Klaus Maiwald, Anna-Maria Meyer, Claudia Maria Pecher (Hrsg.): „Klassiker“ des Kinder- und Jugendfilms

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Florian Krauß

Einzelrezension
Im Jahr 2015 befasste sich eine Ringvorlesung an der Universität Augsburg mit Klassikern des Kinder- und Jugendfilms. Sie fand am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur statt und brachte einen Sammelband hervor, der nun im Schneider Verlag Hohengehren erschienen ist. Die mit 160 Seiten recht kurze Auseinandersetzung beginnt mit zwei Begriffsdiskussionen: Der Kinder- und Jugendfilm wird anhand von innertextuellen Kriterien wie ,Kinder als Protagonisten‘ oder ,Kindheit als zentraler Inhalt‘ umrissen. Zugleich werden, wie in den Definitionsansätzen verwandter Publikationen (z.B. Kurwinkel/Schmerheim 2013), außertextuelle Merkmale, vor allem hinsichtlich der Rezipienten, berücksichtigt.

Im Anschluss erörtern die Herausgeber die Bezeichnung „Klassiker“. In diesem Zusammenhang betonen sie, dass der entsprechende Status von Filmen immer wieder gepflegt und reproduziert werden muss. Somit ziehen sie in Betracht, dass der „Klassiker“ eine von Kontexten abhängige Konstruktion darstellt. Zugleich gehen sie von der klaren Existenz „herausragende[r] Werke“ (S. 8) aus. Hier und an anderer Stelle äußert sich die Schwerpunksetzung auf „Klassiker“ in normativen Tendenzen.

Der Vagheit des Begriffs ist es zudem geschuldet, dass die Zusammenstellung der in den Beiträgen analysierten Filme etwas beliebig anmutet. Der Band versammelt neben zwei thematischen Einführungen sieben Betrachtungen, die sich jeweils einzelnen Filmen widmen. Das Spektrum ist zumindest zeitlich breit gestreut und reicht von der Scherenschnitt-Animation Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926) bis zur Adaption des Kinderkrimis Rico, Oskar und die Tieferschatten (2014). Ein engerer Fokus – etwa auf zentrale Kinder- und Jugendfilme aus Deutschland oder auf filmische Adaptionen von Kinder-und Jugendliteratur – wäre gewinnbringender gewesen. Auf der anderen Seite macht die Heterogenität der Filmbeispiele auch einen gewissen Reiz des Sammelbandes aus. Heterogenität heißt hier freilich auch, dass die Beiträge von recht unterschiedlicher Qualität sind.

Zunächst umreißt Ulf Abraham von der frühen Verfilmung des Kästner-Romans Emil und die Detektive (1931) sowie Georges Méliès Le voyage dans la lune (Die Reise zum Mond, 1902) ausgehend das bekannte Spannungsfeld zwischen „realistischen“ und „fantastischen“ Filmen. Das anschließend herangezogene Beispiel Hugo Cabret (2011) ist gut gewählt, da es sich aufgrund klarer Verweise auf die Filmgeschichte für die historische Rahmung anbietet. Allerdings fällt Abrahams Auseinandersetzung mit dieser Produktion von Martin Scorsese recht oberflächlich aus. Der Autor vernachlässigt gänzlich die 3D-Bildästhetik und konzentriert sich fast ausschließlich auf den Plot. Unfreiwillig komisch und antiquiert mutet der  von ihm erdachte Dialog zwischen zwei Schülern im Jahr 2211 an –  „‚Klar, Alter“, oder: „Emil heißt doch kein Schwein“ – der bereits mit heutiger Jugendsprache wenig gemein hat.

Matthis Kepser konzentriert sich auf Die Abenteuer des Prinzen Achmed, einem eher „unbekannte[n] Klassiker“ (1926, S. 29), und erweitert insofern das Spektrum um Animations- und speziell Silhouettenfilme. Lotte Reinigers Werk ist, anders als vom Autor behauptet, auch jenseits des Stadtmuseums Tübingen präsent, etwa im Filmmuseum Düsseldorf oder in einer DVD-Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung – exemplarische Kontexte, in denen der vermeintliche Klassiker-Status reproduziert wird. Kesper erwähnt gegen Ende seines Beitrags auch aktuelle Silhouettenfilme von Amateuren im Lotte-Reiniger-Stil. Die entsprechende Berücksichtigung von Rezeptionspraktiken ist eine interessante Perspektive auf das Sujet „Filmklassiker“, zumal die anderen Beiträge sich primär auf die textuelle Ebene konzentrieren.

Bei Claudia Maria Pecher dominiert eine historisch-vergleichende Betrachtung: Sie geht auf filmische Adaptionen des Märchens Die Schöne und das Biest ein, wobei die jüngste Disney-Realverfilmung (aus dem Jahr 2017) mit einer schwulen Nebenfigur und einem auf „Diversity“ ausgerichteten Cast noch nicht berücksichtigt ist. Als aktuelles Beispiel fungiert stattdessen die vom ZDF mitverantwortete Fernsehkoproduktion aus dem Jahr 2012, deren Konzipierung und Herstellung Irene Wellershoff, die Redaktionsleiterin des ZDF-Kinderprogramms, darlegt. Durch ihren Erfahrungsbericht wird der Band um eine praktische Produktionsperspektive erweitert; außerdem finden Klassiker-Adaptionen im Fernsehen Beachtung.

Tobias Kurwinkel gelingt ein sehr genaues „Close Reading“ in seiner Analyse des schwedisch-norwegischen Kinderfilms Ronja Räubertochter (1984). Mit Soundscapes und Auralität (dem Zusammenspiel von visuellen und auditiven Elementen) akzentuiert er ästhetische Aspekte, wohingegen andere Beiträge Narration und Dramaturgie etwas einseitig in den Vordergrund rücken.

Michael Staiger etwa betrachtet E. T. – Der Außerirdische (1982) vor allem im Hinblick auf die Heldenreise nach Joseph Campbell (1999) und Christopher Vogler (2004). Der Beitrag eignet sich gut als Grundlagentext, um die konventionelle Hollywood-Dramaturgie an einem bekannten Kinder- bzw. Family-Entertainment-Film herauszuarbeiten, führt aber kaum zu neuen oder überraschenden Erkenntnissen.

Klaus Maiwald diskutiert Leander Haußmanns Sonnenallee (1999) als Literaturverfilmung mit populärkulturellen und zugleich politischen Bezügen. Seine Analyse, die die Romanvorlage der Adaption mit ihren spezifischen filmischen Darstellungsmitteln gegenüberstellt, bietet Anknüpfungspunkte für den Schulunterricht, denn zum Ende fasst Maiwald „Lernperspektiven“ (S. 118) zusammen.

Heidi Lexe akzentuiert mit Rico, Oskar und die Tieferschatten (2014) ein noch aktuelleres, wiederum deutsches Beispiel und interessiert sich dabei, ähnlich wie Maiwald, für filmische und literarische Erzählverfahren. Zugleich geht sie auf Figuren- und am Rande auch Geschlechter-Konstellationen ein, wobei sie die Rico- und Oscar-Trilogie film- und literaturhistorisch einordnet. Der Bezug zum „Klassiker“-Thema bleibt indes relativ vage.

Um Literaturverfilmungen und den damit verknüpften Medienwechsel geht es auch im finalen Beitrag: Anna-Maria Meyer zieht Die unendliche Geschichte (1984) vor allem als Beispiel dafür heran, dass ein „Romanklassiker“ noch keinen „Filmklassiker“ mache. Die immense Kritik, die Wolfgang Petersens „deutschem Hollywood-Film“ seinerzeit entgegenschlug, ist bekannt. Meyer neigt stark dazu, diese negative Wertung fortzuführen.

Allgemein ist der Sammelband nicht frei von normativen Tendenzen. Mitunter haftet ihm so, trotz des jungen Erscheinungsdatums, eine gewisse Antiquiertheit an. Sehr traditionell fällt das Buch auch in seinem methodischen Zugang aus. Die Kinder- und Jugendfilme werden in erster Linie im Hinblick auf Narration und Dramaturgie betrachtet; um Rezeptions- und Produktionskontexte geht es nur am Rande. Dadurch gelingt es dem Sammelband kaum, neue oder überraschende Perspektiven auf den Kinder- und Jugendfilm aufzuzeigen. Dies gilt umso mehr, da bereits ähnlich ausgerichtete Publikationen zu zentralen Werken dieses Metagenres existieren (vgl. z.B. Kümmerling-Meibauer/Koebner 2010). Diesen grundsätzlichen Einwänden zum Trotz bieten einzelne Beiträge genaue Analysen von ausgewählten, zum Teil wenig untersuchten Filmen an. Punktuell erweitert der Band die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendfilmen aus Deutschland und mit Verfilmungen von Kinder- und Jugendliteratur. Mehrere Texte stellen potenziell fruchtbare Ausgangspunkte dar, um exemplarisch zur Filmbildung zu arbeiten und filmanalytische Grundlagen zu vermitteln.

Literatur:

  • Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt/M. [Insel] 1999 [1949].
  • Kümmerling-Meibauer, Bettina; Thomas Koebner (Hrsg.): Filmgenres. Kinder- und Jugendfilm. Stuttgart [Reclam] 2010.
  • Kurwinkel, Tobias; Philipp Schmerheim: Kinder- und Jugendfilmanalyse. Konstanz [UVK] 2013.
  • Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. Frankfurt/M. [Zweitausendeins] 2004.

Links:

Über das BuchKlaus Maiwald, Anna-Maria Meyer, Claudia Maria Pecher (Hrsg.): „Klassiker“ des Kinder- und Jugendfilms. Baltmannsweiler [Schneider] 2016, 160 Seiten, 18;- Euro.Empfohlene ZitierweiseKlaus Maiwald, Anna-Maria Meyer, Claudia Maria Pecher (Hrsg.): „Klassiker“ des Kinder- und Jugendfilms. von Krauß, Florian in rezensionen:kommunikation:medien, 8. Juni 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/20209
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Rezensent/in
Florian Krauß ist Lecturer am Medienwissenschaftlichen Seminar der Universität Siegen. Er unterrichtet in Medienpädagogik, Medienästhetik, Mediengeschichte und Kreativem Schreiben. 2009 bis 2012 war er akademischer Mitarbeiter im Medienentwicklungslabor Climate Media Factory an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. 2011 promovierte er mit der Arbeit Bollyworld Neukölln: MigrantInnen und Hindi-Filme in Deutschland. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte umfassen unter anderem: Filmbildung, Media Industry Studies, Fernsehserien, Mediennutzung von Migranten, Bollywood bzw. Hindi Kino, Gender und Medien.