Marie Luise Kiefer: Journalismus und Medien als Institutionen

Einzelrezension
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Rezensiert von Patrick Donges

Einzelrezension
Institutionalistische Theorien haben in den vergangenen Jahren in verschiedenen Sozialwissenschaften an Bedeutung gewonnen und zu einer Reihe von Theorieimporten angeregt – so auch in die Kommunikationswissenschaft. Auch der Rezensent hat sich mit einem kleineren Beitrag an diesem Import beteiligt, steht institutionalistischen Theorien also nicht ablehnend gegenüber. Marie Luise Kiefer nimmt sich mehr Zeit und Raum für eine gründlichere Aufarbeitung der verschiedenen Zugänge zum Begriff der Institution und ihre Anwendung auf kommunikations- wissenschaftliche, hier sehr stark medienpolitische und medienökonomische Fragestellungen.

Im ersten Kapitel führt Kiefer den Begriff der Institution als Basiskonzept sozialwissenschaftlicher Analyse ein. Sie folgt dabei einem Fragenkatalog von Rehberg und stützt sich stark auf die Theorie institutioneller Tatsachen von Searle ab. Diese Theorie wird sonst in Einführungen zum Institutionalismus wenig beachtet (im Band von Walgenbach/Meyer 2008 wird er beispielsweise nicht zitiert), ist aber gerade für kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen von Relevanz.

Im zweiten Kapitel führt sie kommunikationswissenschaftliche Grundbegriffe wie Medien, Journalismus und Öffentlichkeit ein und wendet den erwähnten Fragenkatalog darauf an. Im Ergebnis unterschiedet Kiefer zwischen journalistischen Medien, denen sie einen institutionellen Charakter zuschreibt, und nicht-journalistischen Medien, bei denen dies nicht der Fall ist. Das Kapitel 3 widmet die Autorin dann der Entstehung und dem Wandel von Institutionen. Entsprechende Konzepte und Modelle werden auf die Pressegeschichte und den Journalismuswandel angewandt.

Im vierten Kapitel wendet sich Kiefer der Unterscheidung von Organisationen und Institutionen zu – eine Differenz, die häufig zu Missverständnissen einlädt, wenn etwa Organisationen pauschal mit Institutionen gleichgesetzt werden. Kiefer beschreibt Medien als Organisationen, die einem institutionellen Wandel ausgesetzt sind und sich dadurch verändern. Dieses Grundverständnis wird im fünften Kapitel wieder aufgegriffen, wenn das Zusammenspiel von Journalismus und Medien als Institution und Organisation analysiert wird. Kiefer geht dabei von einer grundlegenden Unterscheidung privatwirtschaftlicher und öffentlicher Medienorganisationen aus, wendet also institutionalistische Theorieansätze auf ein Themenfeld an, mit dem sie sich bereits häufiger auseinandergesetzt hat. Im Resümee bezeichnet Kiefer den Journalismus als eine unterschätzte und gefährdete Institution, die in ihrer Repräsentation nach außen sichtbar und unterscheidbar bleiben müsse, um weiterhin existieren zu können.

Der Band ist hervorragend als Einführung in das institutionalistische Denken geeignet, weil er die verschiedenen Zugänge zu diesen Theorien unterscheidet, sie damit leichter verständlich macht und differenziert auf Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft anwendet.

Für die institutionalistische Theoriedebatte in der Kommunikationswissenschaft hätte sich der Rezensent von Marie Luise Kiefer einen breiteren Blick auf den Gegenstand unseres Faches jenseits der Grundbegriffe Journalismus, Medien und Öffentlichkeit gewünscht. Institutionalistische Theorien lassen sich beispielsweise auch auf Gegenstände wie Public Relations und strategische Kommunikation anwenden, wie etwa Arbeiten von Sandhu (2009) zeigen. Für eine Fortschreibung der institutionalistischen Diskussion im Fach wäre auch interessant gewesen, den Medienwandel nicht nur aus der Perspektive der ‘traditionellen’ (öffentlich-rechtlichen vs. privat-kommerziellen) Medien zu analysieren, sondern auch Online-Medien oder hybride Formen des Journalismus in den Blick zu nehmen. Gerade solche Formen des Medienwandels, wo vieles erst im Entstehen begriffen ist, wo Institutionalisierung als Prozess gerade stattfindet, wären ein vielversprechendes Terrain gewesen, die Relevanz und Validität institutionalistischer Theorien auszuloten.

Literatur:

  • Sandhu, Swaran: “Strategic Communication: An Institutional Perspective”, in: International Journal of Strategic Communication 3 (2009), 2. S. 72-92.
  • Walgenbach, Peter; Meyer, Renate: Neoinstitutionalistische Organisationstheorie. Stuttgart [Kohlhammer] 2008.

Links:

Über das BuchMarie Luise Kiefer: Journalismus und Medien als Institutionen. Konstanz [UVK] 2010, 244 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMarie Luise Kiefer: Journalismus und Medien als Institutionen. von Donges, Patrick in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Mai 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3061
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0 Kommentare auf “Marie Luise Kiefer: Journalismus und Medien als Institutionen
1 Pings/Trackbacks für "Marie Luise Kiefer: Journalismus und Medien als Institutionen"
  1. Onejo`s Tor zur Welt sagt:

    Mit wem habe ich es hier zu tun?…

    Deinen Beitrag finde ich sehr interessant, weshalb ich unbedingt einen Trackback setzen musste :)…

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Rezensent/in
Dr. Patrick Donges ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald.