Wenke Liedtke: Biblische Geschichten im Zeichentrickfilm

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Christian Wessely

Einzelrezension
Animationsfilme werden nach wie vor weithin unterschätzt, zumindest in der binnentheologischen Fachwelt. Es haftet ihnen – wie übrigens auch dem Comic – der Ruch der mangelnden Seriosität an, und wer sich im Unterricht an der Universität oder in der Schule des Hilfsmittels Animationsfilm (sei es Anime, sei es Zeichentrick) bedient, der sollte sehr sorgfältig prüfen, ob und wie weit es im Kontext der jeweiligen Institution ratsam ist – ausgenommen natürlich selektierte Produkte. Denn es macht einen großen Unterschied, ob man sich aus dem Fundus des Unterrichtsmittelangebotes oder aus der Erlebniswelt der Kinder bedient, einerseits hinsichtlich der Qualität, andererseits hinsichtlich der Akzeptanz des Angebotenen.

Das vorgelegte Buch trifft damit einen Nerv: Es versucht sich an der Frage abzuarbeiten, welche Qualitätskriterien auf Animationsfilme “von herausragender Bedeutung“ sind. Damit geht natürlich die Frage nach der Entwicklung dieser und ihrer Anwendung einher. Fokussiert wird dabei auf jene Formate, die biblische Geschichten thematisieren.

Formalia

Mit einem Umfang von 608 Seiten ist das Buch ein Schwergewicht, das für Nichtfachleute abschreckend wirken dürfte. Zu Unrecht, denn der Umfang ist der Preis für gut nachvollziehbare Formulierungen. Die Herstellungsqualität ist ok, die Bindung leidet allerdings bei öfterem Knicken des Rückens (was bei diesem Umfang unvermeidlich ist) und beginnt sich aufzulösen. Der Satz ist einfallslos, aber sauber gemacht; die Haptik des Papiers hochwertig. Einige Tabellen und Abbildungen (insgesamt 12) ergänzen den Band; die Sequenzprotokolle der analysierten Serien sind allerdings nicht beigeschlossen – schade, denn das wäre eine wertvolle Beigabe für wissenschaftlich interessierte Leserinnen und Leser.

Die Struktur, die man dem Inhaltsverzeichnis entnehmen kann, ist in sich logisch und methodisch sauber ausgearbeitet. Nach der Formulierung der Forschungsfragen und der Beschreibung der Methodik folgen die Hauptteile “Grundlagen“ (Das Verhältnis von Kindern und Medienlandschaft und die Bedeutung des Kinderfernsehens), “Kriterienentwicklung“ (zum Kontext der biblischen Geschichten, zur Methodenwahl in der Filmanalyse, eine Definition des Qualitätsbegriffes und die Entwicklung von Qualitätskriterien) und “Kriterienanwendung“ (mit der Anwendung der entwickelten Qualitätskriterien anhand der gewählten Methodik auf vier ausgewählte Serien). Eine Zusammenfassung bzw. ein Ausblick runden den Band ab. Die Autorin arbeitet sauber und genau, das geht bis hin zu Hinweisen auf Unterschiede im Hervorhebungsstil in Zitaten. Zu akribisch? Nein – genau so muss das sein.

Was dem Band abgeht, sind Abbildungen im Sinne von Filmstills bzw. Screenshots. Ein Buch über audiovisuelle Medien zu publizieren und dabei auf Abbildungen wenigstens in S/W zu verzichten, ist eigentlich nicht zu rechtfertigen, auch nicht aus urheberrechtlichen Gründen, da sachlich notwendige Abbildungen – auch Screenshots aus Filmen – unter das wissenschaftliche Zitatrecht fallen. Vieles von dem, was die Autorin im dritten Teil ausführt, wäre mit diesen besser verständlich; und es ist auch kein Fehler, Leserinnen und Lesern, die die analysierten Serien nicht kennen, einen ersten Eindruck zu bieten. Auf die vielleicht 20 Seiten mehr wäre es nicht mehr angekommen.

Entsprechend wäre ein analog zum umfangreichen Literaturverzeichnis angefügtes Verzeichnis von URLs hilfreich gewesen, die zu qualitätsgesicherten Seiten zu den besprochenen Filmen führen. Im Literaturverzeichnis werden bei den Werken keine Verlage angeführt, sondern nur der Ort. Und wenn ich schon beim Kritisieren bin: Ein Sachindex wäre angesichts dieses Umfanges durchaus angemessen gewesen.

Inhaltliches

Entsprechend der Fragestellungen geht die Autorin von einer Analyse des zeitnahen Medienkonsumverhaltens der Kinder und Jugendlichen aus. Hier wird vor allem auf die KIM-Studien und Daten der Arbeitsgemeinschaft für Fernsehforschung zurückgegriffen (vgl. 74ff.). Anhand dieser Daten werden die Fernsehgewohnheiten und Rezeptionshorizonte dargelegt, um anschließend die kognitive und religiöse Entwicklung von Kindern zu betrachten. Interessant erscheint dem Rezensenten in diesem Kapitel zunächst der Abschnitt zur Entwicklung des religiösen Urteils und des Gottesbildes (106-114; leider wird beides auf knapp neun Seiten abgehandelt und stützt sich in den Fußnoten im Wesentlichen immer auf dieselben vier Autoren) und dann jener zur (religiösen) Mediensozialisation (vgl. 125-150).

Nach einer Abhandlung über Geschichte und Bedeutung des Kinderfernsehens (vgl. 151-194) folgt der zweite Hauptteil, die “Kriterienentwicklung“. Hier legt die Autorin den Finger auf eine Wunde, die in der (theologischen) Medienforschung durchwegs schmerzt: Das spezifische Instrumentarium ist wenig entwickelt, und es ist daher notwendig, dass man mit jeder Arbeit je neu definiert, wie man methodisch vorgeht. Es geht immerhin um “heilige Texte“, die als solche gerade in der protestantischen Tradition schon lange Gegenstand der textkritischen Forschung sind, und die nun in ein neues Medium übersetzt wurden, das nicht mit den klassischen Arbeitsmethoden kompatibel ist. Entsprechend entwickelt die Autorin aus unterschiedlichen methodischen Ansätzen ihren eigenen Zugang für diesen Fall, indem sie das kindliche Publikum methodisch berücksichtigt (240). Zu Recht weist sie auch auf ein Dilemma hin: Die biblischen Erzählungen sind nicht für Kinder geschrieben; entsprechend ist eine Adaption der Stoffe nur selektiv und mit mehr oder weniger großen Umarbeitungen möglich (vgl. 227f.).

Nach der Darlegung des “handwerklichen“ Zuganges folgt die Auswahl des Materials. Unter den Kriterien Serienformat, Zeichentrick, biblische Geschichte und Zielgruppenalter 6-9 Jahre (vgl. 241) werden zunächst 14 Produkte vorausgewählt, von denen nur eines aus deutscher, 9 aus USA bzw. Kanada und 3 aus (vorwiegend) japanischer Produktion stammen (vgl. 244). Aus diesen werden vier für die nähere Analyse selektiert (vgl. 248f., die Auswahlkriterien und die Begründung sind absolut schlüssig). Hier stellt sich allerdings eine Frage, die sich aus Sicht des Rezensenten nicht befriedigend beantworten ließ: Unter den ausgewählten vier ist die einzige deutsche Produktion (Chi RhoDas Geheimnis), zwei englischsprachige (The Beginners Bible und The Story Keepers) sowie eine italienisch/japanische Koproduktion (Der kleine Bibelfuchs). Das Literaturverzeichnis zeigt aber deutlich, dass die Referenzwerke weit überwiegend deutschsprachiger Provenienz sind (es finden sich nicht einmal 20 nicht-deutschsprachige Werke, und von diesen sind nur einige wenige medienwissenschaftlicher Natur). Wäre es angesichts dieser Auswahl nicht sinnvoll gewesen, auch englischsprachige Werke zum Animationsfilm etwas stärker einzubeziehen, zumal in diesem Bereich doch deutlich mehr Material verfügbar ist?

Ungeteilten Beifall wird dagegen die Tatsache finden, dass die Autorin der oft vernachlässigten Tonspur Aufmerksamkeit widmet (275f).
Die Zwischenergebnisse der Untersuchung werden gesichert (303-311), bevor die Umsetzung von Religion in den Produkten betrachtet wird (311ff). Über die Anwendung von 6 Analyseperspektiven (Funktion der Geschichten, Figurendarstellung, religiöse Prägung von Produzenten/Rezipientenseite, Interreligiöse Tendenzen, Theologische Tendenzen, Ethische Tendenzen, vgl. 312) entsteht ein objektives Raster, das später in der Ergebnissicherung Anwendung finden wird.

Zunächst wird aber noch das leidige Thema “Qualität“ bearbeitet – leidig, weil es meist an der Grenze zwischen subjektivem Empfinden und objektiver Bewertung oszilliert (vgl. 353ff). Hier ist der Autorin Anerkennung zu zollen: sie meistert dieses potentielle Minenfeld durchaus souverän und gewinnt aus der verarbeiteten Literatur die Basis für ihre differenzierte Darstellung der nunmehr zu entwickelnden “Qualitätskriterien für religiöse Animationsfilme“ (440ff.). Dabei denkt sie konsequent von der Dichotomie Produkt (“Verfilmung“, vgl. 453ff) und Rezeption (“Kind“, vgl. 477ff.) in je fünf Teilaspekten (und zusätzlich dem Blick auf die ökonomischen Ressourcen) her. Hier stellt sich für den Rezensenten die nächste Frage im Kapitel über “Religiöse Aspekte“ (487f.). Es ist absolut legitim, auch in einem theologischen Buch diesen “keine Priorität“ einzuräumen. Andererseits wird aber von der Autorin zu zeigen angestrebt, dass “Religion keine Sonderstellung im Leben der Menschen einnimmt, sondern dass Religion vor allem dadurch präsent ist, dass sie im normalen Alltag gelebt wird.“ Zusammengelesen mit der Erkenntnis, dass “Religion nicht einzig rational gedacht und behandelt werden“ kann (489, als, wie mir in diesem Kontext scheint, einzigem Faktor im Analysezusammenhang): Ergibt sich nicht daraus eine notwendige und unumgängliche Sonderstellung, die zu bestreiten einen Schwachpunkt aufmachen könnte?

Im Teil C werden schließlich die erarbeiteten Kriterien in der o.a. Dichotomie auf die Filmauswahl angewandt und ein kurzes Fazit zu jedem einzelnen Film gezogen. Dies geschieht objektiv und ausgewogen. Zusammenfassung und Ausblick runden das Werk ab.

Ein Kritikpunkt, der – anders als die bereits vorgebrachten – in einer Neuauflage nicht durch einfache Ergänzung oder Korrektur beseitigt werden kann, bleibt zu erwähnen: Das Werk ist von der Quellenlage her konfessionell stark auf den evangelischen Bereich fokussiert. Dagegen ist nichts einzuwenden; es ist nur schade, weil nach meinem Kenntnisstand im Rahmen der verwenden Datenerhebungen nicht konfessionell gegliedert wurde; die Zielgruppen waren also durchgemischt. Ein Blick auf die entsprechenden – vor allem theologischen, aber auch filmtheoretischen – Arbeiten im katholischen Lager wäre mir persönlich willkommen gewesen.

Fazit

Dieses Buch hat Lob verdient. Es greift ein Thema auf, das dringend bearbeitet werden muss und das erhebliches Potential in pastoraler, katechetischer und systematischer Perspektive birgt (letzteres, weil die mediale Reflexion einen nicht zu unterschätzenden Input für die Weiterentwicklung der Theologie birgt) und tut das auf sehr durchdachte und konsistente Weise.

Es gibt Kritikpunkte – die wird und muss es bei einem Werk mit dieser Ausrichtung und diesem Anspruch immer geben. Aber unter dem Strich steht für mich eine klare Anschaffungsempfehlung. Natürlich bleibt das Bewusstsein im Hinterkopf, dass derartige dedizierte Serien niemals die Quoten von säkularen Unterhaltungsserien erreichen können… dass also unbeschadet dieser verdienstvollen Arbeit das Desiderat bleibt, diese Massenformate ebenfalls auf einem vergleichbaren Niveau theologisch zu reflektieren. Aber das ist Stoff für eine eigene Serie.

Links:

Über das BuchWenke Liedtke: Biblische Geschichten im Zeichentrickfilm. Zur Qualität Religiöser Animationsserien für Kinder. Reihe: Studien zur Christlichen Publizistik, Bd. 23. Erlangen [Christliche Publizistik Verlag] 2017, 28,- Euro.Empfohlene ZitierweiseWenke Liedtke: Biblische Geschichten im Zeichentrickfilm. von Wessely, Christian in rezensionen:kommunikation:medien, 5. Juni 2018, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/21232
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Rezensent/in
wesselyProf. Dr. Christian Wessely forscht und lehrt am Institut für Fundamentaltheologie der Karl-Franzen-Universität Graz. Zu seinen Spezialgebieten gehören Theologie und Neue Medien, Theologie im kommerziellen Kinofilm der Gegenwart, Wahrheits- und Wissenschaftstheorie sowie Ekklesiologie des Diakonates.
Aktuelle Publikation:
Theresia Heimerl, Christian Wessely (Hrsg.): Weltentwürfe im Comic/film. Mensch, Gesellschaft, Religion. Marburg [Schüren Verlag] 2018.