Birgit Däwes, Alexandra Ganser, Nicole Poppenhagen (Hrsg.): Transgressive Television

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Nils Neusüß

Einzelrezension
Im Zuge des gestiegenen wissenschaftlichen Interesses am Themenbereich Serien und TV sind einige Arbeiten entstanden, die sich in erster Linie darum bemüht haben, das Medium als solches greifbar zu machen. Dabei haben sich die Monographien und Sammelbände aus den Kulturwissenschaften an den immer gleichen Themen und Werken abgearbeitet.

Transgressive Television – Politics and Crime in 21st-Century American TV Series, im Zuge einer Tagung entstanden und von Birgit Däwes, Alexandra Ganser und Nicole Poppenhagen herausgegeben, geht einen Schritt weiter: Mit der thematischen Eingrenzung (Politik und Kriminalität) sowie einer interessanten Serienauswahl bietet der Band die Möglichkeit, nicht nur an der Oberfläche des Mediums Serie zu kratzen, sondern in die Tiefe zu gehen. Besonders erfreulich ist, dass zum Teil sehr aktuelle amerikanische und (wenn auch wenige) europäische Serien von den Autorinnen und Autoren für ihre Artikel gewählt wurden. Zwar kommt auch dieser Band nicht ohne die obligatorischen und herausragenden – weil für die weitere Entwicklung von Serien entscheidenden – The Wire, Twin Peaks, Breaking Bad und The Sopranos aus, doch mit Hannibal, Veep, The Good Wife oder True Detective sind neue (und teilweise noch nicht abgeschlossene) Formate vertreten.

Leider geht dem Sammelband trotz der titelgebenden thematischen Eingrenzung die klare Linie verloren. Einige Artikel wirken arg in Form gepresst, um ihre Aufnahme rechtfertigen zu können. So sind zwar die meisten Beiträge aus bestimmten Blickwinkeln durchaus passend, andere fallen jedoch aus dem Rahmen: Sie befassen sich mit der Historie des Mediums (vgl. Gary R. Edgerton: The Countdown to Y2KTV and the Arrival of the New Serials) oder dem beliebten Blick hinter die Kulissen (vgl. Alexandra Ganser: Transgressive Serialization and the Serialization of Transgression at the U.S.-Canadian Border: Twin Peaks). Hierbei handelt es sich um extradiegetische Beobachtungen, die nicht recht in das intradiegetische Konzept des Bandes passen wollen.

Gleich der erste Beitrag (Transgressive Television: Preliminary Thoughts) von Birgit Däwes stellt einen solchen thematischen Schwenk dar – wenn auch einen sehr interessanten. In ihrem Artikel erläutert sie, warum die Bezeichnung “quality TV”, die aus den Anfängen der Serienforschung stammt, mittlerweile überholt sei. Mit dem Begriff, der auf den Pionier Robert J. Thompson zurückgeht, sollte das Interessengebiet der Wissenschaft abgesteckt werden. “As this volume as a whole suggests, ‘quality TV‘ is too vague, too hierarchical, and too ideologically burdened a term to aptly describe the recent developments of contemporary American television serials.“ (23)

Stattdessen schlägt Däwes den Begriff ‘Transgressive Television‘ vor, der sich unter anderem durch einen starken Bezug zu politischen Themen auszeichne. So wird in diesem Beitrag schließlich doch eine Verbindung zum Schwerpunkt des Bandes hergestellt. Das trangressive Element der interessanten TV-Serien sei, so Däwes weiter, eine Erweiterung von Grenzen: “Contemporary television series like these are predominantly characterized, as this volume argues, by transgressions of political and moral codes, of identity and social limitations, and of demarcations of form.“ (23) Selbstreflexivität und die Vermischung von Realität und Fiktion sowie ein komplexer Umgang mit Zeit seien häufig in ‘transgressive Television‘ zu finden.

Und so lassen sich auch die Serien, von denen die Artikel des zweiten Abschnitts handeln (Representing Power: Formats of Political TV Series), diesem Spannungsfeld des transgressiven Fernsehens zuordnen. Die Autorinnen und Autoren zeichnen schlüssig nach, wie die jeweiligen Serien Macht ins Verhältnis setzen zu Journalismus, Hautfarbe und Gender. Dorothea Will erläutert zudem in ihrem Aufsatz  (The Humane Face of Politics? Political Representations, Power Structures, and Gender Limitations in HBO’s Political Comedy Veep) wie die Satire Veep nicht nur im Bereich Politik und Geschlecht mit den Sehgewohnheiten des Publikums bricht, sondern auch bekannte Genreerwartungen sprengt. Zwar bringt auch Will die äußeren Umstände der TV-Produktion mit ins Spiel, weist aber gleichzeitig auf die Wichtigkeit der Sprache für ‘transgressive Television‘ hin und liefert damit einen weiteren Definitionsansatz: “Not only does the subscription network enable the makers of this political comedy to test linguistic and generic boundaries, but it also allows them to violate political representations through ridicule.“ (129) Die ungezügelte Sprache – durchzogen von Flüchen und Obszönitäten –, für die Veep und andere Serien der Pay-TV-Sender geschätzt werden, lässt Rezeptionserwartungen platzen. Denn Sender, die sich durch Abonnements finanzieren, bieten Serienmachern deutlich mehr künstlerische Freiheit. Hier können bislang unbekannte Szenarien im US-Fernsehen gezeigt werden: So ist es möglich, Figuren, die politische Ämter bekleiden, in all ihrer menschlichen Absurdität zu zeigen, welche sich eben zu einem großen Teil in der verwendeten Sprache spiegelt.

Mit der vermeintlichen Veränderung von Sehgewohnheiten in neuen Fernsehformaten geht es auch in den letzten beiden Abschnitten des Bandes weiter: Der progressive Umgang mit Stereotypen – vor allem die Brechung von Geschlechterrollen und Klischees über Hautfarben – ist allerdings, so argumentiert vor allem Kimberly R. Moffitt in ihrem Aufsatz “The Portrayals of Black Motherhood in The Wire“, kein obligatorisches Merkmal der modernen, amerikanischen Serie. Am Beispiel der hochgelobten, vielfach ausgezeichneten und von der Wissenschaft als Paradebeispiel für ‘quality TV’ (vgl. Nesselhauf/Schleich 2014: 9ff.) oder ‘transgressive Television’ angesehenen TV-Serie The Wire, verdeutlicht die Autorin die konservative Darstellung von dunkelhäutigen Müttern. Obwohl die Serie deutlich transgressive Elemente hat (zum Beispiel in der ungeschönten Darstellung der kriminell geprägten Nachbarschaften Baltimores), argumentiert Moffitt, dass Weiblichkeit und Mutterschaft nach den Stereotypen des weißen Patriarchats dargestellt würde: “It is evident that Black women are not given enough space to portray the range of images of motherhood thats exists for White mothers. Instead, they are often placed as the anti-thesis of White mothers, who are embraced as markers of beauty and national unity.” (177) Während diese Grundaussage ihres Artikels schon in sich ein sehr interessanter Punkt in der Forschung zu The Wire ist, geht Moffitts Artikel zusätzlich in eine Richtung, die für Serienforschung generell wichtig ist: die Kritikfähigkeit gegenüber den Werken des eigenen Forschungsfelds.

Denn in den vergangenen Jahren war die Serienforschung hauptsächlich in ihren selbst auferlegten Rechtfertigungszwängen gefangen. Wissenschaftliche Arbeiten waren noch zu sehr davon geprägt, Serien als veritables Forschungsfeld zu etablieren. Die Begeisterung (soll heißen: das Fan-sein) der frühen Phase hat in  der anfänglichen Serienforschung zu fehlender Objektivität geführt. Dies ist die eigentliche – wenn auch nicht von allen Beiträgen getragene – Leistung von Transgressive Television. Statt sich mit TV-Serien zu befassen, weil diese ‘gut’ sind, wird das Medium betrachtet, weil es gesellschaftliche, künstlerische und wissenschaftliche Diskurse eröffnet. Damit läutet dieser Sammelband eine neue, erwachsenere, kritischere und damit auch ergiebigere Art der Serienforschung ein.

Literaturverzeichnis:

  • Nesselhauf, J.; M. Schleich (Hrsg.): Quality-TV. Die narrative Spielwiese des 21. Jahrhunderts?!. Berlin [Lit Verlag] 2014.
  • Thompson, R. J.: Television’s Second Golden Age. From Hill Street Blues to ER. New York [Syracuse University Press] 1996.
Über das BuchBirgit Däwes, Alexandra Ganser, Nicole Poppenhagen (Hrsg.): Transgressive Television. Politics and Crime in 21st-Century American TV Series. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2015, 358 Seiten, 45,- Euro.Empfohlene ZitierweiseBirgit Däwes, Alexandra Ganser, Nicole Poppenhagen (Hrsg.): Transgressive Television. von Neusüß, Nils in rezensionen:kommunikation:medien, 22. November 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20824
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Rezensent/in
Nils Neusüß, M.A., hat Komparatistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Neuere Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität des Saarlandes studiert. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören Film- und Serienwissenschaft, Metafiktionalität und transmediale Erzähltheorie. Zurzeit arbeitet er in Berlin im Marketing-Bereich.