Untergang nicht nur die aufwändige Vernichtung von Juden, sondern auch die aufwändige Produktion von Propagandamaterial betrieben haben. Gerhart Weise hat als Co-Autor am letzten, bis heute verschwundenen nationalsozialistischen Durchhaltefilm “Das Leben geht weiter” mitgewirkt. Züchner beschreibt in beeindruckender Anschaulichkeit die Handlung des an die Zivilbevölkerung unter dem Bombenkrieg adressierten, von Wolfgang Liebeneiner gedrehten Streifens, der noch einmal das Modell der solidarischen Volksgemeinschaft vorführte. Der Seite 207 kann man entnehmen, dass der Regisseur die Dreharbeiten mit Uk-gestellten Schauspielern und Statisten erst am 16. April 1945 abbrechen musste. Und auf Seite 210 erfährt man über die Produktion eines anderen Durchhaltefilms, bei dem sich der Propagandaminister bekanntlich eines historischen Stoffs bediente:

“Die Dreharbeiten für ‘Kolberg’ haben, unter der Regie von Veit Harlan, von Oktober 1943 bis Anfang 1944 gedauert. (…) Für dieses Mammutunternehmen der vorletzten Stunde, das mit knapp acht Millionen Reichsmark das Budget für mindestens drei Spielfilme verschlungen hat, sollen über hundertfünfundachtzigtausend Statisten und zusätzlich, gegen den Protest des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine Dönitz, viertausend Marinesoldaten rekrutiert worden sein.”

An einigen Stellen könnte der Text sorgfältiger sein. Die 1926 gegründete Dortmunder Einrichtung heißt Institut für Zeitungsforschung und nicht Zeitungs”kunde” (242), und auf Seite 178 dauern die alliierten Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 zehn Tage an, dagegen währen sie auf Seite 199 nur fünf Tage. Solche Nachlässigkeiten sollen allerdings auch in wissenschaftlichen Hochschulschriften vorkommen.

Man könnte es bei Hans Erich Nossack nachlesen, der die Bombardierung Hamburgs bereits im Herbst 1943, noch unter dem deprimierenden Eindruck des Ereignisses, auf höchst authentische Weise geschildert hat. Der Text ist verständlicherweise erst nach 1945 – genau: 1948 im Hamburger Wolfgang Krüger-Verlag unter dem Titel Der Untergang – erschienen und kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden. W. G. Sebald hat in Luftkrieg und Literatur (1999) die Scham der Deutschen, die natürlich – Stichwort: “Coventry” – wussten, dass sie mit dem Terror gegen die wehrlose Zivilbevölkerung begonnen hatten, für das jahrzehntelange Schweigen über ihre fürchterliche Bestrafung verantwortlich gemacht.

Hauptsächlich lohnt die Lektüre von Eva Züchners Buch, weil die Autorin mit ihm etwas realisiert, das die einerseits auf herausragende Schlüsselpersonen, andererseits auf sozio-kulturelle Strukturen fokussierte akademische Forschung zur Kommunikationsgeschichte des Dritten Reichs bisher vernachlässigt hat und das auch die sich gegen die Verdrängung auflehnende Jugend 1968ff. nicht leisten konnte. Mit einer gründlich auf private und öffentliche Originalquellen gestützten Fallstudie geht sie den Denk- und Empfindungsweisen eines normalen, möglicherweise exemplarischen Individuums nach, das sich bei seiner Berufskarriere im Bereich der öffentlichen Kommunikation zutiefst mit dem Nationalsozialismus eingelassen hat. Die Suche bleibt letztlich ohne Ergebnis, aber das ändert nichts an der Leistung, gegen äußere und innere Widerstände intellektuelle Anstrengungen auf eine Frage zu richten, die alle Menschen und besonders wir Deutsche uns stellen müssen, wenn Ähnliches nicht wieder geschehen soll: Was haben wir, jede(r) einzelne von uns, mit dem Nationalsozialismus zu tun? Was steckt auch in uns, das die NS-Verbrechen möglich gemacht hat, deren Einzigartigkeit ja nicht für alle Zeiten gewiss ist?

Solchen peinlichen Fragen hat sich Eva Züchner bewusst gestellt. Auf Seite 229 schildert sie ihre Reaktion auf den Fund unbezweifelbarer Belege dafür, dass ihr Vater seinen Freund Erich Ohser, der kurz darauf verhaftet wird und sich in der Zelle erhängt, wegen “defätistischer Äußerungen” denunziert hat. Möglicherweise, so fragt sich die Tochter, um die eigene Haut zu retten oder auch nur selbst nicht in Schwierigkeiten zu geraten?

“Der Fund dieser Aktennotiz hat nicht nur die allerletzten Überbleibsel meines ursprünglichen Vaterbildes zerstört, sondern mich gleichzeitig mit der Unmöglichkeit konfrontiert, die Beweggründe für die Unterlassungen und Handlungen eines Menschen, der den Bedingungen einer mörderischen Diktatur ausgesetzt ist, überhaupt zu beurteilen. Ein Abwehrmechanismus, der die tiefsitzende Furcht verdecken soll, dass auch ich in einer anderen Zeit fähig wäre, einen Freund zu verraten? ‘Ihr Menschenbrüder’, lässt Jonathan Littell in seinem Roman Die Wohlgesinnten den SS-Offizier Max Aue sagen, ‘lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen.'”

Wollen auch wir es nicht wissen? Das wäre nur zu verständlich – und verhängnisvoll.

Links:

  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Horst Pöttker an der Technischen Universität Dortmund
Über das BuchEva Züchner: Der verschwundene Journalist. Eine deutsche Geschichte. Berlin [Berlin Verlag] 2010, 288 Seiten, 24,- Euro.Empfohlene ZitierweiseEva Züchner: Der verschwundene Journalist. von Pöttker, Horst in rezensionen:kommunikation:medien, 23. August 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3636
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Rezensent/in
Dr. Horst Pöttker ist Professor für Journalistik am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund.