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Veronika Vieler: Filmregie als Verstehensprozess

Einzelrezension | 30. März 2010 | Redaktion | Keine Kommentare »
Veronika Vieler: Filmregie als Verstehensprozess - dargestellt an Wim Wenders' "Der Stand der Dinge". Würzburg [Königshausen & Neumann] 2009, 300 Seiten, 34,80 Euro.

Rezensiert von Peter Ellenbruch

Wenn man Filme von Wim Wenders mag und nach einem Buch zum Verhältnis von Werk und Regisseur sucht, kann man mit der Schrift von Veronika Vieler einen quellenreichen Einstieg finden. Anhand zahlreicher autobiografischer und selbstreflexiver Äußerungen von sowie einiger Sekundärliteratur zu Wenders (bzw. zum Neuen Deutschen Film) und vieler Filmbetrachtungen skizziert die Autorin den Werdegang des Regisseurs. Hierbei analysiert sie etliche historische und filmhistorische Bezüge, die Wenders in seine Filme eingewoben hat – besonders in der detaillierten Betrachtung des Films “Der Stand der Dinge”. In diesem Prozess wird – ganz im Sinne des Autorenkinos, zu dem Wenders gemeinhin gezählt wird – der Filmemacher direkt an sein Werk gekoppelt, sodass eine autorenzentrierte Interpretation der Darstellungs- und Erzählweisen entsteht. Vielers Ziel ist es dabei, hermeneutische Analysemethoden nach Hans-Georg Gadamer und Werner Ingendahl anzuwenden, um zu einer auf Wenders bezogenen Charakterisierung der “Filmregie als Verstehensprozess” – wie es im Titel heißt – zu gelangen.

Bei der Anlage dieser Analysemethode, also bei der Zusammenführung von hermeneutischen und filmtheoretischen Begriffen, entstehen aus einer filmwissenschaftlichen Perspektive allerdings die Probleme des Buchs. Die Autorin bedient sich hier zunächst der aus den 1970er Jahren stammenden Idee, dass man Filme mit Hilfe von Begriffen aus der Textanalyse ebenfalls als eine Art von “Text” betrachten könne. Diese (in der Filmwissenschaft mittlerweile so gut wie wieder verworfene) Betrachtungsweise wird dann an den Filmregisseur als “Autor” und “Künstler” geknüpft, wodurch ein Kurzschluss entsteht, der das eigentliche Instrument des Kinos, nämlich die Kamera und deren theoretische Implikationen, ausklammert. Anders als bei literarischen Autoren oder bildenden Künstlern ist bei Filmemachern die wesensgemäße, vom Menschen teils abgekoppelte Wirkungsweise des Aufnahmeapparats immer mitzudenken, um filmische Gestaltungen auch spezifisch-theoretisch fassen zu können. Wegen der Auslassung dieses Aspekts kommt es innerhalb von Vielers Argumentation zu einigen missverständlichen Formulierungen und verkürzenden Darstellungen bei der Einbindung von Filmtheoretikern wie Béla Balázs, Rudolf Arnheim oder Siegfried Kracauer (dessen Hauptwerk Theorie des Films [1985] auch nur anhand von Auszügen aus einer Textsammlung rezipiert wird). Außerdem werden für filmanalytische und filmhistorische Zusammenhänge, die über das deutsche Autorenkino hinaus gehen, hauptsächlich lediglich Einführungsbände wie James Monacos Film verstehen (vgl. Monaco 2009) oder Rüdiger Steinmetz’ Filme sehen lernen (vgl. Steinmetz 2003) verwendet.

Das Ergebnis dieser Vorgehensweise ist, dass letztlich nur der hermeneutische Verstehensbegriff als durchgängig nachvollziehbare Theorielinie erkennbar bleibt. Die filmhistorische und filmtheoretische Argumentation bleibt brüchig und pendelt zwischen Ansätzen von Bild- und Plotbetrachtungen, überlieferten Produktionsbedingungen der Filme und Wenders’ Selbsteinschätzungen hin und her.

Es entsteht so ein mit hermeneutischen Begriffen gestützter und detailliert erarbeiteter Nachvollzug der Verstehens-Arbeit des “Autors” Wim Wenders sowie eine Einschätzung, wie dieser seine eigene Arbeit in seinen Filmen thematisiert, sich hinterfragt und sich in Beziehung zu anderen Filmregisseuren setzt – doch die Anschlussfähigkeit an größere Zusammenhänge der filmtheoretischen oder filmhistorischen Forschung bleibt letztlich marginal.

Literatur:

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Rezensent/in
Peter Ellenbruch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Germanistik an der Universität Duisburg-Essen und lehrt dort im Schwerpunkt "Filmstudien".

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Empfohlene Zitierweise
Veronika Vieler: Filmregie als Verstehensprozess. Einzelrezension von Ellenbruch, Peter in rezensionen:kommunikation:medien, 30. März 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2550

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