Schwerpunkt Juli 2017: „Wo sind denn bitte Ihre Manieren geblieben?“

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Vorgestellt von Martin Gehr

Als die deutsche Girlband Tic Tac Toe im Jahr 1995 „Ich find dich scheiße“ sang, landete ihr Lied nicht nur in den Charts, sondern löste auch eine gesellschaftliche Diskussion nach moralischen Grenzen aus. Zwei Jahre zuvor hatte Stefan Effenberg den Fans im Stadion bereits seinen Mittelfinger entgegen gestreckt und wurde dafür suspendiert (siehe z.B. WDR Stichtag, 27.06.1994). Aus heutiger Sicht ist ein solches Verhalten zwar noch immer frei von Manieren, aber längst kein Skandal mehr.

Die Auffassung dessen, was sich gehört, hat sich gewandelt; Rücksichtslosigkeit und mangelnder Respekt sind gesellschaftliche Trends unserer Zeit. Dies lässt sich in privaten wie öffentlichen Umgebungen zahlreich beobachten – von der Ignoranz der gesetzlich noch verankerten Sonntagsruhe im Verhalten der Nachbarschaft über die Beliebtheit von ,Bad Taste’-Komödien (aktuell Girl’s Night Out) bis zur skrupellosen Mentalität einiger nach Profit und persönlichen Vorteilen gierenden Staatspolitiker.

Auch die Kommunikation ist vielfach aus dem Takt geraten: Jugendliche brüskieren nicht nur Lehrer an den Schulen, sondern sogar fremde Passanten mit den Worten „Halt’s Maul, Alter!“, wenn auch nur ansatzweise eine Konfrontation entsteht. In den angeblich ,sozialen’ Medien brauen sich immer wieder Shitstorms zusammen – jene kollektive Kommunikationsform, bei der Personen oder Unternehmen aufgrund eines Fehlverhaltens in Internet-Posts vehement diskreditiert werden, meist auf der sprachlichen Ebene des Substandards. Die Zunahme nicht nur körperlicher, sondern auch verbaler Gewalt wird neben politischen Auseinandersetzungen auch bei Fußballfans verstärkt registriert; so hatten im Februar 2017 Anhänger des Bundesligisten Borussia Dortmund beim Spiel gegen RB Leipzig Stadionbanner mit Sprüchen wie „Verpisst euch ihr Bastarde“ präsentiert (siehe RP online, 05.02.2017). Selbst die Medien spielen in der untersten Liga mit und suggerieren, Niveaulosigkeit sei im Mainstream angekommen. So sind im Buchhandel u.a. Publikationen mit den Titeln Fick dich! (riva) oder Ein Arschloch kommt selten allein (Rowohlt) erhältlich.

Im Straßenverkehr sind immer häufiger Zustände zu erleben, die dem Wilden Westen nahe kommen. Wie die polizeiliche Unfallstatistik zeigt, hat aggressives Fahrverhalten auf deutschen Straßen stark zugenommen: So gebe es jeden Tag allein 190 Verletzte durch Drängelei (siehe DerWesten.de, 14.02.2016). Zu diesem Kosmos gehören auch Gaffer, die bei Unfällen, Bränden oder anderen öffentlichen Katastrophen Rettungskräfte blockieren, um mit ihrem Smartphone das beste HD-Video fürs Web zu erstellen – etwa im Mai 2017 bei schweren Verkehrsunfällen in Duisburg, Bad Oeynhausen, Berlin und auf der A6 bei Nürnberg. Die Polizei selbst lässt dies nicht unkommentiert: Im April 2016 hatten Hagener Einsatzkräfte, die bei einem Unfall am dortigen Hauptbahnhof massiv beeinträchtigt wurden, das Verhalten der Gaffer öffentlich bei Facebook kritisiert (siehe „Schämt euch, ihr Gaffer vom Hauptbahnhof“).

Auch Personenkreise, die eigentlich eine Vorbildfunktion haben sollten, werden verstärkt auffällig: Parteien und Politiker sind auf Konfrontation aus und stellen ihren Egoismus über ihre Aufgabe als vermeintliche ,Volksvertreter’. Toleranz und Diplomatie werden propagiert, bleiben aber vielfach Behauptungen. Den Methoden ehemals führender Wirtschaftsbosse wie Thomas Middelhoff, Klaus Zumwinkel, Uli Hoeneß oder Sepp Blatter stehen viele Protagonisten daher in nichts nach. Oder wie es in der Werbung einer bekannten Bank hieß: Unterm Strich zähl ich.

Selbst die Massenmedien haben in den vergangenen Jahren Tabus gebrochen, um der schwindenden Aufmerksamkeit und damit dem finanziellen Verlust entgegenzuarbeiten: Also müssen Protagonisten diverser TV-Shows ihre Würde abgeben, schließlich haben es viele Medienmacher, die dahinterstecken, längst getan, sonst würden sie derartige Sendungen, deren Moralverlust kaum noch zu unterbieten ist, nicht produzieren, darunter Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! (RTL), Schau mir in die Augen – Promis unter Hypnose (RTL), Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt (ProSieben), Elton vs. Simon (ProSieben), Naked Attraction – Dating hautnah (RTL 2) sowie Scripted-Reality-Serien der Sorte Familien im Brennpunkt oder Hilf mir! Jung, pleite verzweifelt… im Nachmittagsprogramm der Privatsender.

Wo sind denn bitte Ihre Manieren geblieben? Das fragt sich das rkm-Journal im Juli 2017 und befasst sich mit folgenden wissenschaftlichen Publikationen, die unterschiedliche Aspekte des Themas aufgreifen:

 

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Veröffentlicht unter Aus der Redaktion
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