Andreas Elter, Christian F. Trippe: Ausland

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Guido Keel

Einzelrezension
Obwohl man im Lokalen die journalistischen Tätigkeiten wohl am umfassendsten ausübt, der nationale Politjournalismus für das Publikum am relevantesten ist und der Sportjournalismus das größte Publikum hat – der Auslandsjournalismus gilt gemeinhin als Königsdisziplin des Journalismus. Eine Tätigkeit im Auslandressort oder gar als Korrespondent im Ausland erfolgt im Allgemeinen, wenn man ausreichend Erfahrung in anderen Ressorts und Themen gesammelt hat.

Weshalb dem so ist, wird schnell klar, wenn man das Büchlein von Andreas Elter und Christian F. Trippe liest: Ein Auslandsjournalist muss jede Form des Journalismus beherrschen und sich dabei auch noch einigermaßen selbständig organisieren. Auslandsjournalisten sind üblicherweise erfahrene Journalisten. Und damit stellt sich die Frage, die einen bei der Lektüre der knapp 200 Seiten ständig begleitet: An wen richtet sich der Band Ausland der Reihe Journalismus Bibliothek eigentlich? An Berufsanfänger, wie der Klappentext vorschlägt, wohl kaum – die werden nicht im Auslandsjournalismus tätig sein. Und an ein wissenschaftliches Publikum auch nicht, denn dafür ist die Aufarbeitung der Literatur zu unvollständig.

Geschrieben haben das Buch wie üblich in der Reihe Basiswissen für die Medienpraxis ein Wissenschaftler (Prof. Dr. Andreas Elter von der Macromedia Hochschule) und ein Praktiker (Christian F. Trippe, langjähriger Korrespondent für die Deutsche Welle in Moskau und Brüssel). Und so kommt das Buch auch daher: Als Versuch, Theorie und Praxis zusammenzubringen. Um es vorwegzunehmen – diesem Anspruch kann das Buch nicht gerecht werden. Die beiden Zugänge bleiben sich im Buch fremd, Bezüge zwischen Theorie und Praxis fehlen weitgehend.

Das erste Kapitel liefert einen knappen Abriss von Gegenstand, Geschichte, Funktionen und Rollen des Auslandsjournalismus, abgestützt auf wissenschaftliche Literatur, wobei einiges davon schon etwas in die Jahre gekommen ist. Das zweite Kapitel, zu Aufgabenfelder und Problembereichen des Auslandsjournalismus, ist aus der Praktikersicht geschrieben. Literaturbezüge werden Mangelware, dafür erzählt hier offenbar jemand mit jahrzehntelanger praktischer Erfahrung; das Normative und Reflektierte weicht dem Pragmatischen. Dafür findet der angehende Auslandsjournalist hier eine Fülle an praktischen Ratschlägen, die gelegentlich etwas gar detailverliebt daherkommen. So rät das Buch, in Bezug auf die Berichterstattung von “internationalen Großveranstaltungen“, man solle bei der Akkreditierung neben Anmeldefristen auch beachten, dass “…häufig ad personam ausgestellte Sendschreiben der Chefredaktion (als pdf-Scan) und Passfotos mit ganz bestimmten Dokumentmerkmalen (Pixelanzahl, digitales Format) verlangt“ würden (71). Und weiter wird empfohlen, “ein LAN-Kabel und einen Mehrfachstecker dabei zu haben.“

Die hier folgenden Kapitel und Unterkapitel mögen zwar in der Summe hilfreich sein, wenn man sich auf seinen Auslandaufenthalt vorbereitet; die zahlreichen Ratschläge kommen aber unstrukturiert daher. So findet sich im Unterkapitel “Wer im Ausland hilft“ neben Abschnitten zu Fixer, Stringer und Übersetzer auch Abschnitte zu “Honorar“ und “Transport“. Die mangelhafte inhaltliche Logik führt dazu, dass der Text gelegentlich redundant wirkt. Die immer wieder eingeschobenen Portraits von Auslandkorrespondenten, die an der Seitenzahl gemessen rund einen Viertel des Büchleins ausmachen, tragen dabei weiter zur Unübersichtlichkeit bei. Und was die angesprochenen Unterabschnitte Honorar und Transport betrifft: Da ist zu lesen, dass bei Honoraren gilt: “nicht zu viel und nicht zu wenig“, und zu Transporten weiß das Büchlein: “Es muss nicht immer Taxi sein!“ (75).

Nach all der Praxishilfe nimmt sich das Kapitel “Akteure und Formate – Macher und Märkte“ dem Korrespondenten und seinem Publikum an. Auch in diesem Abschnitt setzt sich der erzählerische Ton des erfahrenen Auslandsjournalisten fort. Zudem wirken die Ausführungen hier zunehmend veraltet. So ist zu lesen, dass zur Arbeit am Schreibtisch nur noch ganz selten der Gang ins Archiv gehöre (vgl. 98), während von Social Media – eine unentbehrliche Quelle, gerade im modernen Auslandsjournalismus – in diesem Zusammenhang nie die Rede ist.

Vieles bleibt offen und allgemein, wie zum Beispiel bei der folgenden Aussage: “Das Ausland hat also in deutschen Wochenmedien durchaus noch seinen festen Platz – allein wie groß der ist, ist nicht zu generalisieren. Er variiert je nach Themenlage von Ausgabe zu Ausgabe. Und das Ausland konkurriert Woche für Woche dabei mit anderen Themen.“ (101). Zudem stören irgendwann die Aussagen ohne Quellenangaben, wie z. B. auf Seite 113: “Auslandsjournalistische Berichte stoßen seit Jahrzehnten auf ungebrochen hohe Zustimmungswerte beim deutschen Publikum.“ Ob diese Information die Erkenntnis aus einer Untersuchung ist, oder ob es sich dabei um die persönliche Erfahrung und Meinung der Autoren handelt, bleibt offen.

Unter dem Titel “Analysen und Fallbeispiele“ wird schließlich noch der Forschungsstand zum Auslandsjournalismus beschrieben. Die hier zitierte Literaturauswahl vermag jedoch nicht zu überzeugen. So sind viele Referenzen schlicht veraltet – zum Thema internationaler Vergleich der Auslandberichterstattung zitiert das Buch eine Untersuchung aus dem Jahr 1979, die von den Autoren als überzeugend bezeichnet wird. Welchen Wert die damaligen Erkenntnisse rund 40 Jahre und einige Technologiesprünge später noch haben, bleibt offen. Auf der anderen Seite bleiben neuere Texte und wissenschaftliche Diskussionen zum Auslandsjournalismus und zur Rolle und Funktion von Auslandkorrespondenten unerwähnt, so zum Beispiel das Projekt “Mapping Foreign Correspondence in Europe“ von Georgios Terzis (aus Transparenzgründen: der Autor dieser Rezension hat an dieser Studie mitgearbeitet) oder Transnationale Kommunikation. Eine Einführung von Hartmut Wessler und Michael Brüggemann.

Das hier vorgestellte Büchlein ist ein Hybrid aus wissenschaftlicher Sekundärliteratur und Praxisratgeber, und so hinterlässt es insgesamt denn auch einen zwiespältigen Eindruck: Die praktischen Ratschläge mögen einem Einsteiger in den Auslandsjournalismus eine vielfältige Hilfe sein, sie beruhen aber vermutlich weitgehend auf den persönlichen Erfahrungen der Autoren. Die wissenschaftlichen Kapitel wiederum sind nicht viel mehr als ausgewählte und teilweise etwas veraltete Einblicke in die Forschung; den Ansprüchen eines wissenschaftlich interessierten Lesers werden die Ausführungen kaum genügen. Gerade weil sich der Auslandsjournalismus aufgrund von grundsätzlichen ökonomischen und technologischen Veränderungen in den letzten zehn Jahren fundamental verändert hat, wäre eine aktuellere Diskussion der Forschung zwingend.

Literatur:

  • Terzis, G.: Mapping Foreign Correspondence, London & New York [Routledge] 2015.
  • Wessler, H.; M. Brüggemann: Transnationale Kommunikation. Eine Einführung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2012.

Links:

Über das BuchAndreas Elter, Christian F. Trippe: Ausland. Basiswissen für die Medienpraxis. Reihe: Journalismus Bibliothek, Bd. 2. Köln [Herbert von Halem] 2016Empfohlene ZitierweiseAndreas Elter, Christian F. Trippe: Ausland. von Keel, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 25. Oktober 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20746
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Rezensent/in
Prof. Dr. Guido Keel ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten in der Forschung gehören Qualität im Journalismus, Wandel im Journalismus und Journalismus in nicht-europäischen Kontexten.