Thomas Birkner, Maria Löblich, Alina Laura Tiews, Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Neue Vielfalt

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Axel Schildt

Einzelrezension
Der Begriff der Pluralität ist traditionsreich und schwierig. Er kann sogar dem Begriff des Pluralismus abgrenzend gegenübergestellt werden wie in den Debatten des Zweiten Vatikanischen Konzils der Katholischen Kirche Anfang der 1960er Jahre. Dort ging es um die neue Vielfalt in der Ausgestaltung der prinzipiell vertretenen religiösen Heilsbotschaft, die nicht mit einer Anerkennung weltlicher Divergenzen in einem System pluralistischer Stimmen und deren demokratischer Aushandlung verwechselt werden dürfe.

Auch wenn Analogien immer hinken, geht es im Sammelband Neue Vielfalt aus dem Herbert von Halem Verlag im Kern um das Verhältnis von Pluralität und Pluralismus. Die Publikation dokumentiert die Ergebnisse einer Tagung der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, die 2015 in Hamburg stattfand.

Für die Beiträge, die sich auf Deutschland beziehen, bildet die Einführung des dualen Systems für Hörfunk und Fernsehen die medienhistorisch „jüngere Zäsur“ (S. 11). Fünf der insgesamt 14 Beiträge, die weitgehend chronologisch angeordnet sind, handeln von der vorhergehenden Zeit seit dem Kaiserreich; die anderen beschäftigen sich mit der Übergangszeit der 1980er Jahre oder legen gegenwartsnahe empirische Befunde vor.

Zu den historischen Beiträgen zählt eine Abhandlung über die Bildwelten in der populären Presse des Kaiserreichs (Patrick Merziger), in Witzblättern und Criminalillustrierten; die Interpretation fügt sich ein in seit den 1980er und 1990er Jahren publizierte Studien wie die von Andreas Daum und Jörg Requate. Dann folgt im Sammelband ein großer Sprung über einige Jahrzehnte hinweg in die westdeutschen 1950er Jahre. Hier geht es um Übergänge von der Kinowochenschau zu „Fernsehsendungen mit Aktualitätsanspruch“ (Sigrun Lehnert, S. 47), eine Skizze, die den Spuren der großen Fernsehgeschichte von Knut Hickethier folgt. Christoph Hilgert verdeutlicht in seinem Beitrag, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk der Bundesrepublik auch lange vor der dualen Zeit in „asymmetrischen“ (S. 72) Konkurrenzverhältnissen zu anderen Radio-Stationen stand: mit jenen in der DDR, mit den alliierten Sendern AFN und BFN/BFBS und mit Radio Luxemburg. Dagegen zeichnet Susanne Vollberg das Bild einer letztlich – gemessen an den hohen Erwartungen – gescheiterten Einführung des Zweiten Fernsehprogramms der DDR, das nach häufigen Ankündigungen seit den 1960er erst in den 1980er Jahren einen nennenswerten Anteil des Publikums erreichte.

Die neuere Abteilung mit Beiträgen zum dualen System eröffnet Christian Herzog mit einer Betrachtung von zwei zentralen medienpolitischen Akteuren, dem Bundespost-Minister Christian Schwarz-Schilling (CDU) und dem sehr einflussreichen Medienökonom Eberhard Witte. Diese akteurszentrierte Herangehensweise, die mittlerweile in der Geschichtswissenschaft dominiert, hat zwei Vorzüge: Zum einen verdeutlicht sie den hohen Anteil an Kontingenz in einem Geschehen, das in ähnlichen Formen nicht nur in der Bundesrepublik ablief. Zum anderen wird anhand der Tätigkeitsfelder der beiden Protagonisten überzeugend dargelegt, dass medienhistorische Ereignisse nur im Kontext weiterer politischer und gesellschaftlicher Fragen, hier etwa der Postreform, zu verstehen sind.

Mit der Position der wichtigsten sozialdemokratischen Akteure in der Diskussion um das duale System, Peter Glotz und Helmut Schmidt, befassen sich zwei sachkundige Beiträge von Anna-Lisa Neuenfeld und Thomas Birkner. Sie zeigen, wie die SPD anfangs ein retardierendes Element gegenüber der Privatisierungsoffensive von CDU/CSU darstellt, sich dann aber doch mit den geschaffenen Fakten abfindet. Empirisches Material zur „Formatierung der Radiolandschaft durch die Einführung des dualen Rundfunksystems“ (S. 181) stellt Jörg Hagenah zur Verfügung. Der gelungene Beitrag endet mit dem Appell, das Radio angesichts seiner weiterhin vorhandenen Bedeutung „nicht aus dem Blick der Kommunikationswissenschaft verschwinden“ (S. 203) zu lassen.

Das Programmangebot der deutschen Fernsehsender zwischen 1998 und 2011 untersucht Steffen Kolb. Das Ergebnis ist nicht überraschend, wird hier aber genau nachgewiesen, dass nämlich „das Ziel der (relevanten) Vielfaltssteigerung nicht erreicht werden konnte“ (S. 227), das von den Propagandisten des dualen Systems versprochen worden war. Für den Hörfunk bestätigt Nicole Gonser diesen Befund mit einer interessanten Reihe von „medienbiographischen Interviews“ (S. 236) mit Nutzern, die mehrheitlich den Eindruck bestätigen, dass es eine Unterteilung von guten öffentlich-rechtlichen und schlechten privaten Sendern gibt (S. 245).

Den langfristigen Folgen der medienpolitischen Entscheidungen für die redaktionellen Inhalte und Formen von Nachrichtensendungen geht auch Maria Karidi nach. Sie fokussiert die 30 Jahre zwischen 1984 und 2014 und berücksichtigt damit auch das Zeitalter des Internets und einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie. Der schwierigen, letztlich unlösbaren Materie der „historischen Mediennutzungsforschung“ (S. 255) widmen sich Christian Schwarzenegger und Thorsten Naab. Ihr Zugang, dessen Nützlichkeit weiter zu überprüfen wäre, ist die Unterscheidung von Mediengenerationen.

Noch einmal tief ins 19. Jahrhundert zurück geht der abschließende Beitrag von Jürgen Wilke, der betont, dass die Medienpluralisierung jener Zeit aus einem Bündel von Determinanten – technischen, politisch-rechtlichen, ökonomischen, gesellschaftlichen und professionellen – bestanden habe. In diesem Sinne könnte auch die Zeitgeschichte verfahren. Der vorliegende Band vermittelt dafür einige Anregungen.

Links:

Über das BuchThomas Birkner, Maria Löblich, Alina Laura Tiews, Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Neue Vielfalt. Medienpluralität und -konkurrenz in historischer Perspektive. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, 331 Seiten, 34,- Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Birkner, Maria Löblich, Alina Laura Tiews, Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.): Neue Vielfalt. von Schildt, Axel in rezensionen:kommunikation:medien, 19. Juni 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20254
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Rezensent/in
Axel Schildt, Dr. phil. habil., geb. 1951, Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg. Forschungsschwerpunkte: Intellectual History des 20. Jahrhunderts, Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts, deutsche Geschichte und westeuropäische Sozialgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.