Andrea Figl: Webdoku

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Sebastian Köhler

Einzelrezension
Ein Film sei schwer zu erklären, weil er leicht zu verstehen sei, sagte einst der Filmtheoretiker Christian Metz. Dieses treffende Bonmot zu Ambivalenzen des Audiovisuellen findet sich auch in Andrea Figls praktischem Lehrbuch (165). Wobei es hier natürlich nicht (nur) um Filme geht, sondern um die Ensembles von Kommunikaten, die für “Webdokus” als relativ neuem Genre prägend wurden und werden. Andrea Figl arbeitet als Filmemacherin, Autorin und Produzentin in Frankfurt am Main und in Wien. Sie hat offenbar einen weiten und tiefen Hintergrund, sodass ihr Buch in vieler Hinsicht anregend ist.

Der Text ist sinnvoll gegliedert in recht kurze Abschnitte. Insofern kann es – wie ja auch gute Webdokus – selbst in kleinen Einheiten und per eigener Navigation genutzt werden. Abschnitt A widmet sich einer kurzen Geschichte des Dokumentarfilmes, Abschnitt B dann dem heutigen Dokumentarfilm. Der dritte Teil behandelt “Mediennutzung im Wandel”, bevor es von Abschnitt D an um den eigentlichen Gegenstand des Buches geht, um Webdokus (63ff.). Kapitel E diskutiert die Produktion derselben (und hat mit deren Finanzierung einen deutlichen Schwerpunkt des gesamten Textes), Abschnitt F ihre Dramaturgie. Schließlich folgen Beispiele interaktiven Erzählens als Fallstudien von Webdokus sowie ein pointierter Ausblick (203ff.). Der Anhang “X” (207ff.) ist aufwendig recherchiert und gibt weitere wichtige, praktische Tipps, zum Beispiel zu Software und zu Festivals in diesem Bereich.

Ein origineller Schwerpunkt des Textes ist die aus Sicht Figls stark veränderte Rolle des Autors: “Es geht mittlerweile mehr darum, Welten zu erschaffen, in denen sich User auf unterschiedliche Art bewegen können, und nicht mehr darum, Geschichten zu erzählen, die ein Publikum einfach konsumiert.” (142, siehe auch 64f.).  Unter Bezug auf Sandra Gaudenzi erklärt Figl, dass und wie Realität nun von vielen Menschen mitgeschaffen werden kann (vgl. 69). Mit diesem Ansatz spitzt sie Hypothesen zu wie jene des Regisseurs Jean-Luc Godard, der einst schon hellsichtig sagte: “Every film should have a beginning, a middle and an end, but not necessarily in this order” (133).

“Webdokus” bestimmt die Autorin als eine neue Erzählform, die spätestens seit dem Jahr 2000 (vgl. 73) den Dokumentarfilm interaktiv, spielerisch und nonlinear weiterentwickelt (vgl. 8f.). Publika seien potentiell überall in Raum und Zeit zu finden. Webdokus arbeiteten mit allen möglichen Medienformen, also verbalen Texten, Bildern, Audios und Videos, mit Animationen und Datenvisualisierungen etc.; und sie wirkten als Grenzgänger zwischen Schnittstellen von Dokumentarfilm, Journalismus, Kunst und Computerspiel (ebd.).

Unterscheidungen zwischen Multi-, Cross- und Transmedialität gelingen der Autorin nicht so klar nachvollziehbar wie zum Beispiel Kevin Moloney: Sie bestimmt aber in etwa ähnlich, dass transmediales Arbeiten das Schaffen einer ganzen “Geschichtenwelt” (“storyworld”) bedeute (78).

Andrea Figl hat viel und wohl vor allem für öffentlich-rechtliche Anstalten gearbeitet – deshalb erscheint ihre Kritik an einer wachsenden Quotendominanz in diesen Sendern und Programmen besonders relevant, weil offenbar praktisch und theoretisch fundiert (vgl. 39ff.). Warum sie allerdings schreibt, für neuere Angebote wie Netflix habe die Quote jegliche Bedeutung verloren, denn Netflix sei ja auf Abonnenten und nicht auf Werbekunden angewiesen, das erschließt sich kaum (vgl. 43). Denn ob damit “zuverlässige Qualität” nachhaltig zur Geltung kommt, scheint offen. Wie Figl selber äußert: Solange es um ein “Ködern” geht (ebd.), bleiben Publika wie bei RTL, Sky & Co. Mittel zum Zweck (der Umsatz- sowie Gewinnsteigerung) und können kaum selbst als Zweck der Unternehmungen gelten.

Theoretisch erklärungskräftig scheint der übergreifende Aspekt von Fragmentierung in der Mediennutzung. Hier bezieht sich Figl u. a. auf den Filmtheoretiker Dennis Eick (vgl. 54), mit dessen Modellen sich die Nutzung von Medienbeiträgen in tendenziell kleineren Portionen beschreiben lässt. Figls Buch ist selbst auch ansprechend und zielgerichtet gestaltet, mit vielen Angeboten jenseits einer traditionellen Bleiwüste.

Das Buch ist am deutlichsten praxisorientiert mit Blick auf die Finanzierung von Webdokus (vgl. 56ff.). Zum Teil tritt hier die theoretisch-kritische Perspektive zu sehr in den Hintergrund zugunsten von Tipps, wie am besten Geld für Webdoku-Projekte zu beschaffen sei (vgl. 106ff. und insbesondere 112ff.).

Praktisch jedenfalls hilfreich sind Figls Systematiken zur Dramaturgie der Webdoku (vgl. 125ff.) und zu Typen solcher Projekte (vgl. 163ff.). Sie unterscheidet dabei folgende Erzählstrukturen anhand treffender Beispiele (vgl. 136ff.): linear, konzentrisch, elastisch, verzweigt, parallel, kanalisierend und semantisch. Sie differenziert, wieder mit Bezug auf Sandra Gaudenzi, entsprechende Modi von Interaktivität in deren möglichst großer Bandbreite (vgl. 146): Konversations-Modus, Hypertext-Modus, partizipativer sowie, last but not least, empirischer Modus.

Eine der Pointen des Textes ist eine relevante Erweiterung des Aufmerksamkeitsbegriffes: Figl argumentiert überzeugend, dass “die intensivsten Reaktionen oft nicht die sofort sichtbaren sind. Es sind oft nicht die Klickraten oder die Empfehlungen, sondern die Pausen oder das Unterlassen einer Handlung, die auf ein besonders intensives Erleben hinweisen” (153).

Der Text ist insgesamt ansprechend geschrieben und sehr gut lesbar. Manchmal treten Kongruenzfehler auf (u.a. pp. 27, 42, 47,64, 73f.), gelegentlich Kommaprobleme (pp. 54, 84, 142) oder auch Ausdrücke, die zu absolut wirken (pp. 60, 126).

Fazit: Ein kleines, aber feines Buch, das viele Interessen angemessen bedienen dürfte, von ganz verschiedenen Leuten, von Produzenten, von Rezipienten, von Prod-Usern.

Links:

Über das BuchAndrea Figl: Webdoku. Geschichte, Technik, Dramaturgie. Konstanz und München [UVK], 2015, 245 Seiten, 24,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseAndrea Figl: Webdoku. von Köhler, Sebastian in rezensionen:kommunikation:medien, 18. September 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20618
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Rezensent/in
Dr. Sebastian Köhler, M.A., arbeitet seit April 2010 als Professor für Journalistik und angewandte Publizistik an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Berlin. Daneben ist er weiterhin als selbstständiger TV-Producer und Onlinejournalist tätig, seit 2004 vor allem für den deutschen Dienst der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin.