Brooke Gladstone, Josh Neufeld:
Der Beeinflussungsapparat

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Silke Fürst

Einzelrezension
Fake News, Lügenpresse und die Macht der Mainstream-Medien – die derzeitige öffentliche Debatte scheint kaum noch ohne diese Schlagworte auszukommen. Zuerst provokativ durch rechtspopulistische Bewegungen in Europa und den USA lanciert, gehören sie inzwischen zum fast alltäglichen Vokabular verschiedenster Akteure: Während in Deutschland Pegida und AfD mit dem Begriff „Lügenpresse“ das Vertrauen in journalistische Institutionen untergraben wollen (Fink 2016) und der amerikanische Präsident Medienschaffende mit der Bezeichnung „fake news“ (Ruck 2017) angreift, richten Medien vereinzelt neue Rechercheteams ein und erklären selbst den „Kampf gegen Fake News“ (Bouhs 2017, Kolb 2017).

Wer in dieser Debatte Orientierung sucht, findet auf dem Buchmarkt eine wachsende Anzahl an Publikationen – freilich mit meist zugespitzten Etikettierungen: Journalisten wie Publizisten diskutieren die Lückenpresse (Westend Verlag), die Denkfabriken (Kopp Verlag) und die manipulierten Medien und gekauften Journalisten (Redline Verlag). Auch wenn sein Titel dies kaum erwarten lässt, hebt sich das kürzlich erschienene Buch Der Beeinflussungsapparat. Wie Massenmedien funktionieren, wie sie unsere Gesellschaft manipulieren und wie wir dazu beitragen (Correctiv) wesentlich davon ab: Erstens handelt es sich keinesfalls um eine Publikation, die der These der manipulierenden und manipulierten Medien das Wort redet. Im Gegenteil: Sie greift den Begriff des Beeinflussungsapparates auf, um breite und skeptische Leserkreise anzusprechen und diesen zu zeigen, dass es „keine Verschwörung“ gibt (S. xiv). Zweitens behandelt das Buch kaum die gegenwärtige Medienlandschaft und Berichterstattung, sondern unternimmt einen Streifzug durch die amerikanische Presse- und Mediengeschichte. Drittens geschieht diese Aufbereitung in Form eines Comics. Es gehört zum Genre der „Nonfiction Comics“ bzw. des „Graphic Journalism“, das seit etwa zwanzig Jahren verstärkte Verbreitung findet (Duncan et al. 2016, S. 6; Schack 2014), aber im Bereich medienkritischer Buchpublikationen eine Seltenheit ist.

Die amerikanische Radiomoderatorin und Medienjournalistin Brooke Gladstone und der Zeichner Josh Neufeld wählten dieses Genre, um komplexe Ideen „stickier“ zu machen (Schack 2014, S. 112). Die Verbindung von Text und Bild soll also zu intensiver Lektüre mit nachhaltiger Wirkung einladen. Zugleich verbindet die Autorin mit diesem Medium die Vorstellung, dass sie eine ähnlich intime Beziehung zum Nutzer aufbauen kann wie in ihren Radiosendungen: „I thought that if I could speak in bubbles, and look the reader directly in the eye, that I would be able to approximate the intimacy of that relationship” (ebd.).

Diese Ambition macht sich unmittelbar bemerkbar. Gleich zu Beginn stellt sich die Autorin dem Leser vor und erklärt ihr Anliegen: Sie sei eine Vollblut-Journalistin, die erst durch das Schreiben die Welt begreife. In ihrer Geschichte wolle sie erzählen, warum die Nutzung von Nachrichten so wichtig ist. Die als Autorin vorgestellte Figur, eine braungelockte Frau in schwarzem Kleid und Stiefeln, schlüpft innerhalb des Werks in verschiedene Charaktere und bleibt für den Leser damit präsent. Thema und Erzählweise haben in den USA offenbar einen Nerv getroffen: Das Buch konnte sich 2011 in der Kategorie „Graphic Books“ auf der Bestellerliste der New York Times platzieren. Es wurde nun von David Schraven ins Deutsche übersetzt und vom Recherche-Netzwerk Correctiv herausgegeben.

Das Cover der deutschen Ausgabe ist sehr ansprechend und unterstützt zugleich die zentrale Metapher des Buches: Im Zentrum steht eine Maschine, die – visualisiert durch hypnotische Kreise – alles in ihren Bann zieht. Mit ähnlich psychedelischen Motiven wird dem Leser eingangs erklärt, dass der Begriff der „Influencing Machine“ auf den Psychoanalytiker Victor Tausk (1992 [1919]) zurückgeht. Er bezeichnete damit eine schizophrene Erkrankung, bei der Patienten das Gefühl haben, von einer Maschine kontrolliert zu werden. Sie projizieren innere Vorgänge und Gefühle auf diese Maschine und entfremden sich im Verlauf der Erkrankung immer stärker von sich selbst – bis sie ihre Identität verlieren.

Diese Diagnose zieht Gladstone als Metapher für Debatten um Medienmacht heran: „Die Medien-Maschine ist ein Wahngebilde“ (S. xxi). Die Medien sind demnach kein Apparat, der uns kontrolliert und manipuliert, sondern ein Spiegel unserer selbst. Die Medienwelt besteht aus einer Vielzahl verschiedener Spiegel, die uns angesichts der Überhöhung oder Vernachlässigung von Themen mitunter auch als Zerrspiegel erscheinen mögen. Gladstone mahnt jedoch, dass wir nicht vergessen sollten, welche Rolle wir selbst als Nutzer spielen. Das, was wir in den Medien sehen und wie wir sie nutzen, sagt immer etwas über uns selbst aus. Jene Menschen, die die gesamte Medienlandschaft als „Lügenpresse“ oder „Fake News“ bezeichnen, leiden diesem Bild zufolge an einer Wahnvorstellung und haben den Bezug zu sich selbst verloren (hier eine Animation des Verlags W.W. Norton & Company).

Diesem psychologischen Ansatz bleibt das Buch über weite Strecken verhaftet. Unter Bezug auf wissenschaftliche Studien erzählt es, wie die menschliche Wahrnehmung durch Vorurteile und Emotionen geleitet wird und Mediennutzer sich mit Informationen und Menschen umgeben, die ihre eigenen Haltungen bestätigen (S. 115-131). Die Entstehung von Echokammern und Filterblasen wird so auf ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zurückgeführt, das sich jeder einzelne bewusst machen und überwinden sollte.

Die knappen Bezüge auf Ergebnisse wissenschaftlicher Studien erzeugen dabei zunächst Evidenz und sind durch das umfassende Quellenverzeichnis nachprüfbar (S. 179-188). Bei intensiver Lektüre bricht diese Eindeutigkeit jedoch auf. Während die Vermeidung von kognitiver Dissonanz zunächst als menschliche Konstante beschrieben wird, die im Internet zu voller Entfaltung gelangen könne (S. 130f.), wird nach großen Sprüngen durch die Geschichte der Medienkritik festgehalten, dass Internetnutzung nachweislich zur Entstehung von diversifizierten Netzwerken und zum Austausch konträrer Meinungen führe (S. 140). Die bruchstückhaften Referenzen auf Studien folgen am Ende dem Narrativ, dass die neuesten medientechnischen Entwicklungen angesichts der Konstanten der Medienkritik und des menschlichen Verhaltens gar nicht so gefährlich sind, wie wir denken.

Neben dieser individualpsychologischen Perspektive entspinnt sich eine Geschichte der amerikanischen Presse- und Meinungsfreiheit. Mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe hat das Buch hier teilweise eine unfreiwillige Aktualität gewonnen, die Gladstone und Neufeld 2011 nicht hätten erwarten können: Sie erzählen, wie amerikanische Regierungen die Medien zu Feinden erklären und Präsidenten mit Kampagnen das gesellschaftliche Vertrauen in die Medien zu unterhöhlen versuchen (S. 21, 38).

Daneben wird beleuchtet, wie die Berichterstattung durch persönliche Einstellungen von Journalisten sowie strukturelle Einflüsse geprägt wird, darunter Aktualitäts- und Bilderzwänge, Nachrichtenfaktoren, journalistische Quellen sowie gesellschaftliche Normen und Mehrheitsmeinungen (S. 53-70). Durch das zum Teil feinsinnige wie komische Zusammenspiel von Text und Bild wird der Leser zwar in die Geschichte hineingezogen. Der Verlauf der Erzählung wird aber überwiegend von Assoziationen getragen, häufige Zeit- und Argumentationssprünge lassen keinen roten Faden entstehen. Angesichts der einleitend geschilderten Folgen der Ökonomisierung der Medien und dem Zerfall der „wichtigsten Institutionen des Journalismus“ (S. xiii) wirken die langen Ausflüge zur historischen Entwicklung der Pressefreiheit unmotiviert und können allenfalls die Botschaft vermitteln: Es war alles schon mal schlimmer.

Antworten auf die Frage, wie Medien funktionieren (wie der von Correctiv ergänzte Untertitel verspricht), werden nur ausschnittweise und losgelöst von gegenwärtigen Realitäten gegeben. Von den Auswirkungen zunehmender Medienkonzentration, zurückgehender redaktioneller Ressourcen und journalistischer Recherche sowie einer steigenden Übernahme von PR- und Nachrichtenagenturmaterial findet sich keine Spur (vgl. Fürst 2015; Jackson/Moloney 2016) – was mehreren aktuellen Studien zufolge tatsächlich Ursachen der Vertrauenskrise und zunehmenden Medienkritik sind (Bayerischer Rundfunk/Wilhelm 2016; Splichal/Dahlgren 2016). Stattdessen wird dem Leser signalisiert, dass journalistisches Arbeiten daraus besteht, eigene Beiträge zu recherchieren und zu schreiben, die vom Wagemut und Idealismus einzelner Journalisten beflügelt werden und widrigen Rahmenbedingungen trotzen. Denn inmitten von Zensur und Anpassung weiter Teile der Medien ragen in den Episoden zur Pressegeschichte immer wieder einzelne Journalisten und Zeitungen heraus, die sich gegen den politischen Druck wehren. So jongliert das Buch zwischen den bekannten Stereotypen der journalistischen Meute und des Reporters als Held der Pressefreiheit.

Auch das Nachwort zur deutschen Ausgabe von Übersetzer und Correctiv-Geschäftsführer David Schraven folgt zum Teil diesem Muster (S. 159-175). Ohne explizit auf den Comic oder die amerikanischen Verhältnisse Bezug zu nehmen, ergänzt Schraven eine kurze Einführung in die deutsche Presse- und Medienentwicklung. Neben der Analyse von Skandalberichterstattung und prominenten Fällen ethischer Verfehlungen werden auch Sternstunden des Journalismus hervorgehoben. Nur am Rande wird notiert, dass in Redaktionen zuletzt massive Stellenkürzungen stattgefunden haben.

Die Moral von der Geschicht‘: „Wir haben die Medien, die wir verdienen“ (S. 156, 159), stellt einen Rückbezug zur Metapher des Beeinflussungsapparates her, hat durch die Erzählung aber wenig an Klarheit gewonnen. Gleichwohl ist dies in der gegenwärtigen Debatte eine ungewöhnliche Position, die zum Weiterdenken anregen kann, etwa: Unabhängiger und guter Journalismus muss nicht nur von Medienunternehmen und Medienpolitik, sondern auch von den Mediennutzern gewollt, kritisch gewürdigt und (finanziell) getragen werden.

Literatur:

Links:

Über das BuchBrooke Gladstone, Josh Neufeld: Der Beeinflussungsapparat. Wie Massenmedien funktionieren, wie sie unsere Gesellschaft manipulieren und wie wir dazu beitragen. Essen [Correctiv] 2016, 224 Seiten, 20,- Euro.Empfohlene ZitierweiseBrooke Gladstone, Josh Neufeld:
Der Beeinflussungsapparat. von Fürst, Silke in rezensionen:kommunikation:medien, 7. April 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19978
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Rezensent/in
Silke Fürst ist seit 2012 Mitarbeiterin und Doktorandin am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung DCM an der zweisprachigen Universität Freiburg/Université de Fribourg (CH). Seit 2014 ist sie Co-Sprecherin der SGKM-Fachgruppe Journalismusforschung. Zuvor studierte sie von 2002 bis 2008 Kommunikationswissenschaft und gehörte zum Team eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojektes (2009-2012) am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster. Ihre Schwerpunkte in der Forschung sind Publikumsvorstellungen und Diskurse über das Medienpublikum, Journalismusforschung, Medienethik, Kommunikationstheorie sowie Wissenschaftskommunikation.