Ben Bachmair (Hrsg.): Medienbildung in neuen Kulturräumen

Einzelrezension
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Rezensiert von Christian Zange

Einzelrezension
Das Sammelwerk Medienbildung in neuen Kulturräumen vereint 23 wissenschaft- liche Texte aus der britischen und deutschen Diskussion zu Medien- kompetenz, Medienbildung und Lernen mit neuen Medien. Durch die Texte ziehen sich eine Reihe von Kernthesen: (a) Medien haben sich zur vierten Sozialisationsinstanz entwickelt und müssen schon alleine deshalb im Rahmen pädagogischer Interventionen berücksichtigt werden; (b) die vielzitierte Medienkompetenz (vgl. Baacke 1996) ist nur ein Teilbereich medienpädagogischer Arbeit. Medienbildung geht einen Schritt weiter, in dem es nicht allein darum geht, kompetent mit Medien umzugehen. Medien werden vielmehr zentraler Bestandteil der Bildung selbst. Eine Frage an die Medienpädagogik lautet deshalb: Wie können Medien möglichst optimal im Rahmen der Bildung eingesetzt werden;         (c) Durch den Einsatz neuer Medien bilden sich neue Kommunikationsräume und damit neue Kultur- und Lernräume heraus. Durch die Allgegenwärtigkeit der neuen Medien eröffnet sich in diesen Räumen vielfach die Chance, informelles und formelles Lernen zu verbinden.

Das Werk gliedert sich in vier Abschnitte: (1) Literacy und Medienbildung, (2) Mobile Räume des Verfügens: (3) Formelle und informelle Lernräume: (4) Interkulturelle Räume und Räume der Jugendkultur. Im Folgenden ein kurzer Einblick in die Inhalte der jeweiligen Abschnitte:

1. Literacy und Medienbildung: Hier geht es um die Frage der Definition von Medienkompetenz und Medienbildung. Sonia Livingstone erläutert die politische Diskussion und Definitionsfindung für den Begriff der Media Literacy. Dieter Spanhel begründet die Medienbildung als wichtigen Begriff der Medienpädagogik der noch über die Medienkompetenz hinausgeht: “Ohne Medienbildung keine Bildung” (44). Buckingham erarbeitet eine Definition des Begriffs der Digital Literacy und geht dabei über klassische technische Sichtweisen hinaus zu einem kulturbezogenen Verständnis von Medienkompetenz. Pietraß schließlich erörtert unterschiedliche Zugänge zur Bestimmung von Medienkompetenz und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen.

2. Mobile Räume des Verfügens: Die Mobilität der neuen Medien werden im Kontext von Lerntheorien besprochen. Dabei werden mit der Mobilität einhergehenden didaktische Möglichkeiten ebenso erörtert wie die mit der Mobilität einhergehende Änderungen im Umgang mit Lernen und Wissen. Sharples, Taylor und Vavoula erarbeiten eine Theory des mobilen Lernens welcher Konversation und Kontextbezogenheit zugrundeliegen (87). Mobile Technologien ermöglichen neue Lernszenarien – etwa in dem Besucher eines Museums automatisch kontext-relevante Informationen über die Ausstellungsstücke erhalten. Darüber hinaus zeigen die Autoren auf, welche Auswirkungen das mobile Zeitalter auf unser Bildungssystem hat bzw. haben kann. Daran schließt Traxler mit einer Analyse wie mobile Technologien unsere Gesellschaft und insbesondere die Art und Weise wie wir lernen verändern. Daraus folgert er, dass unser formales Bildungssystem durch die mobilen Technologien drastisch verändert wird. Ihre Omnipräsenz im privaten, schulischen und beruflichen Alltag ermöglicht neue Formen der Kommunikation und Interaktion. So wird das “know-where” (107) beispielsweise in beinahe jeder Lebenslage zu einer praktizierbaren Form der Lösungsfindung.

Cook geht der Frage nach, wie neue Entwicklungen, die sich durch die neuen digitalen Technologien ergeben konkret in Lernsituationen eingesetzt werden können. Eine praktische Umsetzung zeigt er anhand einer Fallstudie. Er verdeutlicht dabei das didaktische Potential von “Learner Generated Contexts” (123), die es den Lernenden in ganz neuer Weise ermöglichen mit zu lernenden Inhalten umzugehen und sich gegenseitig im Lernprozess zu unterstützen bzw. zu kooperieren. Theunert beschäftigt sich mit Medienkompetenz im Umgang mit konvergenten Medienwelten. Das Individuum soll befähigt werden, selbstbestimmt, kritisch-reflektierend und partizipativ in und mit der vernetzten Medienwelt zu leben. Ihre Analyse fördert fünf Muster der Medienaneignung von Jugendlichen zu Tage. Ikse und Marotzki arbeiten den Wert von Wikis für die Bildungprozesse heraus: Der Umgang mit Wissen wird demnach durch den Einsatz von Wikis einen “reflexiven, heuristischen, spielerischen, kreativen und kollaborativen Zug” (150) bekommen. Pachler arbeitet schließlich einen soziokulturellen und ökologischen Ansatz zu mobilem Lernen heraus.

3. Formelle und informelle Lernräume: Möglichkeiten für die Integration formeller und informeller Lernräume mittels neuer Medien werden anhand theoretischer Überlegungen und praktischer Beispiele analysiert. Kress erklärt das Lernen in seiner Provisionalität in einer Welt der zunehmenden Relativität und Komplexität. Dabei folgert er, dass Schule die Rolle eines Navigators und Weg-Weisers innehaben muss, welche den Schüler auf seinem eigenen Lernweg begleitet. Herzig und Grafe identifizieren digitale Medien als Brücke zwischen formellen und informellen Lernräumen. Sie analysieren die Potentiale und Wirkungen digitaler Medien. Als gesichert kann demnach bisher gelten, dass digitale Medien vor allem die überfachlichen Kompetenzen stärken. Sie fordern die Schule zur Nutzung digitaler Medien auf. Hug beschreibt Mikrolernen im Praxiseinsatz und schlägt vor “[…] mittlere Wege zwischen Stegreiforientierung und gesichertem Planungswissen […]“ (209) zu finden. Mikos beschreibt, wie Lernen auch im populärkulturellen Kontext stattfindet. Es gilt diese Ressourcen für informelles Lernen in Bildungspolitischen Konzepten zu berücksichtigen. Seipold, Rummler und Rasche vertiefen das Thema des alltagskulturellen Lernens nochmals und verweisen dabei auf die Rolle der Schule Orientierung und Reflexionsrahmen zu bieten. Feil und Gieger berichten über den Versuch, Internet als Lernwerkzeug im Grundschulunterricht einzusetzen. Dies erfolgte eher im formalen Rahmen und ermöglichte es, Medienkompetenz zu steigern.

4. Interkulturelle Räume und Räume der Jugendkultur: Insbesondere die Rolle neuer Medien im Kontext von Migrationsprozessen, aber auch Fragen der digitalen Ungleichheit sind Thema im letzten Abschnitt. Bonfadelli setzt Medien im Bezug zu Jugend und Migration. Er belegt den Einfluss der Medien im Integrationsprozess und fordert daher einen entsprechend sensibilisierten und qualifizierten Umgang der Medien mit dem Thema Migration bzw. mit anderen Kulturen. Darüber hinaus sieht er Medien als möglichen Raum für Integrationsarbeit. Moser greift die Diskussion über die Identitätsbildung auf, und geht dabei auf die Rolle von Vorbildern und neuen Medien ein. Hugger greift das Thema der Migration auf und fokussiert Foren und Internetportale, welche jungen Migranten einen Kommunikationsraum und damit Orientierung bieten. Diese Netzwerke, so schließt er, bieten eine Möglichkeit für eine orientierende Reflexion, in dem sie jungen Türken durch identitäre Vergewisserung die Verarbeitung von Anerkennungsproblemen ermöglichen.

Rathgeb erläutert die JIM-Studie (Jugend, Information, (Multi-)Media) und zieht daraus Schlussfolgerungen für die Medienpädagogik – insbesondere im Hinblick auf den Bedarf Kinder und Jugendliche im Umgang mit neuen Medien zu schulen. Niestyo beschäftigt sich mit der Frage sozialer Ungleichheit und stellt fest, dass der Umgang mit Medien keineswegs selbstbestimmt ist. Er fordert daher die pädagogischen Institutionen heraus, hier Ausgleich zu schaffen. Riedel berichtet von seinen Erfahrungen im Einsatz von neuen Medien im Schulkontext. Er schlussfolgert ein hohes didaktisches Potential neuer interaktiver Medien für die Bildung. Bertschi-Kaufmann stellt die Frage wie sich die Lesefähigkeit im multimedialen Zeitalter entwickelt. Dabei stellt sie fest, dass Jugendliche Lesen vor allem als Lesen von hochwertiger Literatur einteilen. Die alltäglichen Leseerfahrungen hingegen klammern sie aus.

Das Besondere am Sammelwerk von Bachmair ergibt sich aus der Auswahl, Zusammenstellung und Gliederung der 23 Texte. Die Diskussion um Medienbildung und Medienkompetenz wird hier breit dargestellt und in verschiedenen Kontexten durch dekliniert. Es wird deutlich, dass pädagogische Arbeit sich im Kontext der neuen Medien neu positioniert: Pädagogische Arbeit mit Medien hat weitaus mehr Facetten als die des kompetenten und reflektierten Umgangs mit Medien, und zwar mediendidaktische Fragestellungen, also Fragen nach dem Potential neuer Medien für Lehren und Lernen.

Spannend ist insbesondere die Kombination von Beiträgen die sich mit eher praktischen mediendidaktischen Fragestellungen befassen und solchen, die den sozio-kulturellen Kontext insgesamt in Betracht ziehen. In diesem Buch geht es also sowohl um Lernen und Lehren mit neuen Medien, als auch um Medienwirkung, Medienkompetenz und damit verbundene kulturelle, soziale und ökonomische Faktoren. Dadurch wird es möglich, sich ein Gesamtbild der Entwicklungen zu machen, die neue Medien im Bildungskontext bewirken.

Der Titel des Sammelwerks vermittelt den Anspruch, sowohl die deutsche als auch britische Diskussion darzustellen und ggf. miteinander in Bezug zu setzen. Sieben englischsprachige stehen daher 16 deutschsprachigen Texten gegenüber und nehmen teilweise auch Bezug auf Unterschiede in der deutsch- und englischsprachigen Diskussion. Dies gelingt vor allem in den ersten beiden Abschnitten gut. In der zweiten Hälfte des Sammelwerks gerät dieses Vorhaben durch fast ausschließlich deutschsprachige Texte ins Hintertreffen.

Die ausgewählten Texte sind größtenteils relevant und prägnant geschrieben. Für Praktiker bietet dieses Buch die Möglichkeit, sich im Hinblick auf aktuelle Diskussionen auf einen aktuellen Stand zu bringen. Wissenschaftlern, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert haben (etwa Medienkompetenz) bietet sich hier die Möglichkeit, den eigenen Schwerpunkt im Kontext anderer Fragestellungen zu verorten.

Literatur:

  • Baacke, Dieter: Medienkompetenz – Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: A. von Rein (Hrsg.):  Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn [Klinkhardt] 1996, S. 112-124

Links:

Über das BuchBen Bachmair (Hrsg.): Medienbildung in neuen Kulturräumen. Die deutschsprachige und britische Diskussion. Wiesbaden [VS Verlag] 2010, 359 Seiten, 29,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseBen Bachmair (Hrsg.): Medienbildung in neuen Kulturräumen. von Zange, Christian in rezensionen:kommunikation:medien, 20. Februar 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2535
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Christian Zange ist eine Fachkraft der GIZ (http://www.giz.de) und berät den südafrikanischen Gemeindeverband SALGA (http://www.salga.co.za/) im Bereich ICT for Development, Wissensmanagement und E-Governance.