Michael Hollmann, André Schüller-Zwierlein (Hrsg.): Diachrone Zugänglichkeit als Prozess

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Harald Bader

Einzelrezension
“Warum ist nicht alles schon verschwunden?“, fragte der Medientheoretiker Jean Baudrillard, und eine Antwort könnte lauten: Weil es Bibliothekare und Archivare gibt, die sich darum bemühen, die ungeheure Textproduktion der Gegenwart für die Zukunft zu bewahren. Warum und vor allem wie sie das in einem Medienumbruch hin zum Digitalen bewerkstelligen, untersucht der vorliegende Sammelband.

Einer Einführung und Grundlegung schließen sich Aufsätze zu gesellschaftlichen Prozessen, zu Verlusten, zur Erhaltung, zur Bestandsauswahl und zur Wiedergewinnung an (sie alle können in dieser Rezension nicht gewürdigt werden). Das Buch ist interdisziplinär angelegt, hochaktuell und empfehlenswert nicht nur für die Bibliotheks- und Archivöffentlichkeit, sondern auch für Kommunikationswissenschaftler und Journalisten. Denn diese sind für ihre Arbeit auf verlässliche und zugängliche Quellen angewiesen (und hoffen darauf, dass auch die eigene Textproduktion von künftigen Generationen noch wahrgenommen werden kann).

Man wünscht sich, dass in Zeiten knapper finanzieller Ausstattung vieler Einrichtungen auch die Politik für die hier dargelegten Probleme und Lösungsvorschläge sensibilisiert wird. Denn es sind meist öffentliche Institutionen mit Fachpersonal, die das schriftliche Erbe bewahren und erschließen – weder Verlage noch Internetkonzerne kommen dieser Aufgabe ausreichend nach.

Denn wie die Herausgeber schreiben: “Information bleibt nicht zugänglich“, sondern wird unzugänglich “über die Zeit hinweg“ (1). Das gilt gerade für digitale Information. Diese ist heute im Überfluss vorhanden, aber niemand kann vorhersagen, was davon in hundert oder tausend Jahren noch bestehen wird. Wir Heutigen haben durch Überlieferungslücken auch nur einen verzerrten Blick auf die Vergangenheit (3). Hollmann und Schüller-Zwierlein plädieren pragmatisch, von heute aus einen Zeitraum von 100 Jahren in den Blick zu nehmen. Nötig sei die Etablierung und Verankerung einer Überlieferungswissenschaft.

In seinem Beitrag zur diachronen Unzugänglichkeit weist Schüller-Zwierlein auf das Grundproblem des technologischen Zeitalters hin: Seine Produkte brauchen Hilfsmittel (29). Während das Prinzip beim Mikrofilm noch einfach ist: Vergrößerung und Lichtquelle, steht die digitale Langzeitarchivierung vor der (auch Kosten-)Frage, in welchem Dateiformat und mit welcher Soft- und Hardware auf Dauer gespeichert werden soll. Momentan muss etwa alle fünf Jahre eine Datenmigration erfolgen (35). Schon ein Stromausfall kann da bedrohliche Folgen haben (50). Und wie weit soll die Speicherung bei vernetzten Informationsobjekten gehen? (30)

Das Internet als Leitmedium, so Daniela Pscheida in ihrem Aufsatz, führt dazu, dass Wissen immer schneller durch neueres ersetzt wird und zugleich “der Einzelne einen immer kleineren Anteil davon auf sich vereinen kann“ (90). Zudem besteht eine “grundsätzliche Flüchtigkeit der Webinhalte“ (96). Pscheida befürchtet, “dass kein stabiler gemeinsamer Kanon erinnerter Inhalte mehr existiert“ (98).

Die Erwartung, “Daten für immer zu sichern“, sei nicht realistisch, so Andrea Hänger (244). Warum es eine Verantwortung für das kulturelle Erbe über die Generationen hinweg gibt, erläutert Dieter Birnbacher. Für ihn ist “Zukunftsethik so etwas wie der Lackmustest auf die Moralität unserer Gesinnungen“ (142). Erhaltungspflicht resultiere aus Irreversibilität bei Verlust sowie aus Seltenheit (153).

Verlusten geht Sebastian Barteleit nach. Feinde der Überlieferung sind nicht nur Naturkatastrophen, sondern vor allem der Mensch durch gezielte Vernichtung von feindlichem Kulturgut oder durch Kriegsschäden. Schon heute, in Zeiten von Frieden und relativem Wohlstand in Deutschland, reduzieren Archive die Ausgangsmenge auf 1-5 Prozent (vgl. 264). Und Bibliotheken sondern Bestände aus, manchmal sogar Speicherbibliotheken, die genau das verhindern sollten. Kriterium ist dann oft die nicht vorhandene Nutzung. Gerhard Stumpf sagt aber, es ist “eher gefährlich, generell ganz auf die Archivierung eines letzten Exemplars an einer Stelle zu setzen“ (290).

Anhand der Medienkunst, die notgedrungen auf immer neuen Wegen gespeichert und präsentiert werden muss, plädiert Renate Buschmann für den Abschied vom Ursprungszustand: “Die Wertschätzung des Originals ist eine Konvention vergangener Jahrhunderte, die mit der Faktizität des digitalen Zeitalters kaum in Einklang zu bringen ist“ (189).

Thomas Riesenweber stellt die Methoden und Probleme dar, um originale historische Texte wiederherzustellen. Denn die Verluste an antiken Texten sind enorm, nicht nur durch politischen und wirtschaftlichen Niedergang verursacht, sondern schon der sich wandelnde Zeitgeschmack “führte dazu, dass Älteres in Vergessenheit geriet, seltener kopiert wurde und irgendwann verschwand“ (407). Die Gefahr, “dass eine Gesellschaft über die Zeit hinweg das Interesse an bestimmten Informationen verliert und ihre Zugänglichhaltung nicht mehr aktiv betreibt“, sehen die Herausgeber schon in der Gegenwart (40).

Cornelius Holtorf und Anders Högberg beschreiben drei mögliche Zukunftsbilder: Kontinuität, Kontinuitätsbruch oder kontrollierbaren Wandel (213), die die Erhaltungsstrategien beeinflussen. Denkbar, dass nicht der betriebene Aufwand über die Dauerhaftigkeit von Informationen entscheidet, sondern die künftige Nutzung. Ist diese nur möglich, wenn Elektrizität, Speichermedien und Rechner vorhanden und gepflegt werden, kann es unter Umständen zum Abschalten kommen, wie es ja schon vielen Websites geschehen ist. Unberechenbar sind künftige Sprachkenntnisse und der Bildungsstand – vielleicht wird vieles nicht mehr verstanden werden. Oder statt der vielen entstandenen Digitalisate werden nur noch Zusammenfassungen, Einführungen und Wikipedia konsultiert, wie es mancherorts schon jetzt zu beobachten ist.

Im Epilog fassen die Herausgeber die praktischen Folgen zusammen: “Dauerhafte Zugänglichkeit erfordert einen wirksamen Überlieferungsdiskurs, eine systematische Überlieferungsplanung und eine interdisziplinäre Überlieferungswissenschaft“ (455). Sie warnen vor überstürzter Bücheraussonderung, im Gegenteil sei das “Zeitalter der Exemplarerfassung angebrochen“ (478).

Angesichts der technischen und finanziellen Grenzen sehen Hollmann und Schüller-Zwierlein das Ende analoger Aufbewahrung nicht gekommen: “Die digitale Technik ist nur eine Technologie von vielen“ (477). Gedrucktes und Verfilmtes behalten ihre Berechtigung, denn sie sind auch für einen längeren Zeitraum als nur 100 Jahre geeignet. Darum gibt es nach wie vor die Bundessicherungsverfilmung oder das Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse. Archivare, Bibliothekare und weitere Wissenschaftler wollen der Zukunft mitteilen, wie die Wirklichkeit beschaffen war. Eine “Tyrannei der Gegenwart“ (146) darf es dabei nicht geben. Zurecht fragen die Herausgeber: “Will man überhaupt alles erhalten?“ (56)

Diese Frage darf nicht nur die Wissenschaft beantworten, sondern sie richtet sich an die ganze Gesellschaft. Wenn diese zu Woher, Wohin und Wofür gleichgültig geworden ist, tritt sie ihren Weg in neue dunkle Jahrhunderte an, in der Illusion, alles sei doch da, und was nicht da ist, sei entweder unwichtig oder habe nie existiert. Dem Band sei weite Aufnahme gewünscht, um das zu verhindern.

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Über das BuchMichael Hollmann, André Schüller-Zwierlein (Hrsg.): Diachrone Zugänglichkeit als Prozess. Kulturelle Überlieferung in systematischer Sicht. Reihe: Age of Access? Grundfragen der Informationsgesellschaft, Bd. 4. Berlin [de Gruyter] 2014, 488 Seiten, 109,95 EuroEmpfohlene ZitierweiseMichael Hollmann, André Schüller-Zwierlein (Hrsg.): Diachrone Zugänglichkeit als Prozess. von Bader, Harald in rezensionen:kommunikation:medien, 7. September 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20581
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Rezensent/in
Harald Bader leitet die Geschäftsstelle des Mikrofilmarchivs der deutschsprachigen Presse in Dortmund.