Hubert Knoblauch: Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit

Editorial, Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Oliver Bidlo

Einzelrezension
Konstruktivistische Ansätze in den Sozial- und Kommunikationswissenschaften haben mittlerweile eine ansehnliche Tradition und eine entsprechend vielseitige Ausgestaltung. Dabei muss zumindest kurz erwähnt werden, dass Konstruktivismus nicht gleich Konstruktivismus ist. So muss man z. B. vor allem den radikalen Konstruktivismus vom sozialen Konstruktivismus unterscheiden. Und um den Letztgenannten in der Tradition Berger/Luckmanns geht es in dem vorliegenden Buch.

Er folgt dergestalt – um die basalen Bezugspunkte zu benennen – der Theorietradition, die vom “sinnhaften Aufbau der sozialen Welt“ (Schütz) über die “gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann) bis hin zu Habermas’ “Theorie des kommunikativen Handelns“ reicht und aus denen sich in den vergangenen 30-40 Jahren empirisch grundiert eine Perspektive herausgebildet hat, die der Verfasser dieses Bandes bereits 1995 mit dem Entwurf einer “Kommunikationskultur“ und ihrer kommunikativen Konstruktion ausgewiesen hat.

Der aktuelle Band ist allerdings weitaus mehr als eine Reformulierung oder Erweiterung dort vorgestellter Sichtweisen. Die “kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit“ ist ein feingliedrig ausgearbeitetes Theorieprogramm, das über historische Theoriebezüge, klare Begriffsklärung und den Neuentwurf bis hin zu deutlich markierten Ein- und Abgrenzungen zu anderen Theorien reicht. Hierzu dienen Knoblauch immer wieder eingearbeitete explizite wie auch implizite Exkurse, die zudem eine Stellungnahme aus der Perspektive der Theorie des kommunikativen Konstruktivismus darstellen. So werden Bezüge und Abgrenzungen zur Phänomenologie, Praxistheorie, zu diskurstheoretischen Erörterungen oder zur Akteur-Netzwerk-Theorie gesetzt.

Vorgelegt wird dergestalt ein grundlegender Theorieentwurf, aus dem sich die Gliederung des Bandes ergibt. Die drei Konstitutionsebenen der Theorie und damit ihre unterschiedlichen Reichweiten gründen in der Unterscheidung von Sozial-, Gesellschaftstheorie und Gesellschaftsdiagnose. Als Kern der Sozialtheorie weist Knoblauch das kommunikative Handeln aus, d. h., “das an anderen orientierte körperliche Handeln, das im Vollzug für die Beteiligten etwas bedeutet, indem sie sich reziprok aufeinander und auf diesen Vollzug als einer Objektivierung orientieren“ (14). Mit der Entscheidung für das kommunikative Handeln und ausgehend von einem zunächst körperlichen Handeln sind bereits eine Reihe von Strukturentscheidungen des Buches getroffen.

Der Verfasser knüpft an den Begriff des kommunikativen Handelns von Habermas an, um allerdings anschließend die sprechakttheoretischen Leerstellen, die Knoblauch in der fehlenden Ausweitung auf die körperlichen Aspekte des Sprechens sowie nichtsprachlicher Zeichenprozesse erkennt, zu füllen. Eine Fixierung auf Sprache, wie man sie bei Habermas findet, wird an dieser Stelle dezidiert kritisiert und in der eigenen Konzeption um eben jene erweitert. Diese Erweiterung um bzw. die Ausweitung auf die Objektivierung im Berger/Luckmanschen Sinne hat eine zentrale Bedeutung, wird über die Körperlichkeit (Beispiel Fingerzeig) und ihrer Erweiterung (z. B. Stock) im weiteren Verlauf der Darstellung der Aspekt der (technischen) Mediatisierung scharf gestellt, deren Formen zur Kommunikation später dem Entwurf einer Kommunikationsgesellschaft folgt.

Mit dem Ausgangspunkt des kommunikativen Handelns wird überdies etwas in den Fokus gerückt, das verschieden konnotiert bereits bei Simmel (Wechselwirkung), Schütz (Reziprozität) oder Mead (Rollenübernahme) in den Blick geraten ist und das Knoblauch über die Reziprozität hin zu einer Wechselwirkung ausarbeitet. Das wesentlich Neue ist hier die Konzeption einer solchen Wechselwirkungsbeziehung als einer triadischen und nicht allein dyadischen Relation. D. h. das kommunikative Handeln besitzt drei Seiten. “Dieses Dritte der dreistelligen Relation ist neben der sozialen Beziehung oder dem, was man »Interaktion« nennen kann, eben auch der Körper, der Finger oder eine andere Objektivierung, die so in der Zeit auftritt, dass wir sie als Kommunikation beobachten und kraft der Reziprozität als Handeln verstehen können. Wir haben es also mit einer dreistelligen Relation zu tun“ (112).

Knoblauch schreitet von dieser Relationalität weiter zum Leibkörper, der Sinnlichkeit und der Affektivität, spielen doch die Körperlichkeit oder auf sie gerichtete Objektivierungen eine zentrale Rolle. Dergestalt werden im Anschluss das Wirken, die Performanz und Performativität fokussiert, die jeweils unterschiedliche Aspekte des kommunikativen Handelns darstellen. Dieser enge leib-körperliche Ausgangspunkt führt natürlich zu der Frage, wie es mit mediatisierten und technisierten Formen der Kommunikation aussieht.

Gerade hierauf richtet der Verfasser im letzten Drittel des Bandes seine Aufmerksamkeit. Da ja bereits der Körper (Fingerzeig) in gewisser Hinsicht eine erste Form des Mediums darstellen kann, muss der Begriff nicht von außen eingefügt, sondern kann theorieimmanent entwickelt werden. Zentral in Bezug zu (technischen) Medien ist hier gleichwohl ihre Materialität wie auch ihre Zeichenhaftigkeit. Knoblauch unterscheidet daher die Mediation als technisch-dingliche Einbindung sowie die zeitlich sich verändernde Rolle der zeichenhaften Medien (Mediatisierung). D. h. die Zeichenhaftigkeit der Medien unterscheidet hier die Mediatisierung von der Mediation. “In diesem Sinne wandelt sich die Weise, wie kommunikative Handlungen, Objektivierungen und Zeichensysteme miteinander verbunden werden“ (315).

Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, weil sie die Kausalität aus der technischen Medienentwicklung und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung herausnimmt und aus ihr einen sozialen Prozess macht. D. h. das, was durch die Einführung neuer Medien (z. B. Druckerpresse, Radio, Fernsehen, Computer) an gesellschaftlichem Wandel hervorgerufen wird, ist kein zwangsläufiger Prozess, der nur allein in der vorzufindenden Form münden konnte, sondern muss als soziales Ergebnis verstanden werden, das zu einer Form der Kommunikationskultur führt. Darunter versteht Knoblauch “das Gesamt der verschiedenen kommunikativen Formen, die in einer Gesellschaft vorherrscht“ (326). Und da die jüngeren Formen der Mediatisierung (z.B. Computer, digitale Distributionen) Kommunikation aufgrund von Geschwindigkeit und der freien Zugangsweisen zu einem zentralen gesellschaftlichen Prozess machen, mündet sie in eine Kommunikationsgesellschaft. In dieser wird Kommunikation selbst zu einem Rohstoff und Produktionsfaktor in der Gesellschaft.

Diese kurze Darstellung und Pointierung der wichtigsten Aspekte, die Knoblauch in seinem Band bespricht, machen bereits deutlich, dass es sich um einen ersten fundierten Theorieentwurf zur kommunikativen Konstruktion der Wirklichkeit handelt. Zeitdiagnostik, Theorieentwurf sowie Gesellschaftsanalyse fließen hier ineinander und bringen ein Beschreibungs- und Analyserepertoire hervor, mit der die gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesse markiert und analysiert werden können. Hilfreich ist dabei die aus der Theorie entwickelte Begriffsgenerierung, aus der die Begriffe ein fundiertes Beschreibungspotential erhalten.

Zugleich bietet die Theorie der kommunikativen Konstruktion der Wirklichkeit eine Reihe von Anschlussmöglichkeiten, wie auch noch Raum zur Weiterentwicklung. So ist z. B. zu fragen, wie die nachvollziehbare enge Bindung an das Subjekt und bewusste Abgrenzung zu den Latourschen Quais-Objekten mit den für die Sozialwissenschaften zunehmend wichtiger werdenden Maschine-zu-Maschine-Kommunikationen (z. B. Bots, Künstliche Intelligenz) zusammenzubringen ist. Als Fazit lässt sich festhalten: Das lesenswerte Buch liefert einen durchdachten Gesamtentwurf zum kommunikativen Konstruktivismus, der für empirische Arbeiten eine Theoriegrundlage sowie für theoretische Arbeiten zur Kommunikation, der Kommunikationsgesellschaft oder der Wissenssoziologie ein hohes Maß an Anschlussfähigkeit bietet.

Links:

Über das BuchHubert Knoblauch: Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. Wiesbaden [Springer VS] 2017, 438 Seiten, 49,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseHubert Knoblauch: Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. von Bidlo, Oliver in rezensionen:kommunikation:medien, 22. September 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20605
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Rezensent/in
Oliver Bidlo, Dr. phil., Studium der Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Soziologie. Arbeitet als freier Forscher und Publizist aktuell in den Bereichen Kommunikationstheorie, Wissens- und Bildungssoziologie sowie Kriminologie. Dozent an verschiedenen Universitäten und Hochschulen darunter u.a. der Ruhr-Universität Bochum, Universität Duisburg-Essen, TU Kaiserslautern und der Hochschule Düsseldorf.