Stefan Rieger; Jens Schröter (Hrsg.): Das holographische Wissen

Einzelrezension
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Rezensiert von Yvonne Schweizer

Einzelrezension
Jonathan Crarys Buch Techniques of the Observer lieferte 1990 den programmatischen Auftakt: Der Methode Foucault’scher Diskursanalyse verpflichtet, entstand ein dichter Abriss über vereinzelte optische Apparate des 19. Jahrhunderts, gespickt mit wissenschaftshistorischen Exkursen zur Genese des modernen Subjekts. Seit Crarys Buch sind weitere optische Geschichten geschrieben worden. Die meisten gehen allerdings in Hinblick auf bestimmte Bilder exkludierend vor: Selten werden Bilder in den Blick genommen, die nicht der geometrischen Optik und deren Darstellungskonvention und Bildherstellung folgen. Bei diesen Bildern, die ein “erhebliches Irritationspotential für die Bildgeschichte bzw. -theorie” (9) bieten, setzt der Sammelband Das holographische Wissen von Stefan Rieger und Jens Schröter an.

Die beiden Herausgeber kompilieren insgesamt elf Aufsätze zu einer optischen Geschichte der Holographie. Dabei soll das Wissen um das holographische Medium abgebildet werden: Ziel sei es, dieses “hinsichtlich seiner Wissenschaftsgeschichte, seiner Theorie, seiner Funktionen und seiner Ästhetik zu betrachten” (11). Unerlässlich scheint dafür die Untersuchung des Bildverfahrens im Lichte einer “Epistemologie der Medien- und Bildwissenschaft” (11), denn: holographische Medien seien zwar durch Masseneinsatz auf Kreditkarten und Ausweisen omnipräsent, blieben aber von der Medien- und Bildwissenschaft bisher unbeachtet (hierzu: Jens Schröter).

Mit diesem Programm verfolgen die beiden Editoren ein ambitioniertes Projekt; die Erfüllung dessen gelingt ihnen auf äußerst vielschichtige und anregende Weise. Mit den elf Beiträgen treten heterogene, sich im Gesamtbild aber sinnvoll ergänzende Perspektiven in den Blick, die die vielseitige Annäherung an ein Bildphänomen beleuchten. Der Band kann nicht nur mit einem optimalen Lektorat, einem gelungen Layout und einer hochwertigen Ausstattung aufwarten (z. B. Farbtafeln, die allerdings implizit ein Problem des holographischen Verfahrens – das der Nicht-Reproduzierbarkeit durch Fotografie – vor Augen stellen). Das Buch bietet auch die deutsche Erstveröffentlichung des 1948 in Nature erschienenen Aufsatzes von Dennis Gabor, dem Erfinder der Holographie. Eindeutige Benennung, wissenschaftliche Ausrichtung und Nutzen des neuen technischen Verfahrens – das verdeutlicht der Aufsatz – waren zu dieser frühen Zeit noch nicht endgültig festgelegt. So beginnt die Geschichte der Holographie mit der Suche nach einem geeigneten Anwendungsgebiet.

Dies beleuchten zu Beginn zwei wissenschaftshistorische Abrisse. Ana Ofak und Sean F. Johnston zeigen, wie für das holographische Medium zuerst ein Feld gefunden werden musste, in dem sich das technische Verfahren im Wissenschaftsbetrieb etablieren konnte. Ofak zeichnet dabei scharfsinnig die Positionierungsversuche Dennis Gabors nach. Des Weiteren führt sie den Begriff der “Mikromedien” (23) ein, verstanden als Sinnbilder für den wechselhaften und langwierigen Prozess der wissenschaftlichen Entwicklung der Holographie wie für die Struktur des Hologramms selbst. Sean F. Johnston rekonstruiert in seinem Beitrag die spannende wissenschaftliche Entstehungsgeschichte der Holographie. Er macht den Leser nicht nur – wie der Titel seines Aufsatzes verrät – mit dem militärischen Kontext der Bildtechnik vertraut, sondern beleuchtet die Geschichte amerikanischer Protestkultur als einen Gegenpart, der das noch junge holographische Verfahren als Argumentationsbasis begreift. Die wechselhafte Geschichte des Mediums verdeutlicht Johnston so anhand des Zwecks für die jeweilige Nutzerschaft.

Jens Schröter bietet in seinem Aufsatz eine mit der Fachgeschichte der Medien- und Bildwissenschaft zusammenhängende Antwort auf die bisherige Exklusion bestimmter Medien. Die Holographie sei in erster Linie ein optisches Medium, kein visuelles, was sie insbesondere für die kultur- und ästhetikorientierte Medienwissenschaft zu einem randständigen Untersuchungsgegenstand mache (78). In ihrer massenmedialen Verwendung komme ihr vor allem die Funktion der reproduktionssicheren Abbildung zu. Schröters Beitrag liefert damit ein überzeugendes Plädoyer für eine “Geschichte der Medien im Hintergrund” (86). Auch Stefan Riegers Beitrag geht von der Holographie als einer Alternative zu bestehenden optischen Geschichten aus: In einem Abriss zur Metapherngeschichte, die den Entstehungsprozess der Holographie begleitet, stellt er dar, dass diese als ein Medium gedeutet wurde, das von anthropozentrischen Bestimmungen abstrahiere (103). Als Metapher für ein vollständig speicherndes Gedächtnis bemüht, steht das holographische Verfahren für eine Gegenposition zur zentralperspektivischen Positionierung des Subjekts.

Oliver Fahles Beitrag ordnet die bildtheoretischen Grundlagen der Holographie zwischen Schein und Sichtbarem. Er klassifiziert das holographische Bild als ein solches, das seinen Gegenstand nur als Lichtschein zeige (130). Das Licht sei im holographischen Verfahren gleichsam Bildträger, wie es den Bildgegenstand konstituiere (131). Abgesehen davon sei es geeignet, Prozesse des Sehens zu verdeutlichen: Prozesse, die den sichtbaren holographischen Gegenstand allererst hervorbringen. Diese um den Betrachter zentrierten Überlegungen greifen auch zwei Beiträge auf, die sich mit künstlerischen Versuchen auseinandersetzen. Gabriele Schmid deutet die Holographie als ein Medium, dem das Performative eigne (161). Schmid knüpft an einer Verschiebung des autonomen Werkbegriffs hin zu einem der kommunikativen Rezeption an, was sie anhand der Installation In-Between des kanadischen Künstlers Philippe Boissonnet verdeutlicht. Norman Bryson folgert anhand einer Installation mit dem Titel Bibliomancy die zeitliche Verortung der Holographie. Hologramme, so Bryson, bildeten wie Bücher den Horizont ihrer Rezeption ab und existierten daher nur in der Zeit ihrer Betrachtung (159).

Herausgeber und Autoren greifen aktuelle Diskurse der Bild- und Medienwissenschaft auf und führen diese in einer runden Wissensgeschichte um ein zu kurz gekommenes Medium zusammen. Der Band beweist: Sich um die Stiefkinder der Mediengeschichte zu kümmern, schafft interdisziplinäre Anschlussfähigkeit und reflektiert allzu eingefahrene Muster der Disziplinen.

Literatur:

  • Crary, J.: Techniques of the Observer. On Vision and Modernity in the 19th Century. Cambridge/Mass. u.a. [MIT Press] 1990.

Links:

Über das BuchStefan Rieger; Jens Schröter (Hrsg.): Das holographische Wissen. Zürich, Berlin [diaphanes] 2009, 208 Seiten, 26,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseStefan Rieger; Jens Schröter (Hrsg.): Das holographische Wissen. von Schweizer, Yvonne in rezensionen:kommunikation:medien, 5. August 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2483
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Rezensent/in
Yvonne Schweizer ist Projektmitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen.