Martina Heßler; Dieter Mersch (Hrsg.): Logik des Bildlichen

Einzelrezension
3227 Aufrufe

Rezensiert von Jörg R. J. Schirra

Einzelrezension
Das von Martina Heßler und Dieter Mersch herausgegebene Softcover-Buch umfasst fast 280 Seiten und ist der zweite Band der Reihe “Metabasis”. Der Titel dürfte Philosophen spontan an Wittgen­stein erin­nern, in dessen Sprachge­brauch die “Logik” einer Sache die Verwendungs­weise der sprach­lichen Aus­drücke re­gelt, mit denen man sich auf jene Sache bezieht: Hier nun also die Logik des ‘Bildlichen’. Mit dem Unterti­tel Kritik der ikonischen Vernunft ist ebenso direkt Kant assozi­iert und sei­ne Kritik der reinen Vernunft, in der es unter anderem um die Möglichkeit des Er­werbs neuer Be­griffe als spezieller Form des Wissens geht sowie um die Frage, wie neu gebildete Begriffe eigent­lich zu ihren Anschauungen kommen. Damit ist das Thema des Sammelban­des in der Tat be­reits grob um­rissen: “Wie vermitteln Bilder Wissen? Was sind die Gren­zen der Dar­stellbarkeit von Wis­sen in Bil­dern?”, fragen die Herausgeber im Klappentext und fah­ren fort: “Die Beiträ­ge des Ban­des gehen diesen Problemen nach und fragen nach dem Status der Bild­lichkeit in den Wissen­schaften, der Begründung einer Diagrammatik, dem Verhältnis zwischen Kunst­bild und epistemi­schem Bild, nach dem digitalen Bild oder nach Stiltraditionen in Wissen­schaftsbildern […].

Die Beiträge sind, neben der umfangreichen Einleitung der Herausgeber, in vier Abteilungen gegliedert: “Zwischen Kunst und Wissenschaft”, “Das epistemische Bild”, “Das digitale Bild” und “Bildmo­delle in der Wissenschaft”. Im Fokus aller Beiträge steht das epistemische Bild. Dabei handelt es sich meist um Strukturbilder (auch logische Bilder), also um Bilder, in denen etwas, das an sich überhaupt nicht sicht­bar ist, als visuell wahrnehmbar dargestellt wird. Den the­matischen Hintergrund der Tex­te bil­det da­her eine metaphori­sche Übertragung, bei der den Begrif­fen der jeweils ei­gentlich be­trachteten Phäno­mene die Begriffe geometrischer oder materiell-räum­licher Objekte und ihrer Ei­genschaften zugeordnet werden. Durch die Metaphorik gewinnen so die an sich nicht-visu­ellen En­titäten eine piktoriale Darstellungsoption: Die zugehörigen Begriffe kom­men zu einer, wenn auch indirekten, visuellen Anschauung. Allerdings führen, bei ungenügender Kenntnis der Ausgangsbe­griffe (etwa bei Laien), schlecht gewählte Übertragungsschemata auch leicht zu fehler­haften Inter­pretationen.

Neben der Güte der Struktur metaphorischer Projektionen interessiert vor allem, welche Rollen die indirekten An­schauungen bestimmter Aspekte naturwissenschaftli­c­hen Wissens für die Tä­tigkeiten der rationalen ‘Wissensschöpfung’ spielen. Die epistemi­schen Bilder greifen, so der Tenor der Beiträge, auf die eine oder andere Weise in die wissenschaftlichen Argumentationen ein. Um dem Ver­ständnis solcher visueller Argumentationsteile näher zu kommen, muss zum einen das Verhältnis zwischen Begriff/Sprache ei­nerseits und Anschauung/Bild andererseits geklärt werden. Inwiefern etwa haben Strukturbilder auch einen Sprachcharakter? Ist die Gegenüberstellung von Sprache und Bild überhaupt sinnvoll für diese Betrachtungen? Zu­dem wäre zum anderen zu präzisieren, wie die Begriffe des Behaup­tens, des Beweisens und Widerlegens, die bislang nur sprach­lich-logisch bzw. mathematisch gefasst waren, auch auf Bildmedien zu erwei­tern sind, da sonst unklar bleibt, was es denn heißen soll, ‘ein Bild habe eine wissenschaftliche Hypothe­se bewiesen’ (besser: jemand ha­be mit einem Bild eine Hypothese bewiesen).

Der Medienbegriff kommt besonders dann zum Einsatz, wenn es um Auswirkungen von (kommunikativen) Interaktionen geht, die mehr oder weniger verborgen hinter den Rücken der Akteure ge­schehen. So mag denn auch verständlich werden, dass in diesem Kontext statt der korrekten instru­mentellen Formulierungen häufig von Ausdrucksweisen Gebrauch gemacht wird, in denen Bildern Aktivitäten zugeschrieben werden, die man gemeinhin unbeseelten Gegen­ständen nicht zuspricht: sie sollen argumentieren, Sinn erzeugen, Bedeutung schaffen, Unsichtbares sichtbar machen, Wissen formen und ordnen etc. Mit dieser Metapher der Aktivität soll, so steht zu vermuten, er­läutert werden, warum in Bildern Sachverhalte gesehen werden können, die nicht bei ihrer Produk­tion beabsichtigt waren: ‘neue’ Sachverhalte, die gerade für die wissenschaftliche Erkenntnisschöp­fung mit Bildern von großer Wichtigkeit sind. Doch handelt es sich nicht um die Aktivität von Bildern, diese neuen Sachverhalte zu kreieren. Es sind die Bildverwender, die mithilfe von Bildern auf neue Sachverhalte hinweisen (oder auch auf neue Weisen, alte Sachverhalte an­zuschauen). Die Logik des Bildlichen kann letztlich nur eine Logik der Bildnutzer sein: Nicht Bilder haben die staunenswerte Eigenschaft, Sachverhalte emergieren zu lassen. Vielmehr haben Bildnutzer die Fähigkeit, sich mittels Bildern neue Perspektiven auf die ihnen schon bekannte Welt zu erschauen.

Vor diesem Hintergrund entfalten die 13 thematisch einschlägigen Autoren des Sammelbands in 12 Beiträgen ihre Sichten der Logik(en) des Bildlichen. Hervorzuheben ist die mit über 50 Seiten recht umfangreiche Einleitung der Herausgeber “Bildlogik oder Was heißt visuelles Denken?”: Heßler und Mersch nähern sich dem Zusammenhang von Bildstrukturen und naturwissen­schaftlichem Wis­sen in vier Schritten: Ausgehend von einer Klärung des Erkenntnisgewinns mit Bil­dern werden zunächst die medialen Eigenheiten visueller Darstellungen betrachtet und mit der Wissenserzeugung durch metaphorische Übertragung in Beziehung gesetzt. Eine Analyse intermedialer und intervisueller Transformationen wird vorbereitet mit einer Betrachtung zur öffentlichen und wissenschaftlichen Be­wertung von Optionen, mit Bildern Wissen gewinnen zu können. Zuletzt wird die ästheti­sche Praxis in den Na­turwissenschaften einer kunsthistorisch orientier­ten Analyse der Bildtraditio­nen, Sehkonventionen und Stile gegenübergestellt, auf die bildliche Erkenntnisgewinnung zurück­greift, um zu zeigen, dass auch der Gebrauch epistemischer Bilder ästheti­sches Handeln ist.

Links:

Über das BuchMartina Heßler; Dieter Mersch (Hrsg.): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Reihe: Metabasis, Band 2. Bielefeld [Transcript Verlag] 2009, 280 Seiten, 28,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseMartina Heßler; Dieter Mersch (Hrsg.): Logik des Bildlichen. von Schirra, Jörg R.J. in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Mai 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2942
Getagged mit: , , , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
0 Kommentare auf “Martina Heßler; Dieter Mersch (Hrsg.): Logik des Bildlichen
1 Pings/Trackbacks für "Martina Heßler; Dieter Mersch (Hrsg.): Logik des Bildlichen"
  1. […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Herbert von Halem erwähnt. Herbert von Halem sagte: r:k:m, "Martina Heßler; Dieter Mersch (Hrsg.): Logik des Bildlichen" – http://bit.ly/9NWD20 […]

Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Dr. Jörg R. J. Schirra ist freischaffender Wissenschaftler und Privatdozent im Fach Computervisualistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.