Felix Koltermann: Fotoreporter im Konflikt

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Rezensiert von Evelyn Runge

Einzelrezension
In seiner Dissertation Fotoreporter im Konflikt: Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina untersucht Felix Koltermann die Produktionsbedingungen von israelischen, palästinensischen und internationalen Fotojournalistinnen und Fotojournalisten: “Aufgrund der Konstitution des Nahen Ostens als Nachrichtenzentrum hat sich an diesem Standort ein eigenes auf den Konflikt bezogenes System fotojournalistischer Produktion entwickelt. Dort tätige Fotoreporter gehören als Kommunikatoren zu den wichtigsten journalistischen Akteuren der Region“ (10, vgl. auch 159). Koltermann verbindet in seiner Studie zwei Blickwinkel: Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive interessiert er sich für “das Handeln des Fotoreporters als Kommunikator innerhalb journalistischer Institutionen“ (17). Diese erweitert er durch Fragestellungen der Friedens- und Konfliktwissenschaft und hier speziell nach dem “Handeln des Fotoreporters als soziale[m] Akteur innerhalb des Konflikts“ (ebd.).

Als Methode wählt Koltermann qualitative Leitfadeninterviews: “Über die Selbstaussagen der Fotoreporter wird das fotojournalistische Handeln einer Analyse zugänglich gemacht und damit eine Rekonstruktion des Feldes der fotojournalistischen Produktion in Israel und den palästinensischen Gebieten ermöglicht.“ (18) Zwischen September 2011 und April 2012 interviewte Koltermann 40 Gesprächspartner in Israel und Palästina, davon 30 Männer, neun Frauen und ein gemischtes Fotografenpaar (vgl. 179). Über einen standardisierten Fragebogen erhielt er zudem Informationen unter anderem über Ausbildung, Verdienst, Sprachkenntnisse und Sozialversicherungen (vgl. 179ff.). Auf eine Triangulation der Ergebnisse, beispielsweise einer Bildanalyse von Aufnahmen, die der jeweilige Fotojournalist gemacht hat, verzichtet Koltermann, da “Fragen der Repräsentation eine geringere Bedeutung“ in seiner Studie zukommt (176, vgl. auch 416). Mit seiner Forschung zu Produktions- und Arbeitsbedingungen internationaler Fotojournalistinnen und Fotojournalisten reiht Koltermann sich ein in das derzeit verstärkt zu beobachtende Interesse an diesen Themen (vgl. u.a. Gürsel 2016, Vowinckel 2016, Runge 2015, 2016).

Koltermann berücksichtigt in seiner Untersuchung viele Aspekte, unter anderem die berufliche Sozialisation der Fotoreporter (vgl. u.a. 184ff.), ihr Rollenverständnis (vgl. u.a. 205ff.) auch in Bezug auf Hilfeleistungen in Konfliktsituationen, etwa wenn Menschen ange- oder erschossen werden (vgl. 347ff.), psychosoziale und emotionale Folgen der visuellen Krisenberichterstattung (vgl. 377ff.), die Unterschiede in der Presse- und Bewegungsfreiheit, denen die Fotojournalistinnen und Fotojournalisten je nach ihrer Herkunft und ihrem Wohnort ausgesetzt sind (vgl. 316ff.). In einer selbsterstellten Karte schematisiert Koltermann die Bewegungsregime der Fotoreporterinnen und Fotoreporter zwischen Israel, den palästinensischen Gebieten und Gaza (vgl. 317). Der Zugang zum Feld bestimmt die Arbeitsroutinen im Konflikt (vgl. 387ff.), unter anderem durch Sprachkenntnisse des Hebräischen, Arabischen und Englischen, aber auch das Geschlecht des Fotografen, da Geschlechtertrennung “in großen Teilen der […] Gesellschaften in Israel und den palästinensischen Gebieten virulent“ ist (389).

Hervorzuheben ist, dass Koltermann ausgehend von seinen Ergebnissen eine “Typologie fotojournalistischer Akteure“ erarbeitet, die die verschiedenen Arbeitsrollen lokaler und internationaler Fotoreporter darstellt: Diese unterscheiden “sich hinsichtlich ihres fotojournalistischen Handelns und ihrer institutionellen Anbindung“ (403ff.). Dabei berücksichtigt der Autor auch neuere Entwicklungen, etwa die des “NGO-Dokumentaristen“ (“Dokumentarfotografen, [die] hauptsächlich von Aufträgen für INGOs und NGOs aus den Bereichen Humanitäre Hilfe, Menschenrechte und Entwicklungszusammenarbeit“ leben, 409), des News-Aktivisten (“an der Schwelle zum citizen journalist“, 407, Hervorhebung übernommen) oder des sozialdokumentarischen Aktivisten (“neben dem ‘News-Aktivist‘ der politischste Typ“, 409f.). Die neun Kategorien nutzt Koltermann, um die unterschiedlichen Handlungsspielräume der israelischen, palästinensischen und internationalen Fotoreporter herauszukristallisieren: Die internationalen Fotojournalistinnen und Fotojournalisten können sich am freisten bewegen; die “Bewegungsregime“ der Israelis bezeichnet Koltermann als mittel und die der Palästinenser am niedrigsten (413, vgl. auch 417). Für künftige Forschung würde es sich lohnen, Koltermanns Akteurstypologien an anderen Orten – und somit ihre Verallgemeinerbarkeit – zu überprüfen.

Felix Koltermanns Perspektive speist sich auch aus seinen vielseitigen Erfahrungen in Praxis und Theorie: Nach Studienabschlüssen in Fotografie und “Peace and Security Studies“ wurde er mit der vorliegenden Arbeit in Kommunikationswissenschaft promoviert. Er bereist Israel und Palästina seit vielen Jahren, behandelt in eigenen Fotoausstellungen beispielsweise die politisierte Architektur und Landschaft, referiert in der Erwachsenenbildung über den Konflikt und veröffentlichte bislang kleinere Publikationen zum Thema (u.a. Koltermann 2017). Die Vertrautheit mit der Region und den Akteurinnen und Akteuren spiegelt sich in seinem Werk wider: Es profitiert von genauer Kenntnis der Arbeitsbedingungen der Fotojournalistinnen und Fotojournalisten, der politischen Lage und der örtlichen Begebenheiten, die ihre Arbeit beeinträchtigen (vgl. 173ff.). Koltermann reflektiert seine eigene Forscherrolle und achtet darauf, sein gesammeltes Wissen auch vor Ort durch Gespräche, Vorträge und Diskussionen nach Israel und Palästina ‘zurückzugeben‘, um nicht als “der weiße, europäisch sozialisierte Forscher“ mit dem Wissen “zurück nach Deutschland“ zu gehen (172).

Die Schwächen der Arbeit liegen vor allem in der Organisation der Publikation: Das Buch bietet kein Register, weder Personen-, Orts- noch Sachregister, was bei einer umfangreichen und grundlegenden Studie wie dieser aber unverzichtbar ist. Mehrere Unterkapitel tragen nahezu gleichlautende Überschriften, beispielsweise “Psychosoziale Folgen von Konflikten“ (102), “Psychosoziale Folgen“ (114) und “Die psychosozialen Folgen der Arbeit“ (381); oder auch “Ethik im Fotojournalismus“ (80), “Fotojournalistische Ethik in der Praxis“ (340) und “Die fotojournalistische Ethik in Konflikten“ (396). Einige Kapitel schließen mit einem Zwischenfazit, andere wiederum nicht. Außer einer Landkarte der Westbank, die die Aufteilung in die Zonen A, B und C nach dem Oslo-Abkommen zeigt (vgl. 138), bietet die Publikation keine Karten von Israel, Jerusalem oder Gaza, die auch Neueinsteigern ohne persönliche Ortskenntnisse visuell die Lektüre erleichtern würden.

Insgesamt ist Felix Koltermanns Buch Fotoreporter im Konflikt: Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina sehr zu empfehlen: Der Autor beschreibt kenntnisreich und detailliert, wie Asymmetrien auf politischer Ebene sich in der täglichen Arbeit von Fotojournalistinnen und Fotojournalisten niederschlagen – und somit wiederum spezifische visuelle Narrative strukturieren.

Literatur:

  • Gürsel, Zeynep Devrim: Image Brokers: Visualizing World News in the Age of Digital Circulation. Oakland [University of California Press] 2016.
  • Koltermann, Felix (Hrsg.): Fotografie in Israel/Palästina. Berlin [AphorismA Verlag] 2017.
  • Runge, Evelyn: Image Capture. Arbeits- und Produktionsbedingungen von Fotojournalisten im digitalen Zeitalter. In: Fotogeschichte, Nr. 138, Jg. 35, Winter 2015, S. 75. http://www.fotogeschichte.info/index.php?id=774 [19112017]
  • Runge, Evelyn: Vereinheitlichung, Verflechtung, Verkauf. Bildagenturen in der Gegenwart: das globalisierte Geschäft mit Fotografie im digitalen Zeitalter. In: Fotogeschichte, Nr. 142, Jg. 36, Winter 2016, S. 55-63.
  • Vowinckel, Annette: Agenten der Bilder: Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen [Wallstein] 2016.

Links:

Über das BuchFelix Koltermann: Fotoreporter im Konflikt. Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina. Bielefeld [transcript] 2017, 456 Seiten, 49,99 Euro (Zugl. Dissertation an der Universität Erfurt, 2016).Empfohlene ZitierweiseFelix Koltermann: Fotoreporter im Konflikt. von Runge, Evelyn in rezensionen:kommunikation:medien, 19. Dezember 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20852
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Rezensent/in
Dr. phil. Evelyn Runge erforscht die Produktionsbedingungen von Fotojournalisten im digitalen Zeitalter ("Image Capture“). Sie wird gefördert von der Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences (Stiftungsfonds BMBF) und dem Harry S. Truman Institute for the Advancement of Peace der Hebrew University of Jerusalem in Israel. Forschungsschwerpunkte: Fotografie in Theorie und Praxis, Mediensoziologie, Bilddatenbanken und Archive, Journalismus, Digital Storytelling. Sie hat Politikwissenschaft, Journalistik, Neuere deutsche Literatur und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert und eine Ausbildung zur Redakteurin an der Deutschen Journalistenschule in München erhalten. Im Herbert von Halem Verlag ist 2016 ihre Publikation Motor/Reise. Handbuch für die Medienpraxis erschienen (mit Hektor Haarkötter). Journalistische Veröffentlichungen u.a. in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Cicero, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung. Zudem ist sie Alumna der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Mitglied 2011-2016).