Jule Philippi; Michael Tewes: Basiswissen Generative Grammatik

Einzelrezension
4144 Aufrufe

Rezensiert von Kevin Ch. Masalon

Einzelrezension
Das Lehrbuch Basiswissen Generative Grammatik scheint auf den ersten Blick mit seinen mehr als 300 Seiten über ein Grundlagenwissen mit prägnantem Einführungscharakter hinauszugehen. Dieser Eindruck täuscht jedoch, denn um das abstrakte Modelldenken Noam Chomskys nachvollziehen zu können, bedarf es neben einer Darstellung seiner Spracherwerbstheorie eben jener logisch aufeinander aufbauenden kleinen Schritte, nach denen das Buch strukturiert ist. Dieser entscheidende Vorteil unterscheidet es von kürzeren Einführungen, wie beispielsweise der Einführung in die Syntax von Karl-Heinz Ramers, in deren Mittelpunkt ebenfalls die Ansätze der Generativen Grammatik stehen, dort jedoch wegen zu knapper Erläuterungen und des bescheidenen Beispielmaterials schwierig nachzuvollziehen sind (vgl. Ramers 2007).

Im Jahr 2008 erschien bereits die Einführung in die generative Grammatik der Koautorin Jule Philippi, an deren Aufbau sich auch das neue Handbuch orientiert. Allerdings zeigt sich das Basiswissen in sinnvoller Weise didaktisch reduzierter, indem zum Beispiel das so genannte Minimalistische Programm als Weiterentwicklung der Generativen Grammatik nicht behandelt wird. Außerdem ist die Anzahl von Fehlern weitaus geringer als in der Einführung von 2008.

Die thematische Gliederung folgt dem Top-Down-Prinzip: Die allgemeinen Grundlagen bilden dabei die einleitenden Erklärungen zu den Charakteristika der Generativen Grammatik sowie psycholinguistische Erläuterungen bezüglich der Universalgrammatik. Hierauf folgt das Kapitel zu den syntaktischen Kategorien in der generativen Theorie. Kernwörter wie Konstituenten, Phrasen, Lexikon sowie das schon anspruchsvollere X-Bar-Schema ergeben schließlich das strukturelle Rüstzeug, auf welches das Basiswissen weiter aufbaut (wie beispielsweise Kasustheorie, Bindungstheorie etc.). Um einer sinnvollen Reihenfolge Rechnung zu tragen, werden manche Definitionen als vorläufig präsentiert (126) und an späterer Stelle wieder aufgegriffen und vervollständigt (130). Wichtige Schlüsselwörter werden eigens in einem Glossar nochmals definiert. Gewiss verfahren andere Einführungen ähnlich im Aufbau; allerdings ist es die Gesamtdarstellung mit der leicht verständlichen Sprache, durch die sich das Buch positiv abhebt. Des Weiteren ist es begrüßenswert, dass zu den Übungsaufgaben die passenden Lösungsvorschläge geliefert werden, wodurch ihr Nutzen als Vorbereitung auf Prüfungen, wie es der Klappentext suggeriert, erhöht wird. Diese sind über den Link http://mediensprache.net/gg abrufbar, worauf in der Einleitung hingewiesen wird.

Zu monieren sind trotzdem einige kleinere Unzulänglichkeiten, wie zum Beispiel die etwas missverständliche Erklärung, dass Phrasen (womöglich immer?) aus zusammengesetzten Konstituenten bestehen (40, 303). Im Umkehrschluss hieße dies, dass es keine Einwortphrasen gebe, wie sie an späterer Stelle dennoch aufgezeigt werden (40). Zudem stellt das Zeichen <’> kein Semikolon dar (so wird es in manchen Erklärungen betitelt), sondern einen Apostroph (92). Die gelieferten Beispielsätze aus Fremdsprachen enthalten ebenfalls Fehler: Lieben auf Ungarisch schreibt sich szeretlek, nicht seretlek (78). Störend könnten unter Umständen die ausschließlich mittels fiktionaler Kinderbuch-Charaktere (vorrangig aus Harry Potter; Pu, der Bär usw.) konstruierten Beispiele sein. Zwar wird einleitend postuliert, es käme (richtigerweise) eher auf die Form als auf den Inhalt an, jedoch kann der Inhalt gerade in einer Einführung helfen, Formen anhand alltagssprachlicher bzw. der außersprachlichen Wirklichkeit zugehöriger Größen besser nachzuvollziehen.

Der Klappentext des Buches beschreibt es als für Studienanfänger geeignet, was mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten ist. Wie seit längerer Zeit immer wieder beobachtet wird, verfügen Studienanfänger nahezu aller philologischen Fächer nicht über das traditionelle schulgrammatische Grundlagenwissen inklusive der Fachterminologie, welches sie nach den schulischen Lehrplänen eigentlich haben sollten. Ob man diese Kenntnisse für eine Auseinandersetzung mit Generativer Grammatik voraussetzen sollte, mögen die sich seit Jahren im Umbruch befindenden universitären Curricula entscheiden. Begrüßenswert wäre ein derartiges Wissen dennoch, zumal das Buch an einigen wenigen Stellen vergleichende Verweise zur traditionellen Grammatik liefert (112). Auch hierbei kommt es auf die Sichtweise des Betrachters an, ob es tatsächlich lobenswert ist – immerhin verzichten andere Einführungen gänzlich auf solche Bezüge – oder ob gerade die sehr geringe Anzahl solcher Verweise Grund zur Kritik ist und etwas üppiger hätte ausfallen können, um Studierende an die mitunter abstrakte Materie der generativen Syntax besser heranzuführen. Inwieweit es sich daher als ein mögliches Standardwerk etablieren wird, hängt wiederum von den universitären Lehrplänen samt Studienstruktur ab. Für Bachelorstudierende beispielsweise, denen eine Schwerpunktsetzung im Studium oft nicht möglich ist, mag es gegebenenfalls zu überladen sein; Masterkandidaten sowie Studierenden im Hauptstudium der klassischen Studiengänge dürfte der Zugang daher insgesamt leichter fallen.

Alles in allem ist mit dem Basiswissen Generative Grammatik ein Lehrbuch erschienen, das Studierenden mit Abstraktionsvermögen, welches grundsätzlich eine Voraussetzung zur Auseinandersetzung mit der Theorie Chomskys sein sollte, die Möglichkeit bietet, sich in die Thematik – gegebenenfalls unter Anleitung – hineinzuarbeiten. Dadurch eignet es sich ebenso, wenn nicht gar vor allem, als Grundlagenlektüre in Lehrveranstaltungen.

Literatur:

  • Philippi, J.: Einführung in die generative Grammatik. Reihe: Studienbücher zur Linguistik, Band 12. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2008.
  • Ramers, K.: Einführung in die Syntax. Reihe: UTB, Band 2174. 2. Auflage. München [Wilhelm Fink Verlag] 2007.

Links:

Über das BuchJule Philippi; Michael Tewes: Basiswissen Generative Grammatik. Reihe: UTB, Band 3317. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2010, 319 Seiten, 19,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseJule Philippi; Michael Tewes: Basiswissen Generative Grammatik. von Masalon, Kevin Ch. in rezensionen:kommunikation:medien, 9. August 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3570
Getagged mit: , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Kevin Ch. Masalon ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Germanistik/Linguistik der Universität Duisburg-Essen.