Gerold Ungeheuer: Kommunikationstheoretische Schriften I

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Rezensiert von Henrik Dindas

Einzelrezension
Auf 292 Seiten werden elf Beiträge unterschiedlichen Charakters des Bonner Kommunikations- und Sprachwissenschaftlers Gerold Ungeheuer (1930-1982) zusammengetragen, die nur eine kleine Auswahl seiner über 120 Veröffentlichungen darstellen. So finden sich in der Auswahl der Herausgeber Kolb-Albers und Schmitz neben einigen zuvor als Vorträgen konzipierten Niederschriften auch ausgefeilte und konkret anwendungsorientierte Beiträge.

Beispielsweise der Aufsatz “Kommunikative Probleme von Polizeibediensteten als Zeugen und Sachverständige vor Gericht. Die Verflechtung der allgemeinen Kommunikationsproblematik mit der besonderen in Gerichtsverhandlungen” (159-205), in welchem Ungeheuer die Notwendigkeit einer Übertragung der Theorie des kommunikativen Verhaltens auf die Praxis beschreibt und zugleich weitere wissenschaftliche Forschung über die Kommunikationserscheinungen bei z. B. Gerichtsverhandlungen fordert (204). Eine nach wie vor brandaktuelle und bedeutungstragende Forderung, beachtet man die derzeitigen Debatten um “Wahrheitsfindung“ (204) bei Schlagworten wie #MeToo, die ebenfalls in Ungeheuers Vortrag Zeugen- und Sachverständigenaussagen als Kommunikationsproblem (91-101) untermauert wird. Ungeheuer bietet dabei einen ebenso anwendungsbezogenen wie theoretischen Zugang zu Problemen von “scheinbar sicheren Informationen“ (91) und der Deutungsvarianz des einzelnen Individuums nach eigenen Kriterien der “Bedeutsamkeit und Relevanz“ (92) sowie den vielschichtigen Problemkreis von “sprachlichen Formulierungen“ (92) bei der Beschreibung von Wahrnehmung. Dies ist insbesondere angesichts aktueller Diskussionen über den US-Präsidenten Donald Trump und ‘Fake News’ oder den Begriff der ‘alternative facts’ von Trump-Beraterin Kellyanne Conway von großer Relevanz.

In den vorliegenden elf Aufsätzen, die zwischen 1969 und 1982 entstanden sind, werden die wesentlichen Grundlagen, Begriffe und Sätze seiner auf den “Eindruck“ (209) fokussierten Kommunikationstheorie deutlich. Diese Betrachtungsweise von Kommunikationswissenschaft – für Ungeheuer bedeutet Kommunikationstheorie stets auch “Problemtheorie“ (11) – geht von einer strukturellen Einheit ihres Gegenstandes aus. In deutlicher Abgrenzung zu einer auf massenkommunikativen Phänomenen basierenden Herangehensweise, wie es beispielsweise die Zeitungswissenschaften und die Massenkommunikationsforschung vollziehen, werden Besonderheiten der “direkten, unmittelbaren und interpersonalen Kommunikation“ (vgl. Richter/Schmitz 2003: 14) durch Ungeheuer herausgestellt. Die daraus abgeleiteten Mittel und Verfahren der empirischen Analyse zu beispielsweise “Merkmalen und Gesetzmäßigkeiten von Kommunikationshandlungen“ (97) führt Ungeheuer in exemplarischen Untersuchungen von Gesprächen und institutionellen Kommunikationssituationen vor, die allerdings ebenfalls in erster Linie auf Begriffs- und Theorieentwicklung abzielen. Während also die ursprünglich von Ungeheuer selbst noch herausgegebene Aufsatzsammlung Sprache und Kommunikation (1972; 2004) seine “Vorstudien“ zum “Entwurf einer Kommunikationstheorie“ (2004: 1) enthält, vereint der vorliegende, 1987, also posthum, erstmals veröffentlichten und nun in einer 3., völlig neu eingerichteten Auflage, seine an jene “Vorstudien“ anknüpfenden, im engeren Sinne kommunikationstheoretischen Schriften (vii) zu Ungeheuers “individueller Welttheorie“ (228).

Aus der Lektüre erschließen sich dem Leser “Prinzipien, Bauteile und Grundstruktur der komplexen Ungeheuerschen Kommunikationstheorie als einer Handlungstheorie, die ihr zugrundeliegende anthropologische Problemtheorie, die zentrale Stellung des Verständigungsproblems, der mit dem Gesprächsbegriff verknüpfte und die Theoriekonstruktion leitende Primat dialogförmiger Kommunikation, die handlungstheoretische Fassung seines Begriffs institutionalisierter Kommunikation u.v.m., ehe schließlich “Vor-Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen“, Ungeheuers letzter Aufsatz überhaupt, die zahlreichen Theoriestücke in einer eindrucksvollen Synthese, den Grundannahmen seiner kommunikationstheoretischen Position, zusammenführt.“ (vii) Mit dem letzten Beitrag “Vor-Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen” (206-241), welcher auch das letzte Werk Ungeheuers darstellt, wird vor allem ein Ausblick darauf gegeben, welche Gestalt Ungeheuers umfassende Kommunikationstheorie zukünftig angenommen hätte.

Insgesamt ermöglicht der vorliegende Band “den problematischen Charakter des Zentralthemas unseres Lebens aufzuzeigen“ (11). Dies ist die menschliche Kommunikation und deren prinzipielle Fallibilität: “Hinsichtlich des Kommunikationserfolgs sind kommunikative Sozialhandlungen fallibel, d.h. es gibt im Prinzip kein gesichertes Wissen über täuschungsfreies Verstehen des Gesagten“ (228). Ungeheuer knüpft den Erfolg von Kommunikation nicht an die Durchsetzung der kommunikativ angetragenen Zumutung, sondern an das Erreichen von Verstehen, und fokussiert dabei sowohl den Sprecher als auch den Hörer. Kommunikation endet für Ungeheuer stets mit dem Verstehen, und die Möglichkeit von Fehlern und Missverständnissen sind im Kommunikationsprozess unabdingbar impliziert, da sie in den Bedingungen des Menschen begründet sind.

Auch wenn “bei kaum einem ihrer Vertreter [der aktuellen empirischen Kommunikationsforschung] ein auch nur annähernd ähnlich breit und fundiert ausgearbeiteter Entwurf einer Theorie interpersonaler Kommunikation vorgefunden werden kann“ (viii), so sollte – oder gerade deshalb müsste – die vorliegende Veröffentlichung und damit Ungeheuers komplexes Werk (erneut) zum Anlass genommen werden, Ungeheuers nicht nur für die Kommunikationswissenschaft bedeutendes Werk und Wirken als grundlegende theoretische Auffassung von Kommunikation in die Wissenschaftslandschaft zu implementieren, denn nicht nur für seinen Schüler Johann G. Juchem war Ungeheuer “ein Genie, der […] zu der Überzeugung führte, dass der Erfolg des wichtigsten Prozesses menschlichen Daseins, nämlich des Kommunikationsprozesses, zweifelhaft ist, und dass seine wissenschaftliche Untersuchung diesen Zweifel nicht etwa beseitigt, sondern perpetuiert“ (Juchem 2000: 1). Vielleicht wäre es dem einen oder anderen US-Präsidenten sogar anzuraten, Näheres zu “Gut geführte[n] Gespräche[n] und ihr[en] Wert” (125-130) zu erfahren…

Literatur:

  • Ungeheuer, G.: Sprache und Kommunikation. Hamburg [Buske] 1927
  • Ungeheuer, G.: Sprache und Kommunikation. Münster [Nodus] 2004
  • Juchem, J.G.: Schlusswort beim Symposium “Die Konstruktion der Bedeutung“ anlässlich des 60. Geburtstages von Prof. Dr. Johann G. Juchem. 27.-29.1.2000. Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik, Universität Bonn / Hanke, Michael (Hrsg.). – Bonn, 2001.
  • Richter, H./Schmitz, H. W. (Hrsg.) (2003): Kommunikation – Ein Schlüsselbegriff der Humanwissenschaften? Münster [Nodus] 2003.

Links:

Über das BuchGerold Ungeheuer: Kommunikationstheoretische Schriften I. Sprechen, Mitteilen, Verstehen. 3., völlig neu eingerichtete Auflage; herausgegeben und mit einem Vorwort von Karin Kolb-Albers und H. Walter Schmitz. Münster [Nodus] 2017, 292 Seiten, 49,- Euro.Empfohlene ZitierweiseGerold Ungeheuer: Kommunikationstheoretische Schriften I. von Dindas, Henrik in rezensionen:kommunikation:medien, 16. März 2018, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/21073
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Rezensent/in
Dr. Henrik Dindas hat langjährige Erfahrungen im Wissenschafts-management und in der qualitätsorientierten Hochschulentwicklung. Er ist promovierter Kommunikationswissenschaftler (Dr. phil., Universität Duisburg-Essen), zertifizierter systemischer Coach und hochschuldidaktischer Moderator. Er ist Mitglied im Netzwerk Essener Kommunikationswissenschaft e.V. und arbeitet als Referent im Prorektorat Lehre der FOM (Hochschule für Oekonomie und Management) sowie als freier Berater und systemischer Coach für Hochschulcoaching und -didaktik.