Änne Söll, Gerald Schröder (Hrsg.): Der Mann in der Krise?

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Liesa Herbst

Einzelrezension
Die titelgebende Frage Der Mann in der Krise? kann – so viel sei verraten – mit hoher Wahrscheinlichkeit bejaht werden, denn die Krise gilt als “ein periodisch wiederkehrender Zustand und konstitutives Element für Männlichkeit” (8). Dabei kann die Krise als eine Reaktion auf gesellschaftlichen Wandel verstanden werden, welche eine Neu-Positionierung bzw. Neu-Definition des Mannes erforderlich mache. Vor allem aber eröffne die Krisenrhetorik die Möglichkeit, “kanonisch gewordene Narrative zu hinterfragen und diese zu erweitern” (8), wie die Kunsthistoriker Änne Söll und Gerald Schröder in der Einleitung zu ihrem 2015 herausgegeben Sammelband erklären.

Ausgehend von der Prämisse der Krisenanfälligkeit normativer bzw. hegemonialer Männlichkeit hinterfragen Söll und Schröder, “inwiefern Bilder den historischen Wandlungsprozess hegemonialer Männlichkeit in seinen krisenhaften Momenten reflektieren und sogar befördern oder verhindern helfen“ (15). Dazu versammelt der Band auf 219 Seiten insgesamt zehn Aufsätze von Kunsthistorikern aus dem In- und Ausland (u.a. Deutschland, Schweiz, USA, Kanada). Die Beiträge gehen auf eine Tagung im Mai 2013 an der Universität Potsdam zurück.

Aufgrund der Periodizität der ‘Krisen von Männlichkeit‘ wurde der Schwerpunkt auf zwei bestimmte Zeitabschnitte gelegt: das frühe 20. Jahrhundert, insbesondere die 1920er Jahre sowie die Postmoderne seit den 1970er Jahren. Beide Perioden sind von besonderem wissenschaftlichen Interesse, da es nach Ende des Ersten Weltkrieges als auch in den späten 1960er Jahren zu einer grundlegenden Infragestellung traditioneller Formen hegemonialer Männlichkeit kam. Der zunehmende Transfer zwischen der zeitgenössischen Kunst mit den Gender- und Queer Studies seit den 1970er Jahren habe wiederum zu einer vermehrten künstlerischen Reflektion von Männlichkeit und ihren diversen Ausformungen geführt (vgl. 15).

Änne Söll und Gerald Schröder liefern einführend eine detaillierte Abhandlung u.a. zur Bedeutung und Funktion des Krisenbegriffs sowie Modellen hegemonialer (Raewyn Connell) bzw. normativer Männlichkeit (Kaja Silverman). Der Beitrag von Barbara Lange beschäftigt sich mit den Schriften des deutschen Kunsttheoretikers Aby Warburg sowie des US-amerikanischen Malers Marsden Hartley, die beide nach dem Ersten Weltkrieg in der indianischen Kultur ein Gegenmodell zu traditionellen Formen westlich-europäischer Männlichkeit sahen.

Zwei Aufsätze befassen sich mit der Kultur der Weimarer Republik in den 1920er Jahren: zum einen mit Männlichkeitsbildern in illustrierten Zeitschriften, dem ‘Boxer‘ als neuem Idealtypus (Helen Barr); zum anderen mit der Männermodereform als Versuch einer männlichen Resouveränisierung, interpretiert am Beispiel der Schriften und Selbstinszenierungen des Künstlers Raoul Hausmann (Änne Söll). Amy Lyford zeigt, wie Pablo Picasso in den Jahren um 1930 mit seinen Bildern die heterosexuelle Männlichkeit infrage stellte, als Reaktion auf Bestrebungen des Nachkriegs-Frankreichs einer Wiederherstellung der traditionellen, hierarchischen Geschlechterordnung sowie bisherigen Vorstellungen (männlicher) künstlerischer Identität.

Amelia Jones, die mit ihrem Aufsatz den zweiten Teil des Bandes einleitet, setzt sich mit dem Performancekünstler Chris Burden auseinander, genauer: seinen in den 1970er Jahren entstandenen Arbeiten, in welchen er die Verletzlichkeit des männlichen Körpers im Zusammenhang mit Machtansprüchen aufführt. Katharina Sykora widmet ihren Aufsatz dem australischen Künstler Leigh Bowery, der in seinen Selbstinszenierungen konventionelle geschlechtliche Körper- und Dresscodes auf bizarre Weise infrage stellt und Körper sowie Geschlecht als Kunstprodukte im Prozess der Bildwerdung offenlegt.

Sophie Junge und Gerald Schröder legen dar, wie homosexuelle Künstler in den 1980er Jahren das heteronormative Fundament hegemonialer Männlichkeit unterliefen. Junge untersucht dazu Bilder homosexueller Männlichkeit während der AIDS-Epidemie in den USA der späten 1980er Jahre und legt dazu eine vergleichende Analyse von Pressefotografien und Selbstrepräsentationen von AIDS betroffenen Künstlern in der 1989 von Nan Goldin kuratierten New Yorker Ausstellung Witnesses: Against Our Vanishing vor.

Gerald Schröder zeigt, wie der US-amerikanische Künstler Robert Gober dem erneuten Wiederaufleben gesellschaftlicher Stigmatisierung schwuler Identität und Homophobie mit seinen Anfang der 1990er Jahre entstandenen Installationen und einer queeren Bildsprache sowie Verweisen auf Arbeiten von Andy Warhol und Marcel Duchamp etwas entgegensetzte. Andrea Fitzpatrick stellt den iranischen Fotografen Sadegh Tirafkan vor, der in seinen fotografischen Selbstinszenierungen der 1990er Jahre bislang “verschleierte männliche Identitäten“ zeigt, und damit in Medien vorherrschende Stereotype islamischer Männlichkeit erweitert. Der Band schließt mit einem Beitrag von Annette Geiger, die sich dem Männerbild in der aktuellen Avantgardemode zuwendet und mit Georges Bataille drei Krisensymptome heutiger Männermode ausmacht: das Kopf-, Form- und Obdachlose.

Das Ziel des Bandes, den Wandel visueller Darstellungsweisen von Männlichkeiten im Verlauf des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart mit Blick auf künstlerische und gesellschaftspolitische Strategien abzubilden, wurde durchaus erfüllt. Den Herausgebern ist es trotz der limitierten Seitenanzahl gelungen, ein recht breites zeitliches sowie geografisches Feld abzudecken und so dem Leser, vom ‘interessierten Laien‘ bis zum ‘Insider‘, einen facettenreichen Einblick in das Themenfeld zu liefern. Trotz der thematischen Bandbreite und den recht unterschiedlichen Aspekten der Beiträge bleibt der rote Faden – die Verschränkung von Männlichkeiten, Krisen und visuellen Artefakten – klar erkennbar. Eine zum Teil stärkere Kontextualisierung der Krise(n) der Männlichkeit als Konstituenten von Geschlechterdiskursen, und damit auch immer verbunden mit sich wandelnden Weiblichkeitsvorstellungen sowie -bildern, wäre wünschenswert gewesen.

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Über das BuchÄnne Söll, Gerald Schröder (Hrsg.): Der Mann in der Krise? Visualisierungen von Männlichkeit im 20. und 21. Jahrhundert. Reihe: Literatur-Kultur-Geschlecht, Bd. 68. Wien, Köln, Weimar [Böhlau] 2015, 219 Seiten, 39,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseÄnne Söll, Gerald Schröder (Hrsg.): Der Mann in der Krise?. von Herbst, Liesa in rezensionen:kommunikation:medien, 6. November 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20790
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Rezensent/in
Liesa Herbst, M.A., ist Doktorandin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg und assoziiertes Mitglied der interdisziplinären Doctorate School PLUS "geschlecht_transkulturell". Ihre Forschungsschwerpunkte sind kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung und Transkulturalitätsforschung (insbes. China), Körperdiskurse und Intersektionalitätsforschung.