Winfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben

Einzelrezension
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Rezensiert von Martin Siefkes

Einzelrezension
In der Kunstwissenschaft und anderen Bereichen der Ästhetik hat in den letzten Jahren eine dezidiert antisemiotische Bewegung an Einfluss gewonnen, die sich mit Namen wie Gernot Böhme, Horst Bredekamp, Hans Belting oder Dieter Mersch schmücken kann und die Ansicht vertritt, Kunstwerken könne man mit zeichentheoretischen Mitteln nicht beikommen. Dabei wird allerdings, wie Mark Halawa gezeigt hat, mit einer verkürzten Auffassung von Semiotik gearbeitet, die man – in der Art eines “Strohmann-Arguments” – dann bequem zurückweisen kann (vgl. Halawa 2009). Während die geäußerte Kritik auf manche Semiotiker der Saussure’schen Tradition, die sich auf Codes konzentrierten und solche konventionellen Zeichensysteme überall am Werk sahen, zutrifft, gilt sie nicht für die Peirce’sche Semiotik, durch die sich auch unmittelbare Erfahrungen, direkte Eindrücke aller Sinnesmodalitäten, von Materialien ausgehende Wirkungen usw. beschreiben lassen (ebd.: 17ff.).

Die Bezugnahme auf Topoi wie “Materialität”, “Anschauung”, “Präsenz” und “Ereignishaftigkeit” des Kunstwerks und des Bildes, mit deren Hilfe die Semiotik heute – aber auch während des gesamten 20. Jahrhunderts die analytisch orientierten Schulen der Ästhetik (wie etwa Strukturalismus und Formalismus) – kritisiert werden, bleibt zumindest im Fall von semiotisch versierten Philosophen wie Dieter Mersch unverständlich. Dies umso mehr, als die semiotischen ‘Allmachtsphantasien’ früherer Zeiten längst durch eine genaue Prüfung der Relation der Semiotik zu den Einzelwissenschaften ersetzt wurden, in denen diese eine Rolle spielt (vgl. Posner 2003). Es entsteht daher der Eindruck, dass die faktisch stattfindende Verdrängung der Semiotik aus den Universitäten (als Beispiel sei die Abschaffung des Semiotik-Studiengangs an der Technischen Universität Berlin und der dortige Wegfall der Lehrstuhls von Roland Posner genannt) durch eine ideelle Verdrängung aus den Disziplinen, in die sie in den letzten vier Jahrzehnten – nicht immer zur Begeisterung der Fachwissenschaftler – eingegriffen hat, ergänzt werden soll.

Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass die wenigen Semiotiker, die hierzulande noch an Universitäten arbeiten können, sich weiter der Bildwissenschaft widmen. Ein Beispiel dafür ist der vorliegende Sammelband Bilder beSchreiben. Intersemiotische Transformationen von Winfried Nöth – als Verfasser des Handbuch der Semiotik (Nöth 2000) sicher einer der bekanntesten deutschen Semiotiker – und Peter Seibert. Er geht auf ein Kolloquium zurück, das im Juli 2007 an der Universität Kassel stattfand, also im Kontext der documenta 12, und widmet sich dem Thema, wie Bilder, aber auch Filme, Internetpräsenzen, Musikstücke usw. mit (vor allem sprachlichen) Beschreibungen interagieren.

Einer kurzen Einführung der Herausgeber folgt eine Reihe von Einzelanalysen, von denen hier nur eine Auswahl vorgestellt werden kann: Winfried Nöth widmet sich der Selbstreferenzialität in Bildern, einem Lieblingsthema der Postmoderne, das in letzter Zeit eine Renaissance erfuhr (erwähnt sei die Großausstellung “Une image peut en cacher une autre” im Pariser Grand Palais, 2009). Peter Seibert untersucht anhand von Bertolt Brechts Kriegsfibel die spannungsreichen Bezüge zwischen Bildern und Bildbeschreibungen in der Literatur, die später in Rolf Dieter Brinkmanns Rom, Blicke und bei W. G. Sebald neu verhandelt wurden. Sharon Morris wendet die Peirce’sche Kategorienlehre in einem Husarenritt von Freud über Marinetti und den unvermeidlichen Benjamin bis zur “e-art” auf die Möglichkeiten der Text-Bild-Beziehung an, wobei vor allem die Analysen zeitgenössischer Kunstwerke hervorzuheben sind.

Elise Bisanz erklärt die Besonderheiten filmischer Narrationsstrukturen und leitet daraus Eigenschaften der Beschreibung von Filmbildern ab, während Kai-Uwe Hemken Andy Warhols Kunst gerade darin charakterisiert sieht, dass sie keine Beschreibung erfordert und dadurch die auf Interpretationsbedürftigkeit gerichtete ‘hohe Kunst’ unterwandert (nebenbei bemerkt fand gleichzeitig mit der oben genannten Ausstellung im Grand Palais auch eine große Andy Warhol-Schau statt; der Band widmet sich also einigen Themen, die in seinem Erscheinungsjahr gewissermaßen in der Luft lagen). Lucia Leão zeigt, wie Schrift und Bild in der zeitgenössischen Kunst füreinander eintreten können. Claudia Brinker-von der Heyde schließlich nimmt eine kultursemiotische Perspektive ein, wenn sie die Darstellungen der bildverzierten Haube des Bauernsohns Helmbrecht im gleichnamigen Werk Wernher der Gartenæres im kulturellen Gedächtnis des Adels verortet: Die Beschreibung des unerhörten Kopfschmucks in mehr als 120 Versen durchbricht den Erzählfluss ebenso wie die Missachtung der Ständegrenze (der Bauer möchte Ritter sein) die mittelalterliche Ständeordnung – ein Fall von Ikonismus zwischen Ausdrucks- und Inhaltsebene.

Insgesamt kann der Band nicht vollständig überzeugen. Die gebotenen Einzelanalysen sind aufschlussreich, und der Kontext des Kolloquiums (die documenta) spiegelt sich in einigen Beiträgen wider, die aktuelle Künstler und Entwicklungen reflektieren. Doch werden die gewonnenen Erkenntnisse nicht in eine Gesamtschau eingebettet, die die Interaktionsmöglichkeiten von Bildern mit Schrift und anderen Medien systematisiert. Dies wäre umso wünschenswerter, als in der Semiotik inzwischen Begrifflichkeiten zur Verfügung stehen, mit deren Hilfe sich solche Interaktionen beschreiben lassen (vgl. Hess-Lüttich/Schmauks 2004). Mit ihrer Hilfe könnte versucht werden, die Bedingungen der Intermedialität in der Produktion, Präsentation und Rezeption von Bildern zu klären.

Zum Abschluss sei daher auf einige Forschungsrichtungen verwiesen, die sich auf den Weg einer Klärung der Zeichenprozesse im Zusammenhang mit Bildern gemacht haben. Dazu gehört zunächst die Schule von Klaus Sachs-Hombach (vgl. Sachs-Hombach 2003, Sachs-Hombach/Rehkämper 2001). Eine Richtung, die sich vorwiegend auf Peirce und Goodman beruft, sieht Bilder als semiotisch fundiert an, betont aber gleichzeitig die phänomenlogischen Aspekte der Bildwahrnehmung (vgl. hier besonders Halawa 2008 sowie für eine an Goodman orientierte Bildtheorie Scholz 2004). Zu erwähnen ist ferner die strukturalistisch geprägte Schule (vgl. Groupe μ 1992, Sonesson 1989), die Bilder in der Tradition Saussures als Zeichensysteme analysiert; diese Tradition ist auch mit der analytischen Philosophie verbunden worden (vgl. Blanke 2003, Posner 2010). Dem Thema „Intermedialität“ in semiotischer Perspektive widmet sich ein Sonderheft der Zeitschrift Kodikas/Code (vgl. Hess-Lüttich/Wenz 2006). Die Erwähnung dieser Forschungsrichtungen soll nicht als Einladung zur einseitig semiotisch orientierten Bildwissenschaft verstanden werden, sondern vielmehr als Aufforderung zu einer Diskussion, die die Möglichkeiten der Semiotik ernst nimmt, ohne Bilder auf ihren Zeichenaspekt zu reduzieren.

Literatur:

  • Blanke, B.: Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen Semiotik und analytischer Philosophie. Wiesbaden [Deutscher Universitäts-Verlag] 2003.
  • Groupe μ: Traité du signe visuel. Pour une rhétorique de l’image. Paris [Éditions Le Seuil] 1992.
  • Halawa, M.A.: Wie sind Bilder möglich? Argumente für eine semiotische Fundierung des Bildbegriffs. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008.
  • Halawa, M. A.: “Widerständigkeit als Quellpunkt der Semiose. Materialität, Präsenz und Ereignis in der Semiotik von C.S. Peirce”. In: Kodikas/Code. Ars Semeiotica. An International Journal of Semiotics 32 (2009), Nr. 1-2, S. 11-24.
  • Hess-Lüttich, E.W.B.; Schmauks, D.: “Multimediale Kommunikation”. In: Posner, R.; Robering, K.; Sebeok, T. A. (Hrsg.): Semiotik: Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. Band 4. Berlin u. a. [de Gruyter] 2004, S. 3487-3503.
  • Hess-Lüttich, E.W.B.; Wenz, K. (Hrsg.): Stile des Intermedialen. Zur Semiotik des Übergangs. (= Kodikas/Code. Ars Semeiotica 29, 1-3). Tübingen [Gunter Narr] 2006.
  • Nöth, W.: Handbuch der Semiotik. Vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart, Weimar [Verlag J. B. Metzler] 2000.
  • Posner, R.: “Semiotik und Einzelwissenschaften”. In: Posner, R.; Robering, K.; Sebeok, T. A. (Hrsg.): Semiotik: Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. Band 3. Berlin u. a. [de Gruyter] 2003, S. 2562-2569.
  • Posner, R.: “Die Wahrnehmung von Bildern als Zeichenprozess”. In: Maurer, D.; Riboni, C. (Hrsg.): Bild und Bildgenese. Bern u. a. [Peter Lang] 2010, S. 139-184.
  • Sachs-Hombach, K.: Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2003.
  • Sachs-Hombach, K.; Rehkämper, K. (Hrsg.): Bildhandeln. Interdisziplinäre Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungsformen. Magdeburg [Scriptum] 2001.
  • Scholz, O.R.: “Bild”. In: Barck, K. et al.  (Hrsg.): Ästhetische Grundbegriffe. Band 1. Stuttgart, Weimar [Verlag J. B. Metzler] 2000, S. 618-668.
  • Scholz, O.R.: Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildlicher Darstellung. 2., vollst. überarb. Aufl. Frankfurt am Main [Klostermann] 2004.
  • Sonesson, G.: Pictorial Concepts. Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World. Lund [Lund University Press] 1989.

Links:

Über das BuchWinfried Nöth; Peter Seibert (Hrsg.):Bilder beSchreiben. Intersemiotische Transformationen. Kassel [Kassel University Press] 2009, 336 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweiseWinfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben. von Siefkes, Martin in rezensionen:kommunikation:medien, 19. August 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3625
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  2. […] werden, indem man sich von semiotischer Terminologie explizit abgrenzt oder sie vermeidet. Dies entspricht einer Tendenz in der heutigen Bildwissenschaft, weshalb darauf etwas ausführlicher eingegangen sei. Die Einengung von ‘Zeichen’ auf […]