Michael Brocke et al.: Visionen der gerechten Gesellschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Petra Herczeg

Einzelrezension
Ausgehend von Gershom Sholems Feststellung, derzufolge es ein Mythos gewesen sei, dass es im 19. Jahrhundert einen “im Kern” (11) unzerstörbaren deutsch-jüdischen Dialog gegeben habe, der erst durch die Shoah zerstört worden sei, versuchen die Autorinnen und Autoren die Diskursangebote der jüdischen Publizistik zu “Staat, Nation, Gesellschaft” zu analysieren, die gegen die Mehrheitspublizistik nicht angekommen sind. Dies dokumentieren die Autoren bereits im ersten Satz der Publikation: “Vor nun über 100 Jahren mussten Repräsentanten der jüdischen Minderheit in Deutschland feststellen, dass ihr Wunsch nach einer gemeinsamen jüdisch-christlichen Zivilgesellschaft von der Mehrheitsgesellschaft noch immer und erneut zurückgewiesen wurde.” (7)

In der vorliegenden Forschungsarbeit wurden in einem mehrstufigen Verfahren die demokratisch-republikanischen Vorstellungen von Zivilgesellschaft in der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert herausgearbeitet. “Die national-christliche Position” manifestierte ihre Definitionsmacht “mit einer stereotypen Selbstdarstellung, in der die Existenz eines jüdischen Gegenübers offenbar ausgespart blieb” (10). Die Negation, das Verschweigen des Anderen, ist eine der perfidesten Kommunikationsstrategien, um den Anderen jegliche Partizipationsmöglichkeiten zu verweigern.

Das Werk vermittelt auf höchstem Niveau neue Einsichten in interessante Facetten des Diskurses der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert. Die durchgeführte Analyse bezog sich auf einen Ausschnitt des gesamtgesellschaftlichen Diskurses über Staat, Nation und Gesellschaft, fokussiert auf die Aussagen deutsch-jüdischer Publizisten im Zeitraum zwischen 1848 bis 1871 (15). Im diskursiven Kontext haben die Autoren – im Sinne des Anspruches an eine Diskursanalyse Foucault’scher Prägung – die geschichtlichen Bedingungen einbezogen, die den Rahmen der Auseinandersetzung um Integration und rechtliche Zugehörigkeit der deutschen Juden markierten. Viele deutsche Juden setzten ihre Hoffnungen auf die Revolutionsbewegung von 1848, aber nach deren Scheitern “setzte sich die judenfeindliche Tradition auch innerhalb der Revolutionsbewegung durch, zum anderen bestand die nachrevolutionäre Reaktion darauf, dass die während der Revolution ausgesprochenen politischen und Bürgerrechte für Juden wieder weitgehend kassiert wurden” (17f.). Auf der Aussagenebene der 55 herangezogenen Texte zeigte sich, dass in ihnen unter anderem auf Lessing verwiesen wird und darauf, dass das Judentum eine friedliche Religion sei, die Andersgläubigen gegenüber tolerant sei und auch die Todesstrafe ablehne (40f.). Die einzelnen Aussagen wurden in unterschiedliche Dimensionen unterteilt – wie Individualethik, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als universale Werte des Judentums (44f.) und zum Beispiel auch soziale Gerechtigkeit. Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum wird als ein wechselseitiges gesehen, das zwischen den Polen von Bindung und Verpflichtung angesiedelt ist.

Die Predigt des Rabbiners Leopold Stein “Was ist das Wesen des Christlichen Staates? Eine zeitgemäße Frage” wurde 1852 als Broschüre veröffentlicht. Stein appelliert darin an seine jüdischen Zuhörer und Leser, dass sie trotz der Kränkungen, trotz des drohenden Entzugs der Grundrechte für die jüdische Gemeinde in Frankfurt “an die Tugenden des ‘Wartens'” (93) glauben sollten, da sich die politischen Verhältnisse nicht so schnell ändern würden.

Resümierend stellen die Autoren fest, dass die jüdische Ethik im Mittelpunkt des Diskurses steht, “aus deren langer Tradition die Bedeutung des Rechtsgrundsatzes des gleichen Rechts für alle abgeleitet wird” (109). Auf der Ebene der Kollektivsymbolik werden die Bedrohungsszenarien und die Kontinuität der Bedrohung transportiert.

Die Publikation setzt ein bereits vorhandenes Wissen über die deutschen Juden voraus und zeigt den (verzweifelten) publizistischen Kampf der deutschen Juden um Anerkennung und Teilhabe am Diskurs sehr eindringlich. Wer weiß, was Millionen von Menschen erspart geblieben wäre, wenn die “Anderen” mit den deutschen Juden in einen Diskurs getreten wären und diese nicht zuerst totgeschwiegen und später umgebracht hätten? Das Buch ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument und eine bestechende Analyse, die auf einen blinden Fleck in der Rezeption hinweist: dass es in Deutschland eine “breite und vielfältig differenzierte jüdische Publizistik im 19. Jahrhundert” (150) gegeben hat, “der bis heute die kulturelle Rezeption versagt blieb” (ebd.).

Links:

Über das BuchMichael Brocke; Margarete Jäger; Siegfried Jäger; Jobst Paul; Iris Tonks: Visionen der gerechten Gesellschaft. Der Diskurs der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien [Böhlau Verlag] 2009, 200 Seiten, 24,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Brocke et al.: Visionen der gerechten Gesellschaft. von Herczeg, Petra in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Januar 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2038
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Rezensent/in
Dr. Petra Herczeg ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien und freie Autorin für den Österreichischen Rundfunk (ORF).