Thomas Birkner: Medialisierung und Mediatisierung

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension
Dass Medien (in jedweder Technik und Form) an Zahl und Bedeutung zunehmen, sich weiterhin ausdifferenzieren und damit die modernen (Industrie-)Gesellschaften ständig und nachhaltig verändern, gilt längst als eine Binse und wird in der einschlägigen Forschung durch etliche Ansätze und Paradigmen – kulminierend in ‘Medienwandel‘, (veränderte) ‘Mediensozialisation‘, ‘Mediengesellschaft’ etc., inzwischen auch als Digitalisierung – beobachtet und thematisiert. Seit fast zwanzig Jahren machen zwei weitere Konzepte erhebliche Furore: besonders das der ‘Mediatisierung‘, das vor allem von den Bremer Kommunikationswissenschaftlern Andreas Hepp und Friedrich Krotz in unzähligen Publikationen gepuscht und mittlerweile für viele Adepten nur noch als selbstverständliches Label rekapituliert wird. Postuliert wurde und wird mit ihm, dass es die radikalen Umwälzungen sämtlicher menschlicher Kommunikation durch Technik, inzwischen auch durch digitale Technik, anvisiere und als säkularer Metaprozess neben Ökonomisierung, Individualisierung und Globalisierung gesehen werden müsse. (Dabei ist längst noch nicht geklärt, wie solche Metaprozesse zusammenwirken, sich potenzieren oder konterkarieren, linear, widersprüchlich, komplementär oder auch konkurrierend verlaufen.)

Zusätzliche Einwände, Mediatisierung sei längst zuvor von der Geschichtswissenschaft für die Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit besetzt worden, wurden mit dem Hinweis auf die internationale Popularität von “mediatization“ nicht gelten gelassen. Doch dieser Begriff wird weltweit ungleich breiter verstanden und umfasst auch den der nur im Deutschen existierenden der “Medialisierung“. Dieser Ansatz ist pragmatischer, auch konkreter und sachlich pluralistischer angelegt und wird etwa von Münchener Kommunikationswissenschaftlern um Michael Meyen für vielfältige Veränderungen von Handlungssegmenten und gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Politik, Wissenschaft und Sport) angewendet, die sich unter dem wachsenden Einfluss zunächst noch der Massenmedien, etwa durch die so genannte Medienlogik, verändern, anpassen, auch denaturieren oder umgekehrt möglichweise behaupten. In methodischer Hinsicht wurde die Konkurrenz der beiden Paradigmen auch noch mit dem schon traditionellen Wettstreit zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren munitioniert.

Inzwischen scheinen sich die Fronten abzuschleifen, zumal die Termini besonders in empirische Untersuchungen wechselseitig ausgetauscht werden; neue übergreifende Paradigmen werden erprobt und bei besagten empirischen Studien stehen ohnehin eher Brauchbarkeit und Validität in mikrostrukturellen Erhebungsterrains im Vordergrund. Da kommt die systematische, unaufgeregte und kompetente Übersicht, die im Rahmen der schon bewährten Lehrbuchreihe “Konzepte“ erscheint, gerade recht, um den erreichten Stand der beiden Forschungsstränge, ihre theoretische Fundierung, vor allem ihre empirischen Erträge nicht zuletzt für Studierende und noch wenig Bewanderte aufzuarbeiten. Gelungen ist dies dem Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Thomas Birkner, der auch medienhistorisch arbeitet und damit die Horizonte, aber auch die Mühen der Ebene(n) der Mediengeschichte kennt. Die Konzeption der kompakten Bände sieht ferner didaktische Hilfestellungen wie die Heraushebung zentraler Begriffe und Kernsätze, die biografische Vorstellung wissenschaftlicher Akteure, die Abbildung von Schaubildern und Modellgrafiken sowie die Herausstellung von Schlüsselstudien und Verfahren vor, begleitet von Kategorien am Textrand, und abgeschlossen mit einer Auflistung der zehn wichtigsten Studien und einer umfangreichen Bibliografie.

Unterteilt hat Birkner seine Darstellung in die theoretischen Grundzüge der beiden Ansätze, ihre Entwicklungsgeschichte(n), in ihre Forschungslogiken mittels besagter Verfahren und schließlich – am ergiebigsten – in die kundige Aufarbeitung wichtiger empirischer Studien und deren Befunde. Dabei weist er immer wieder verdienstvoll auf Vorläufer und internationale Bezüge der Diskussion hin. Die empirischen Studien zeigen viele interessante neue Einblicke in Rezeptions- und Nutzungsterrains, aber auch schon bekannte wie etwa in Habitualisierungs- und Veralltäglichungsprozesse des Medienkonsums – von ihren Vertreter*innen auch nicht ganz passend als Domestizierung bezeichnet.

Insbesondere in dem von den Bremern angestoßenen Forschungsschwerpunkt “Mediatisierte Welten“ (2010 bis 2016) sind etliche Detailstudien über ganz unterschiedliche Mediatisierungssegmente und -prozesse entstanden; sie skizzieren spezielle Lebenswelten, Generationen, Vergemeinschaftungen und Fitness-Stile, die nicht nur als mediatisiert firmieren. Daher indizieren sie insgesamt auch, dass zwischen den meist weitreichenden, abstrakten Theoriepostulaten und den eher kleinschrittigen Ergebnissen noch viele logische und theoretische Lücken klaffen oder – positiver – weitere Forschungs- und Konzeptualisierungsaufträge bestehen. Die vorgelegten Reader über Konzeption und Abschluss des besagten Forschungsschwerpunktes belegen dies eindrücklich, und die beiden Protagonisten haben dies mehrfach eingeräumt. Bei den Medialisierungsstudien zur Anpassungs- und Verschmelzungsprozessen in Politik, Wissenschaft und Sport durch mediale, aber auch andere strukturelle Logiken fallen diese Defizite weniger gravierend aus, da sie ihre Erkenntnis- und Generalisierungsambitionen begrenzter und konkreter anlegen.

Birkner schließt seine Aufarbeitung mit einem Fazit und Ausblick, in denen er zusammenfassend die heuristische und forschungsanregende Leistung beider Ansätze hervorhebt, aber auch die theoretischen Desiderate markiert und insgesamt zumindest für ihre komplementäre Handhabung plädiert, wenn nicht beide Ansätze künftig in neuen Konzepten des Medien- und Gesellschaftswandels aufgehoben werden. Dafür könnten beide Ansätze ihre theoretischen und konzeptionellen Spezifika, aber auch Schnittstellen bereitstellen und weiterentwickeln.

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Über das BuchThomas Birkner: Medialisierung und Mediatisierung. Baden-Baden [Nomos] 2017, 121 Seiten, 19,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Birkner: Medialisierung und Mediatisierung. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 17. September 2018, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/21411
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013)