Jessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik

Einzelrezension
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Rezensiert von Stephan Mündges

Einzelrezension
Wie sortiert Google seine Suchergebnisse? Nach welchen Maßstäben stellt Facebook die Inhalte in den Newsfeeds der Nutzer zusammen? Wer haftet eigentlich, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall verschuldet? Was ist noch wahr im Zeitalter der Fakenews? Welche Daten dürfen Technologiefirmen über ihre Nutzer sammeln und was dürfen sie damit anstellen? Das sind einige wenige, sehr konkrete Fragen, die sich in einer digitalen, von informationstechnischen Innovationen durcheinandergewirbelten Medienwelt stellen. Und die Liste ließe sich natürlich noch um unzählige Punkte erweitern.

Als Basis für die wissenschaftliche Beantwortung solcher konkreten Fragen kann das neue Handbuch Medien- und Informationsethik, herausgegeben von Jessica Heesen, dienen. Das Buch versammelt auf 364 eng beschriebenen Seiten Beiträge aus verschiedenen Disziplinen, geschrieben von Autoren unterschiedlichster fachlicher Herkunft. Die Herausgeberin selbst betont in der Einleitung die Notwendigkeit des Handbuchs aufgrund einer “zunehmenden Integration und Konvergenz der Medien- und Informationstechniken“ (2).

Bezogen sich medienethische Fragen für gewöhnlich auf “Mittel für den Austausch zwischen Menschen im Sinne von Verständigung und kommunikativen Handeln“ (2), wie den Journalismus, Werbung und PR oder die Unterhaltung, muss mittlerweile ein größerer Rahmen gewählt werden. Informationstechnische Innovationen und die Durchdringung des Alltags mit neuen Endgeräten, neuen digitalen Plattformen und neuen Medienangeboten zwingen dazu, Medienethik und Informationsethik zusammenzudenken. Denn eine klare Trennung zwischen der Kommunikation der Menschen untereinander einerseits und der Mensch-Maschine-Interaktion andererseits lässt sich nicht mehr ziehen.

Das Handbuch ist in sieben Teilbereiche untergliedert: Unter “Kontexte der Medien- und Informationsethik“ wird die Medien- und Informationsethik in Bezug zu verwandten Disziplinen, wie der Medienphilosophie, -soziologie, der Angewandten und der Technikethik sowie der Medien- und Kommunikationswissenschaft verortet. Als “Leitwerte der Medien- und Informationsethik“ werden im darauffolgenden Teilbereich die Themen Freiheit, Wahrheit, Öffentlichkeit und Verantwortung behandelt. Die Teilbereiche “Mediensteuerung“, “Journalismus“ und “Problematische Inhalte“ beschäftigen sich mit Themen aus der Medienethik, wie der freiwilligen Medienregulierung, Qualität im Journalismus oder Propaganda.

Der Teilbereich “Informationstechnische Herausforderungen“ widmet sich den zahlreichen, auch in einer breiten Öffentlichkeit diskutierten Themen wie Überwachung, informationelle Selbstbestimmung, Algorithmen, Big Data, aber auch Themen wie Cyberkriminalität und Cyberwar. Das Handbuch schließt mit dem Teilbereich “Ethische Einzeldiskurse“, in dem unterschiedlichste Ethiken versammelt werden: von der Ethik des Internets über Publikums- und Nutzungsethik bis hin zu den noch jungen Diskursen über Hackerethik und Values in Design.

Schon am Inhaltsverzeichnis wird deutlich: das Handbuch versammelt die zentralen Themen des digitalen Zeitalters. Entsprechend heterogen sind auch die fachlichen Ausrichtungen der Beitragsautorinnen und -autoren. Sie kommen aus unterschiedlichen Teilbereichen der Kommunikationswissenschaft, aus Soziologie, Rechtswissenschaft, Philosophie und der Mathematik. Entsprechend vielfältig sind die Zugänge. So fokussiert sich beispielsweise Silke Jandt, die Referentin beim Landesdatenschutzbeauftragten Niedersachsens ist, in ihrem Beitrag über informationelle Selbstbestimmung vor allem auf die deutsche Rechtsprechung zu diesem Komplex.

Was überrascht, ist die Auswahl einzelner Themengebiete in der Rubrik Journalismus. Neben großen Themen wie der Qualität im Journalismus, dem Nachrichtenwert, dem Agenda Setting und dem Quellenschutz werden auch zwei eher randständige Themen behandelt: Embedded Journalism und Anwaltschaftlicher Journalismus. Natürlich – beide Formen bergen zahlreiche ethische Fragestellungen, die es wert sind, diskutiert zu werden. Allerdings fragt man sich als Leser, warum diese zwei Themen behandelt, weitere mögliche Felder wie die Skandalberichterstattung oder andere Gebiete des Fachjournalismus, wie die Sport-, Mode- oder Technologieberichterstattung hingegen nicht besprochen werden. Klaus-Dieter Altmeppen räumt in seinem Beitrag über Anwaltschaftlichen Journalismus auch ein, dass dieses Berichterstattungsmuster nur eine Randstellung einnehme, “dessen Bedeutung in den letzten Jahrzehnten noch abgenommen hat“ (132). Marc Sehr öffnet vermutlich aus einem ähnlichen Grund seinen Beitrag über Embedded Journalism um über Digitalisierung und Kriegsberichterstattung sowie den Wert alternativer Informationsquellen in Kriegsgebieten zu diskutieren. Ein klarerer Fokus auf diese Aspekte der Kriegsberichterstattung wäre wünschenswert gewesen, zumal der Beitrag so noch besser gepasst hätte in das grundlegende Konzept des Handbuchs, medien- und informationsethische Bereiche hinsichtlich der Digitalisierung zu diskutieren.

Bei anderen Themen ergeben sich inhaltliche Überschneidungen, die in einem Handbuch aber vertretbar sind: dass sich die Beiträge von Nele Heise und Philipp Richter zu Algorithmen bzw. Big Data z. B. hinsichtlich mancher Aspekte wie der Problematisierung von automatisiert getroffenen Entscheidungen und damit einhergehender Regulierungsdiskussionen doppeln, liegt auch in der teils schwierigen begrifflichen Bestimmung einzelner Themen begründet. Informationstechnische Innovationen sind nun mal neu, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen kann damit erst am Anfang stehen. Ein Umstand, dem z. B. Michael Nagenborg und Saskia Sell in ihrem spannenden Beitrag über die Hackerethik sowie Judith Simon in ihrem hochaktuellen Text über Values in Design Rechnung tragen.

Alles in allem ist das Handbuch ein fundierter Beitrag für viele derzeit geführte Diskurse darüber, was die Digitalisierung mit uns als Individuen und als Gesellschaft anstellt. Es greift völlig neue, wissenschaftlich noch wenig bearbeitete Themen heraus und bietet dazu spannende Überblicke. Die übrigen Beiträge werfen einen neuen, durch die Digitalisierung geprägten Blick auf bereits seit langem diskutierte Themen. Dabei verfallen die Texte nie in einen einseitigen Technikpessi- oder -optimismus. Sondern beleuchten ausgewogen und besonnen die vielen neuen Herausforderungen, Gefahren, aber auch Chancen neuer Medien und Informationstechnologien.

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Über das BuchJessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart [J.B. Metzler] 2016, 380 Seiten, 89,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseJessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. von Mündges, Stephan in rezensionen:kommunikation:medien, 31. Juli 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20378
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Rezensent/in
Stephan Mündges ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Dort forscht er zur digitalen Transformation des Journalismus. Außerdem ist er als Reporter und Redakteur für das ZDF mit einem Schwerpunkt auf neue Technologien tätig.