Hartwig Kalverkämper; Larisa Schippel (Hrsg.): Translation zwischen Text und Welt

Einzelrezension
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Rezensiert von Beatrice Fischer

Einzelrezension
Die Translationswissenschaft hat sich in relativ kurzer Zeit zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt, die sich mit sehr unterschiedlichen Praxisfeldern rund um das Übersetzen und Dolmetschen befasst. Diese facettenreiche Forschungstätigkeit innerhalb der Disziplin spiegelt der von Hartwig Kalverkämper und Larisa Schippel herausgegebene Sammelband Translation zwischen Text und Welt – Translationswissenschaft als historische Disziplin zwischen Moderne und Zukunft wider. Der 36 Artikel umfassende Band ist in drei Themenbereiche (“Translationswissenschaft”, “Translationspraxis” und “Translationsausbildung”) gegliedert und versteht sich – wie aus der Einleitung (13-50) von Hartwig Kalverkämper zu entnehmen ist – als Leistungsbilanz, wobei die verschiedenen Beiträge die Eckpunkte der modernen Translationswissenschaft ausleuchten und Theorie und Praxis zukunftsweisend verknüpfen sollen (50).

In einer umfangreichen Einleitung (37 Seiten) von Hartwig Kalverkämper wird Translation kulturgeschichtlich verankert und die Relevanz der Disziplin auf universitärer Ebene dargestellt. In diesem Zusammenhang kritisiert Kalverkämper, wie auch später in seinem Artikel (65-114) sowie in seinem Nachwort (675-686), die aus “professoraler Ignoranz” (32) resultierende Entscheidung der Humboldt-Universität zu Berlin, den Studiengang “Translationswissenschaft/Interkulturelle Kommunikation” im Studienjahr 2008 geschlossen zu haben. Da auf diese Schließung an drei Stellen im Buch aufmerksam gemacht wird, kann der Eindruck gewonnen werden, dass dies den Rahmen des Sammelbandes darstellt, obwohl der eigentliche Anlass des Bandes die Fachtagung “Translation zwischen Text und Welt” vom 1. bis 3. November 2007 in Berlin war.

Der erste und zweite Abschnitt des Sammelbandes behandelt die “Translationswissenschaftliche Theorie” bzw. die “Translatorische Praxis”. Dabei bezieht sich “translatorisch” vielmehr auf das Übersetzen (21 Artikel) als auf das Dolmetschen (2 Artikel). Die Bandbreite der Artikel ist groß und reicht von theoretischen Grundlagen (Hartwig Kalverkämper, Erich Prunč, Klaus Kaindl) über linguistische (Valentyna Ostapenko, Ludmilla Veličkova) und kognitionswissenschaftliche (Klaus-Dieter Baumann) Zugänge bis hin zu Beiträgen zum Fachübersetzen (Oksana Bondarenko, Alena Ďuricová, Renata Kileva-Stamenova), Literaturübersetzen (Dorotà Bereza, Carmen Gómez García, Belén Santana, Natalya Reinhold) und zur multimedialen Translation (Yvonne Griesel, Karolina Kesicka). Die translationswissenschaftliche Theorie wird demnach sehr breit dargestellt, was auch die Vielzahl der Forschungsbereiche innerhalb der Translationswissenschaft widerspiegelt. Allerdings befassen sich nicht alle Beiträge explizit mit theoretischen Auseinandersetzungen der Translationswissenschaft.

Im ersten Abschnitt erscheinen die Artikel von Erich Prunč, Klaus Kaindl, Larisa Schippel und Bettina Seifried als besonders erkenntnisreich, zeigen sie doch Forschungsbereiche (Translationskultur, Translationssoziologie, Geschichte der Translation, Postkoloniales Übersetzen) innerhalb der Translationswissenschaft auf, die im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Erich Prunč konzentriert sich in seinem Artikel auf Translation als gesellschaftliche Tätigkeit, die er durch einen Vergleich zwischen Chamäleons und Translatorinnen sowie Translatoren veranschaulicht. Er geht auf das von ihm eingeführte und vielfach rezipierte Konzept der Translationskultur ein und appelliert an Translatorinnen wie Translatoren und ihre Interessensverbände, an der Gestaltung demokratischer Translationskulturen mitzuwirken. Die Translationswissenschaft kann Übersetzerinnen und Übersetzer wie auch Dolmetscherinnen und Dolmetscher sowie Interessensverbände mit “Argumentationshilfen und theoretischen Modellen” (131) unterstützen und durch die Ausbildung auf zukünftige Translationskulturen Einfluss nehmen.

Mit soziologischen Modellen in der Übersetzungswissenschaft, insbesondere mit Ansätzen nach Bourdieu und Luhmann, beschäftigt sich Klaus Kaindl. Er zeigt in seinem Beitrag auf, dass die Erforschung der Akteurinnen und Akteure, die an einer Übersetzung beteiligt sind, innerhalb der Übersetzungswissenschaft von zunehmender Bedeutung geworden ist. Die Mitherausgeberin des Bandes, Larisa Schippel, zeigt am Beispiel zweier Übersetzungen von Fontenelles Entretiens auf, wie die Übersetzer Gottsched (ins Deutsche) und Kantemir (ins Russische) im Sinne eines aufklärerischen Grundgedankens im 18. Jahrhundert ihre Übersetzungen angefertigt und kommentiert hatten.

Um die Übersetzung postkolonialer Literatur, die oftmals von sprachlicher und kultureller Hybridität geprägt ist, geht es in dem Artikel von Bettina Seifried. Sie versteht hybride Texte als Texte, die nicht länger von einer Sprache “absolutistisch regiert” werden, sondern als “Dialog zwischen Gleichberechtigten” (254). Seifried wirft die Frage auf, ob es besser wäre, keine Übersetzungen dieser “poetisch und politisch gleichermaßen aufgeladene[n] hybride[n] Texte” anzubieten, anstatt diese zu glätten und zu neutralisieren, wie es zurzeit meistens der Fall ist, und formuliert die Forderung nach einem neuen Übersetzungsverständnis (256).

Im zweiten Abschnitt befassen sich die Beiträge von Georg Kremnitz und Lutz Hoepner mit in jüngerer Zeit vermehrt diskutierten Forschungsthemen innerhalb der Translationswissenschaft. Georg Kremnitz beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten der Übersetzungen in und aus “Kleinsprachen” und führt als Beispiel das Okzitanische an, eine Sprache, die ca. 1 Million Menschen spricht und in der nur ca. 100 000 Menschen alphabetisiert sind. Er untersucht die verschiedenen Probleme, die mit der Übersetzung in Verbindung mit Kleinsprachen einhergehen und spricht sich klar für eine Förderung dieser Sprachen aus, die insbesondere für ein sich als kulturelle Union verstehendes Europa wichtig wäre (527).

Die Verwendung von Wörterbüchern in einem digitalisierten Zeitalter steht im Zentrum des Beitrags von Lutz Hoepner. Er untersucht, auf welche Nachschlagewerke aktive Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Dolmetscherinnen und Dolmetscher zurückgreifen und geht dabei unter anderem der Frage nach, wie problematische Situationen für Sprachenpaare, für die es nur wenige Wörterbücher gibt, gelöst werden können.

Zwei Artikel lassen sich thematisch nur schwer in den vorliegenden Band einfügen: Beim Artikel zur Fachlichkeit von deutscher und französischer Werbung (Henrike Täuscher) scheint der Bezug zum Übersetzen bzw. Dolmetschen zu fehlen – es handelt sich dabei eher um eine kontrastive Darstellung von deutschen und französischen Werbeanzeigen. Mit dem Übersetzen und Dolmetschen bei Gericht in Deutschland beschäftigt sich Sigrun Comati. Der Artikel unterscheidet sich diskursiv von den anderen Artikeln, da es sich dabei eher um einen in der Ich-Form gehaltenen Erfahrungsbericht aus der Gerichtspraxis handelt.

Im dritten und letzten Teil des Sammelbandes geht es in insgesamt sechs Beiträgen um “Translation in Institution und Organisation”. Die Unausgewogenheit der Zuordnung der Beiträge ist auf die Bezeichnung der Sektionen zurückzuführen. Im letzten Abschnitt befassen sich fünf Artikel mit der universitären Translationsausbildung (Anna Duszak, Elisabeth Gibbels, Tatjana Yudina, Mária Vajičková, Bettina Oertel/Brigitte Resnik), während Gyde Hansen in ihrem Beitrag eine empirische Langzeitstudie zum Übergang vom Übersetzungsstudium zum Übersetzungsberuf in Dänemark vorstellt.

Bettina Oertel und Brigitte Resnik behandeln in ihrem Beitrag die 120-jährige Geschichte zur Ausbildung von Dolmetscherinnen und Dolmetschern sowie Übersetzerinnen und Übersetzern an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die durch eingescannte Originaldokumente belegte Dokumentation gibt einen Einblick in die Studiengänge und Sprachenvielfalt der Universität und stellt fünf Absolventen vor. Dabei ist es insbesondere im Hinblick auf den weiblich dominierten Übersetzungsberuf und die damit zusammenhängende Bedeutung von Frauen in diesem Berufsfeld überraschend, dass es sich bei den vorgestellten Absolventen ausschließlich um Männer handelt, obwohl seit 1904 auch Frauen ausgebildet werden konnten (647). Zudem ist es verwunderlich, dass in diesem Beitrag die Informationen zu drei der fünf vorgestellten Absolventen Wikipedia entnommen wurden.

Die zum Großteil aufschlussreichen Beiträge des Sammelbandes machen insgesamt beinahe 700 Seiten aus. Daher würden eher zwei Bände, die thematisch besser gegliedert sind, eine klarere Strukturierung fördern. Die Einteilung der Kapitel in Theorie, Praxis und Ausbildung, die zwar eine auf den ersten Blick praktische Einteilung ermöglicht, schreibt zudem den Unterschied zwischen Translationstheorie und -praxis weiter fest, obwohl beide Bereiche eng miteinander verknüpft sind. Diese Unterteilung wird daher auch der Komplexität eines großen Teils der Beiträge nicht gerecht. Zudem überrascht die quantitative Unausgeglichenheit der verschiedenen Artikel: Der Mitherausgeber Hartwig Kalverkämper füllt insgesamt 98 Seiten des Buches, bei denen auch die formale Gestaltung auffallend ist, weil die sehr unruhige Formatierung seiner Texte teilweise vom Inhalt des Geschriebenen ablenkt und somit eher leseunfreundlich wirkt. Dass sich der Verfasser nach wie vor um einen Rechtfertigungsdiskurs für die Translationswissenschaft als eigenständige Disziplin bemüht (92f.), erscheint zudem nicht zwingend notwendig – die Translationswissenschaft ist zwar eine vergleichsweise junge Disziplin, konnte sich jedoch bereits selbstbewusst und eigenständig positionieren.

Auf formaler Ebene weist der Sammelband einige wenige Schwächen auf: Die Zeichensetzung bei den Zitaten im Text ist oftmals nicht einheitlich formatiert und auch die Literaturverzeichnisse sind teilweise unterschiedlich benannt und formatiert. Des Weiteren würde ein Sach- und Personenindex für einen gezielteren Zugriff auf Schlüsselbegriffe nützlich erscheinen.

Trotz der genannten Kritikpunkte liefert der Band einen guten Überblick über das breite Spektrum an Forschungsthemen innerhalb der Translationswissenschaft und zeigt so den aktuellen Stand der Disziplin auf.

Links:

Über das BuchHartwig Kalverkämper; Larisa Schippel (Hrsg.): Translation zwischen Text und Welt - Translationswissenschaft als historische Disziplin zwischen Moderne und Zukunft. Reihe: TransÜd. Arbeiten zur Theorie und Praxis des Übersetzens und Dolmetschens, Band 20. Berlin [Frank & Timme] 2009, 692 Seiten, 59,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseHartwig Kalverkämper; Larisa Schippel (Hrsg.): Translation zwischen Text und Welt. von Fischer, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 13. Juli 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3443
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Rezensent/in
Beatrice Fischer ist Universitätsassistentin am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Universität Graz.