Julia Serong: Medienqualität und Publikum

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Matthias Rath

Einzelrezension
Julia Serong wendet sich mit ihrer 2014 erschienenen Dissertation in beeindruckender Weise einem Themenfeld zu, das gemeinhin und häufig auch unbedacht als Selbstwiderspruch verstanden wird (vgl. Karmasin/Rath/Thomaß 2013), nämlich als Vertreterin einer empirisch arbeitenden Sozialwissenschaft ein normatives Thema, hier “Medienqualität“, zu bearbeiten. Die Originalität besteht dabei darin, dass Serong ihr Thema nicht nur beschreibend daraufhin untersucht, wer welche Form der Qualitätsnormierung in der Qualitätsforschung präferiert, sondern die Aussichtslosigkeit eines in der Sache missverstandenen Weberschen Werturteilsfreiheitspostulats benennt und einen alternativen Weg der Diskussion beschreitet. Die Aussichtslosigkeit eines starren (und wie man hinzufügen muss, schlicht falschen, vgl. Rath 2013: 98-102; Weischenberg 2012: 165-179) Verständnisses von Werturteilsfreiheit führt nach Serong unweigerlich zu einem “pluralisierte[n] Qualitätsbegriff“ und damit zur “‘Quote’“ (15).

Die Alternative hingegen, nämlich die ebenso vielschichtige Diskussion um Public Value aufzugreifen, erlaubt eine qualifizierende Unterscheidung zwischen den partikularen Interessen der ‘Publikums’ und den am Gemeinwohl orientierten Qualitätskriterien des öffentlichen Diskurses. Dieser an sich nicht neue Gedanken wird von Serong jedoch auf die Frage zugespitzt, was denn dann und in welcher Hinsicht als Publikum zu verstehen sei, worauf sie mit einem “gesellschafts- und öffentlichkeitstheoretischen Publikumskonzept vom ‘Publikum der Öffentlichkeit’“ (21) antwortet.

Im ersten Kapitel (31-85) gibt Serong zunächst einen Überblick über den aktuellen Qualitätsdiskurs, die Foren und Ebenen, in und auf die sich dieser Diskurs bezieht und stellt ein “Publizitätsgefälle“ (74) fest, das den Diskurs zwischen Publikum und professionellen Akteuren des Medienmarktes aus eben marktlichen, also ökonomischen Gründen verstellt. Jeder Qualitätsdiskurs auf und in den verschiedenen Ebenen und Foren vollzieht sich “als moralisch-praktischer Diskurs“ (79), der vorangenommene Handlungsnormen aktualisiert, aber keinen expliziten Qualitätsbegriff formulieren kann, der über das Postulat eines (wie wir sagen können, idealisierten) Publikumsnutzen hinausgeht. Mit diesem Pfund, dann eben Qualität an ein expliziertes Publikumskonzept zu binden, gilt es nun für Serong zu wuchern.

Kapitel 2 (87-117) dient dieser Arbeit am Begriff durch eine weitgehend bekannte systemtheoretische Rekonstruktion der Öffentlichkeit als Funktionszusammenhang der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und einem damit einhergehenden Verständnis der Qualitätsdiskurse als semantisch differenzierte und abgegrenzte Teilrationalitäten. Die bereits genannten Foren und Ebenen diskutieren die Qualität also quasi hinter vorgehaltener Hand, da die Diskurse den gemeinsamen Bezug auf Medienqualität angesichts ihrer unreflektiert vorausgesetzten “kommunikativen Sinngrenzen“ (113) nicht explizit machen können. Die zugleich feststellbare “Entdifferenzierung der öffentlichen Kommunikation“ (115) mit den bekannten Folgen der Entprofilierung des Journalismus (als ursprünglich funktionales Forum eines Qualitätsdiskurses) verstellt der Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich selbst als Objekt eines Qualitätsdiskurses in den Blick zu nehmen. Daher muss diese Arbeit von einem anderen “Beobachtungssystem zweiter Ordnung“ (119), der Wissenschaft, geleistet werden.

Dessen Leistungsfähigkeit untersucht Serong in Kapitel 3 (119-199). Dabei macht sie zunächst deutlich, dass die reine Beschreibung (und nur gelegentlichen Begründungsversuche), Qualitätskriterien zu sammeln und katalogweise zusammenzustellen, zu kurz greifen. Ein normativ und zugleich wissenschaftlich belastbarer Begründungsdiskurs bleibt bei einer an organisations- und systemtheoretischen Paradigmen orientierten Journalismusforschung systematisch ausgeblendet. Diese Ausblendung ist jedoch keineswegs plausibel. Denn, wie Serong in dem kompakten, aber äußerst fruchtbaren Kapitel 3.4 “Normativität in der Qualitätsforschung“ (166-187) zeigen kann, trägt Qualitätsforschung, selbst wo sie sich allein empirisch und werturteilsfrei wähnt, normative Vorannahmen wie z. B. Professionalitätswerte des Journalismus unbefragt mit sich herum.

Dieser Sachverhalt wurde auch schon von anderen Autoren beschrieben, um ein integratives Modell der Qualitätsforschung zu entwickeln, z. B. von Weischenberg, Arnold und Wyss, auf die sich Serong explizit bezieht. Serong wendet diese Erkenntnis dann aber als Antwort auf die Problemfrage, wie eine werturteilsfreie Sozialwissenschaft über die Beschreibung von gesellschaftlichen Wertungen gegenüber dem Journalismus hinaus kommen könne.

Zumindest ein Lösungsangebot dazu schlägt Serong in Kapitel 4 (201-222) und Kapitel 5 (223-251) vor. Sie verschiebt den Betrachtungswinkel von einem unter den Bedingungen der Kommerzialisierung und Individualisierung fruchtlosen Fokus auf “kollektive Identität(en)“ (212) auf eine Perspektive, welche “die Gemeinwohlorientierung in der Mediennutzung vom Individuum her zu begründen“ (222) vermag. Dies versucht Serong durch die Konzeptualisierung eines Gemeinwohlbegriffs, der über inhaltlich-verbindliche und formal-abstrakte Konzepte hinaus als “Gemeinsinn“ (27) Öffentlichkeit und ihre impliziten Wertvorstellungen wie Freiheit und Grundrechte konstituiert.

Kapitel 6 (253-286) schließlich führt die bisher noch getrennten Stränge im Hinblick auf eine Theorie des “Publikums der Öffentlichkeit“ zusammen. Publikum erbringt immer auch eine Sinnverstehensleistung (“sekundäre[…] Publikumsrollen“, 258), in der die jeweiligen Wertvorstellungen zum Tragen kommen, wie eben auch die Wertvorstellung des ‘Gemeinwohls’ – die damit auf dem Wege der Kommunikation auch in das Teilsystem Journalismus “inkludiert“ (262) wird. Ihre Bedeutung entfalten diese Wertvorstellungen über die Rückbindung an die jeweilige “Lebenswelt“ (264) des Individuums – ein Konzept, dass auf Husserl und Schütz zurückgeht und dessen Theorieaspekte hier gerne noch hätten entfaltet werden können, um Lebenswelt nicht zur kontingenten Größe individueller Lebensgestaltung werden zulassen. Interessant ist die quasi pädagogische Wende der Arbeit dann in der Frage, wie das individualisierte Publikum der Öffentlichkeit zu einer solchen Gemeinwohlorientierung “motiviert“ werden könnte (vgl. 266f.). Es braucht, wie Serong zurecht feststellt, einen “Referenzbegriff“ (267) oder besser einen Wertbegriff, den sie im Terminus “Zivilgesellschaft“ (ebd.) findet. Damit erweitert sie die gängige Relation Journalismus – Publikum vom Rezeptions- zum letztlich selbst normativen Partizipationskonzept – dessen v. a. internetbasierter Realisierung mit Verweisen auf die Produsage nach Bruns (z.B. 2006, vgl. auch Köberer 2016) sicher noch mehr ethische und praktische Relevanz hätte gegeben werden können.

In der “Schlussbetrachtung“ (287-299) schließlich macht Serong nochmals die eigentliche Zielsetzung der Arbeit deutlich, nämlich gegen eine funktionalistisch und systemtheoretisch einseitige Betrachtung der Gesellschaft das Individuum als Teil eines gemeinwohlorientierten Publikums, bezogen auf den Aspekt der Medienqualität, wieder in den Blick zu bringen.

Die Arbeit von Julia Serong ist in ihrer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Frage nach der Begründbarkeit systemisch relevanter, aber systemisch nicht plausibilisierbarer Wertvorstellungen im Mediensystem, speziell im Journalismus, inspirierend und erhellend, weil sie damit fokussiert auf einen auch politisch virulenten Aspekt, die Medienqualität, eingeht. Sie bleibt dabei Sozialwissenschaftlerin und methodisch wie theoretisch State of the Art. Aber ihre Analysen und konzeptionellen Vorschläge sind darüber hinaus auch medienethisch und medienpolitisch fruchtbar – gerade in Zeiten einer immer wieder aufflackernden Diskussion um den Funktions- und damit Bedeutungsverlust des kritischen, aufklärerischen und gesellschaftlich integrierenden Journalismus.

Literatur:

  • Bruns, Axel: Towards Produsage: Futures for User-Led Content Production. In: Sudweeks, Fay; Hrachovec, Herbert; Ess, Charles (Hrsg.): Proceedings: Cultural Attitudes towards Communication and Technology 2006. Murdoch, W.A. [School of Information Technology, Murdoch University], S. 275-284.
  • Karmasin, Matthias; Rath, Matthias; Thomaß, Barbara (Hrsg.): Normativität in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden [Springer VS] 2013.
  • Köberer, Nina (Hrsg.): Ethik der “Produsage“. Medienethische Perspektive auf aktuelle Formen Nutzergenerierten Medienhandelns. Themenheft Medien Journal, 40, Hft. 2. Wien [facultas] 2016.
  • Rath, Matthias: Medienethik und Kommunikationswissenschaft – Aspekte einer gegenseitigen Integration. In: Karmasin, Matthias; Rath, Matthias; Thomaß, Barbara (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft als Integrationsdisziplin. Wiesbaden [Springer VS] 2013, S. 95-116.
  • Weischenberg, Siegfried: Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt: Theorien und Querelen – eine andere Fachgeschichte. Wiesbaden [Springer VS] 2012.

Links:

Über das BuchJulia Serong: Medienqualität und Publikum. Zur Entwicklung einer integrierten Qualitätsforschung. Reihe: Forschungsfeld Kommunikation, Bd. 36. Konstanz [UVK] 2015, 334 Seiten, 49,- Euro.Empfohlene ZitierweiseJulia Serong: Medienqualität und Publikum. von Rath, Matthias in rezensionen:kommunikation:medien, 22. August 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20528
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Rezensent/in
Matthias Rath ist Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Im SoSe 2017 vertritt er eine Professur für für neuere deutsche Literatur, Schwerpunkt Kulturtheorie an der TU Dortmund. Er ist Leiter der Forschungsstelle Jugend – Medien – Bildung in Ludwigsburg. Seine Schwerpunkte sind Medienethik und empirische Medienbildungsforschung.