Beatrice Dernbach: Die Vielfalt des Fachjournalismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Lutz Frühbrodt

Einzelrezension
Fachjournalismus? Der Begriff kursiert nun schon seit über einem Jahrzehnt verstärkt in der Medienszene. Ein Fachjournalisten-Verband hat sich etabliert. Und erste anwendungs- orientierte Fachliteratur, meist von Praktikern für Praktiker, ist erschienen – zuletzt die zweite, völlig überarbeitete Auflage von Fachjournalismus. Expertenwissen professionell vermitteln, herausgegeben von Siegfried Quandt und dem Deutschen Fachjournalisten- verband. Inzwischen sind zwar auch zahlreiche Untersuchungen zu den einzelnen Ausprägungen des Fachjournalismus veröffentlicht worden. Doch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen als Ganzes hat bisher noch Seltenheitswert, weshalb es allein schon deshalb löblich ist, dass Beatrice Dernbach eine umfassende und systematische Annäherung an das Thema unternommen hat.

Im praxisnäheren Teil des Buches analysiert die Journalistik-Professorin von der Hochschule Bremen Geschichte, Markt und Herausforderungen der verschiedenen fachjournalistischen Varianten wie Wirtschafts-, Motor-, Mode- und Technikjournalismus. Diese zehn Kapitel eignen sich gut als Einführung in die einzelnen Fachjournalismen.

Im anderen Teil führt Dernbach innerhalb der eng aufgestellten Leitplanken der Systemtheorie Niklas Luhmanns den Nachweis, dass auch Fachjournalismus Journalismus ist, dieser folglich ein Subsystem des Systems Journalismus bildet und strukturelle Kopplungen mit den jeweils korrespondierenden Subsystemen wie Wirtschaft oder Mode herstellt, weniger dagegen mit der Gesamtgesellschaft. Dies mag auf den ersten Blick banal wirken, stellt aber notwendige und überfällige Grundlagenforschung dar.

Ein wesentlicher Punkt ist dabei das Schema der Klassifizierung. Dernbach unterscheidet zwischen Fachjournalismus im engeren Sinne, wie er von Fachmedien im Business-to-Business-Sektor praktiziert wird, Fachjournalismus im weiteren Sinne bei Special Interest-Magazinen wie Hobbyzeitschriften sowie General-Interest-Journalismus bei Publikumsmedien wie Tageszeitungen. Demnach gehörte eine Fußball-Zeitschrift zum Subsystem Fachjournalismus, der Sportteil einer Tageszeitung dagegen zum allgemeinen System Journalismus.

Doch wer zum Beispiel die Sportseiten der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kennt, weiß aus eigener Anschauung (die sich sicher auch empirisch untermauern ließe), dass die Redakteure und deren Artikel ein hohes Maß an Sachkompetenz aufweisen und deshalb gerade auch beim Fachpublikum einen sehr guten Ruf genießen. Vieles, was dort zu lesen ist, wirkt deutlich kompetenter als bei einschlägigen Fußball-Magazinen.

Dieses Beispiel ließe sich quasi beliebig auf die klassischen Ressorts von Qualitätsmedien aus dem Publikumsbereich über alle Mediengattungen hinweg ausweiten: Die stetig steigende Komplexität der modernen Wissensgesellschaft resultiert in einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Medienlandschaft im Allgemeinen, aber auch bisheriger General-Interest-Medien im Besonderen. Welches tagesaktuelle Medium kann es sich zum Beispiel heute noch leisten, in der Wirtschaftsredaktion ohne einen Experten für die Hartz-IV-Gesetzgebung und Arbeitsmarktpolitik auszukommen?

Daraus ließe sich die Hypothese ableiten, dass die verschiedenen Facetten des Fachjournalismus, die “Fachjournalismen”, im Sinne einer hochgradig sachkompetenten Darstellung inzwischen einen weit größeren Raum des Systems Journalismus ausfüllen als es nach dem Dernbach-Schema der Fall ist. Der klassische “Allrounder” – der Handwerker, der alles macht, aber nur über oberflächliches Fachwissen verfügt – als Gegenpart zum Fachjournalisten wäre nach dieser alternativen Lesart fast nur noch im Lokaljournalismus anzutreffen.

Dies zu Ende gedacht, wäre das Konzept von Dernbachs “Dreifaltigkeit” nicht mehr haltbar. Und man müsste fragen: Ist heutzutage nicht (fast) alles oder zumindest sehr vieles Fachjournalismus? Handelt es sich letztlich nicht um ein von den Fachmedien entliehenes Label, das Protagonisten bestimmter Ressorts, die früher weniger publizistische Aufmerksamkeit fanden, dazu genutzt haben, um ihre Angebote besser zu vermarkten? Die Fragen zeigen, dass weitere Forschung notwendig ist – und zwar in verschiedenste Denkrichtungen. Beatrice Dernbachs Buch bietet dafür einen genauso fachkundigen wie streitbaren Ausgangspunkt.

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Über das BuchBeatrice Dernbach: Die Vielfalt des Fachjournalismus. Eine systematische Einführung. Wiesbaden [VS Verlag] 2010, 302 Seiten, 24,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseBeatrice Dernbach: Die Vielfalt des Fachjournalismus. von Frühbrodt, Lutz in rezensionen:kommunikation:medien, 10. November 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3095
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Rezensent/in
Dr. Lutz Frühbrodt ist Professor an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und dort Leiter des Studiengangs "Fachjournalismus mit Schwerpunkt Technik".