Ursula Bredel, Christiane Maaß: Leichte Sprache

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Rezensiert von Julia Hüllweg

Einzelrezension
Aus der Behindertenrechtsbewegung heraus entwickelt, findet das Konzept der so genannten Leichten Sprache schon seit einigen Jahren Anwendung. Inzwischen werden beispielsweise amtliche Dokumente, Erklärtafeln in Museen, Nachrichtenportale und die Webseite des Deutschen Bundestages in Leichter Sprache angeboten. Ziel ist es, „Inhalte in besonders verständlicher Form zugänglich zu machen“, um allen Menschen eine barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen (S. 13f., S. 117). Leichte Sprache ist deshalb geprägt durch kurze Sätze, eine einfache Wortwahl und die Vermeidung von Fremdwörtern.

Beim Übersetzen von standardsprachlichen Texten in die Leichte Sprache bieten bisher drei aus der Übersetzungspraxis entstandene Regelwerke Orientierung (BMAS 2014; Inclusion Europe 2009; BITV 2.0 2011). Was bislang allerdings vollkommen fehlt, ist ein wissenschaftlich fundiertes Handbuch zur Leichten Sprache (S. 14, 108). Diese Lücke scheint der vorliegende Duden-Band der beiden Sprachwissenschaftlerinnen Ursula Bredel und Christiane Maaß, die zugleich Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim ist, nun zu schließen. Sie wenden sich mit diesem ersten umfassenden Handbuch zur Leichten Sprache prinzipiell an alle, die sich mit der Thematik beschäftigen, insbesondere aber an Studierende und Wissenschaftler sowie Übersetzer und Mitarbeiter in öffentlichen Verwaltungen.

In seiner Aufmachung unterscheidet sich der Band mit seinen rund 560 Seiten kaum von den typischen Nachschlagewerken aus dem Dudenverlag. Durch die systematische Gliederung in zwei Großkapitel, in denen zunächst das Konzept und die Funktion Leichter Sprache dargestellt werden und anschließend die Sprachstruktur in den Fokus rückt, wird die Funktion eines Handbuchs sichtbar. Auch das auf dem Cover formulierte Ziel, theoretische Grundlagen zu schaffen und Orientierung für die Praxis zu geben, lässt den Leser das erwarten, was er von Duden-Bänden bislang gewohnt war: die Darstellung empirisch belegten Wissens. Doch bereits in der Einleitung wird die Vorläufigkeit dieser Publikation deutlich. Bredel und Maaß erheben bei ihrem Versuch der wissenschaftlichen Fundierung Leichter Sprache keinen Anspruch auf Vollständigkeit – aus Duden-Sicht eine überraschende Neuheit (S. 15).

Die Autorinnen steigen mit einer definitorischen Verortung Leichter Sprache in die Thematik ein und machen danach auf die aktuellen Probleme von Texten in Leichter Sprache aufmerksam. Aufgrund der oft schlechten Qualität finden diese Texte in der Öffentlichkeit wenig Akzeptanz. Diese kann ihrer Meinung nach nur durch die Professionalisierung der Übersetzungspraxis gesteigert werden (S. 55). Einen ersten Schritt in diese Richtung unternehmen die Autorinnen mit dem tabellarischen Vergleich der drei bestehenden Regelwerke, indem sie die darin enthaltenen Regeln linguistischen Kategorien zuordnen, wodurch der Leser einen guten Überblick erhält (S. 111-116).

Im Anschluss stellen sie die Ziele und die Adressaten Leichter Sprache vor. Angesichts der heterogenen Zielgruppe, die u. a. von Personen mit Lernschwierigkeiten, geistiger Behinderung oder Demenz bis zu Menschen mit geringen Deutschkenntnissen reicht, ergeben sich dafür erschwerte Bedingungen (S. 143). Um Aufschlüsse darüber zu erhalten, „welche Konstruktionen leichter zu verarbeiten sind“, sehen die Autorinnen als langfristige Lösung nur die Überprüfung aller bestehenden Regeln an der jeweiligen Adressatengruppe (S. 402). Das bedeutet zwar einen hohen Forschungsaufwand, ist aber sicherlich der richtige Weg.

Der erste Teil endet mit einem Kapitel, in dem die Leichte Sprache auf theoretischer Basis als Gegenstand der Übersetzungswissenschaft beschrieben wird. Dadurch schlagen Bredel und Maaß eine Brücke zum zweiten Teil, der den Übersetzern auf sprachlicher Ebene als Handlungsempfehlung dienen soll (S. 181). Hier werden die existierenden Regeln nun linguistisch verortet. Die Abfolge der Kapitel ist systematisch und folgt dem Prinzip vom Kleinen (der Zeichenebene) zum Großen (der Textebene). Diese Orientierung am Sprachsystem scheint trivial, erweist sich aber als neuartige und einzig sinnvolle Vorgehensweise, denn die Autorinnen schaffen damit erstmals eine linguistische Basis für die Beschäftigung mit Leichter Sprache und eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen. Sie diskutieren auf allen Ebenen des Sprachsystems, inwieweit die bisherigen Regeln wissenschaftlich zu stützen sind, und haben dabei immer den Übersetzer im Blick. Neben Überlegungen zu einem Text-Layout, das den Leseprozess unterstützt, widmen sie sich z. B. der Frage, wie Multikodalität zum Textverständnis beitragen kann. Sie machen zudem deutlich, wie wichtig es ist, als Übersetzer um die Funktion der Visualisierung von Inhalten zu wissen (S. 223-270).

Eine tragende Rolle kommt der Auseinandersetzung mit erforderlichen Ersatzkonstruktionen zu, die es auf allen Sprachebenen zu finden gilt, wenn auf zu komplexe Konstruktionen in der Leichten Sprache verzichtet werden soll. Für Übersetzer ist dies definitiv ein Gewinn, da hier konkrete Formulierungshilfen für die Praxis gegeben werden.

Die Problematik auf morphologischer Ebene etwa beleuchten Bredel und Maaß anhand des Genitivs, auf den laut den Regelwerken gänzlich verzichtet werden soll. Der Leser wird für die Herausforderung sensibilisiert, der sich der Übersetzer stellt, wenn er die Funktion des Genitivs im Zieltext erhalten möchte. Eine einfache Ersetzung des Genitivs durch eine von + Dativ-Phrase ist nicht immer möglich, was sich u. a. an dem Beispiel „ein Mann des Volkes“ zeigt, dessen Transformation in „ein Mann von dem Volk“ fragwürdig erscheint (S. 304). Der Vorschlag, andere Präpositionen einzubeziehen, ist durch die gelungene Umformung in „ein Mann aus dem Volk“ einleuchtend und wegweisend (ebd.).

Auch auf der Wortschatzebene zeigen die Autorinnen plausibel, welche Wortarten welche Hürden, aber auch Gewinne für die Leichte Sprache mit sich bringen. Sie versuchen immer wieder kompensatorische Mittel aufzuzeigen, z. B. für den Wegfall von Personalpronomina. Positiv fallen durchgehend die anschaulichen Beispiele auf, ebenso wie die Gegenüberstellung von standardsprachlichen Sätzen und ihren möglichen Umformungen in die Leichte Sprache. Der Satz „Glücklicherweise war das Haus bei dem Brand menschenleer“ verliert etwa an Komplexität, wenn die einzelnen Sachverhalte aufgeteilt werden: „Ein Haus hat gebrannt. Aber in dem Haus war niemand. Das war ein großes Glück“ (S. 378).

Durch das in den Regelwerken verankerte Nebensatzverbot müssen auch auf syntaktischer Ebene Ersatzkonstruktionen gefunden werden. Satzrelativsätze können vergleichsweise leicht umgewandelt werden, indem Bezugs- und Relativsatz voneinander getrennt werden. Aus „Der Zeuge schwieg, was große Vorteile für ihn hatte“ wird dann „Der Zeuge hat nichts gesagt. Das war gut für den Zeugen“ (S. 389). Für die Umsetzung der meisten Forderungen aus den Regelwerken ist jedoch ein massiverer Eingriff in die Textstruktur nötig.

In der Optimierung der Regeln ist deshalb eine wichtige Inklusionsaufgabe zu sehen, zumal „die primären [Adressaten] ohne Leichte Sprache von der Teilnahme am Diskurs ausgeschlossen blieben“ (S. 513). Die Autorinnen leisten hierzu einen bedeutenden Beitrag. Dass sie an vielen Stellen eher vorläufige Empfehlungen abgeben und den noch erheblichen Forschungsbedarf klar formulieren, ist sicherlich für einen Duden-Band revolutionär und zeugt nicht nur von Mut, sondern auch von der Relevanz dieses Handbuchs. Für die Zielgruppe der Wissenschaftler bietet sich hier ein breites Anknüpfungspotenzial.

Verschwiegen werden sollte nicht, dass es ohne eine linguistische Vorbildung durchaus Mühe kostet, insbesondere den zweiten Teil dieses Bandes zu durchdringen. Wenn der Leser sich jedoch auf diese anspruchsvolle Lektüre einlässt, wird er Zeuge eines gelungenen Versuchs, ein bestehendes Praxisphänomen mit wissenschaftlichen Ansätzen zusammenzubringen und damit definitiv ein Grundlagenwerk zur Leichten Sprache zu schaffen.

Literatur:

Links:

Über das BuchUrsula Bredel, Christiane Maaß: Leichte Sprache. Theoretische Grundlagen. Orientierung für die Praxis. Berlin [Dudenverlag] 2016, 560 Seiten, 39,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseUrsula Bredel, Christiane Maaß: Leichte Sprache. von Hüllweg, Julia in rezensionen:kommunikation:medien, 21. Juli 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20419
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Rezensent/in
Julia Hüllweg ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn. Dort leitet sie das Zentrum für Rechtschreibkompetenz. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen schriftlinguistische Fragestellungen, insbesondere zur Handschrift.