Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien

Einzelrezension
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Rezensiert von Claudia Schirrmeister

Einzelrezension
Im Beichtstuhl der Medien lautet der Titel des von der Paderborner Soziologie-Professorin Hannelore Bublitz vorgelegten Bandes – um sogleich die Erwartungen des Lesers in die Irre zu führen, wäre da nicht der Untertitel Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis. Der Beichtstuhl steht gemeinhin für aufrichtige und inhaltlich ernste Selbstthematisierungen, eingebettet in einen institutionell vorgegebenen, jahrhundertealten Rahmen – ein sozialer und juristischer Schutzraum, formal vergleichbar mit der Praxis eines Psychologen oder der Kanzlei eines Anwalts. Auch wenn Hannelore Bublitz den Beichtstuhl als “mediale Apparatur” (66) bezeichnet, stellt sich die Frage, ob der Besprechungstisch eine ebensolche darstellt – gilt ihr Augenmerk doch den elektronischen Medien, vor allem dem Fernsehen und, eher am Rande, dem Internet. Diese Medien hingegen scheinen einen Kontrast zur Situation in einem Beichtstuhl zu liefern, wie er krasser kaum ausfallen kann, widerspricht doch die geheimnisgeschützte religiöse Beichte der ostentativen Öffentlichkeit einer Fernsehsendung.

Der Autorin geht es nicht erster Linie darum, zu untersuchen, was in welchem Kontext offenbart wird, sondern – siehe Untertitel – wie sich die Person selbstthematisiert und darstellt, um die Konstruktion bzw. Konstitution des Selbst, man kann sagen: mit Hilfe der elektronischen Medien, voranzutreiben.

Mit anderen Menschen (über sich) sprechen, in sozialen Situationen handeln und sich verbal wie nonverbal äußern, erzeugt Identität und Selbst-Bewusstsein; man betrachtet und klassifiziert sich im Auge des Betrachters, so das zugrunde gelegte Axiom. Wird man nicht gesehen, ist man (sozial) nicht existent (196) – bislang hauptsächlich als leidiges Prominentenschicksal bekannt. Diese Selbstkonstruktion ist typisch menschlich, wenngleich in der Kontingenz der Postmoderne die Urteile und Bewertungskategorien bei weitem nicht mehr derart feststehen bzw. leicht abgerufen werden können wie in der Vergangenheit, wo mitunter allein die Kleidung verlässliche Hinweise auf die soziale Einbindung und die Eigenschaften einer Person gab. Damit macht sich in der Gegenwart Unsicherheit auch hinsichtlich der eigenen Identität breit. Das vermehrte Aufkommen von Selbsterfahrungskursen und -gruppen sind eindeutige Zeichen dafür.

Bublitz nun zeigt mit Jacques Lacan, dass die Herstellung von Selbst-Bewusstsein ebenso in den Medien gegenüber einer anonymen Masse und gegenüber den TV-Akteuren, mit denen es der Medienkandidat aus dem Volk im direkten Gespräch zu tun hat, gelingt. Sie möchte darauf hinaus, dass bei einem Sich-Darstellen im Fernsehen die Entwicklung eines von den Anderen als positiv bewerteten Selbst, welches sich dann auf den Darsteller übertragt (der looking-glass-effect nach Cooley), möglich ist. Die Zuschreibung des begehrten positiven Urteils bedingt jedoch einerseits ein systemkonformes Verhalten des Darstellers, andererseits aber gleichzeitig ein flexibles und einfallsreiches Verhalten. Diese “Persönlichkeiten” (216) sind gewünscht und werden gefördert, sie können aus ihrem Auftritt soziales und ökonomisches Kapital schlagen. Im Prinzip ist diese Kombination keine medienspezifische Vorgabe: Flexibilität bei gleichzeitiger Anpassung verlangt auch die postmoderne Gesellschaft vom Erfolgstrebenden, wie dies schon Richard Sennett Ende der 1990er Jahre dargelegt hat.

Es handelt sich also keineswegs um publikumsgeile dumme Trottel, die sich öffentlich präsentieren, womit sich Bublitz scharf gegen Umberto Eco und die feuilletonistische Pathologisierung dieser Personen wendet, vielmehr sind sie clevere und kreative Menschen, die versuchen, für sich über andere an Wert zu gewinnen und eine – wenn nur kurzfristige – soziale Verortung ihrer selbst zu erreichen. Das potenzielle “Selbstopfer” kann zur “lohnenden Investition” werden (217), wobei man sich fragen muss, was denn eigentlich ‘geopfert’ wird? Authentizität, so die Soziologin, ist dabei nicht gefragt und wird ebenfalls von niemandem erwartet: Die Präsentation muss lediglich echt wirken. Die Enthüllung als “Biographiegenerator” im Sinne Alois Hahns hat in dieser Flüchtigkeit natürlich ausgedient.

Der Mensch als medienrezipientengerechter Simulant – ist das so neu?

Abhebend von der historisch gewachsenen Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, welche sich laut Bublitz in der Postmoderne auflöst, der Bedeutung von Selbstthematisierungen und Fremdbeobachtungen an sich – die Autorin verweist hier auf das von Michel Foucault aufgegriffene Bentham’sche Panopticon – und der Entwicklung von Selbststrategien am Beispiel des Flaneurs, dokumentiert sie gesellschaftliche Grenzverschiebungen, die sich schließlich im geforderten Verhalten einer selbstbewussten, sozial erfolgreichen Person spiegeln, sie beeinflussen und letztlich bestimmen. Die Suche in der Unsicherheit der Welt nach einer – was ist das eigentlich? – fixen (?) Identität, nach einer eigenen “Marke”, womit man soziale Unikate bereits in der Vergangenheit noch ganz ohne ökonomische Gedanken bezeichnete, treibt die postmoderne Person um und lässt sie im historischen Vergleich zu unkonventionellen Mitteln ihrer Selbstpräsentation greifen. Die Konstruktion des Selbst liegt mehr denn je, so scheint es mit Bublitz, in der jeweils eigenen Hand – und der der anderen. Hält die von Hannelore Bublitz in Kapitel V eingehend und besonders in der Analyse des Verhaltens des Moderators bzw. des institutionell legitimierten Gesprächspartners Jürgen Domian gewinnbringend untersuchte Talkshow Domian noch die kommunikative Grundstruktur der traditionellen Beichtsituation mit einem ‘Happy End’ aufrecht, wobei sich das per Telefon zugeschaltete Beichtkind systemgerecht und natürlich ‘echt’ verhalten muss, so ist in mancher Casting-Show alle gezeigte Konformität und Kreativität vergebens – wenn sie denn eben nicht echt, echt genug wirkt.

Nochmals: Ist dieses Prinzip der Selbstkreation so neu, wie die Lektüre vermuten lässt? Das Selbst des Menschen verkörpert sich in vielen sozialen Rollen, die Vorgabe von Authentizität war in vielen Belangen schon in früheren Zeiten ausreichend für das Gelingen eines tragfähigen Miteinanders und das Aufrechterhalten einer in der Rolle stimmigen, wenn gleich sich im Ganzen womöglich teilweise widersprechenden Identität. Die Vorder- und Hinterbühnenmetaphorik, die Bublitz benutzt, das Agieren in Rollen, das nicht immer authentisch sein, aber echt erscheinen muss, hat Erving Goffman auch für den Alltagsmenschen anschaulich postuliert. In ihrer Argumentation verweist Bublitz auf dessen Arbeiten jedoch nicht. Ebenso wenig auf Georg Simmel, der die Zurückhaltung authentischen Verhaltens zugunsten einer distanzierten, aufrichtig erscheinenden Selbstdarstellung als erworbene Eigenschaft des sozial tauglichen Alltagsmenschen in der Moderne beschreibt. Der Mensch hat zur Selbstdarstellung also immer schon Theater gespielt; in der postmodernen Gesellschaft weiß man offenbar darum und erwartet keine authentische Präsentation mehr, sondern ist mit guter Darstellung derselben bestens zufrieden. Die Person wird zur “personae” (220f.); diese Wandlung beschreibt die Autorin sehr überzeugend. Die paradoxerweise gewünschte Persönlichkeit vergeht, auch weil so viele Reflexionsmöglichkeiten, so viele Spiegel existieren; sie muss also gespielt werden – so ließe sich Bublitz’ These zusammenfassen.

Es gibt allerdings immer noch Situationen, in denen authentisches Verhalten verlangt wird – so zumindest die Hoffnung der Rezensentin. Wie wohl der in den Medien soziales Kapital erworbene Held damit zurechtkommt? Lernt er vielleicht in der psychotherapeutischen Praxis eine weitere Rolle?

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Über das BuchHannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis. Reihe: Sozialtheorie. Bielefeld [Transcript Verlag] 2010, 240 Seiten, 25,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseHannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien. von Schirrmeister, Claudia in rezensionen:kommunikation:medien, 30. Juli 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3585
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Rezensent/in
Dr. Claudia Schirrmeister ist Kommunikationswissenschaftlerin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen tätig.