Britta Heiligenthal: Zeichentrickmusik

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Frédéric Döhl

Einzelrezension
Das Thema der Musik zu Walt Disneys Zeichentrickfilmen erfreut sich derzeit einer gewissen Konjunktur in den deutschsprachigen Musik- und Filmwissenschaften. Britta Heiligenthals 2014 an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz angenommene, filmwissenschaftliche Dissertationsschrift Zeichentrickmusik. Funktionen der Filmmusik in Zeichentrickfilmen Walt Disneys gingen z.B. die musikwissenschaftlichen Doktorarbeiten von Irene Kletschke (Klangbilder: Walt Disneys „Fantasia“ (1940), 2011) und Saskia Jaszoltowski (Animierte Musik – Beseelte Zeichen. Tonspuren anthropomorpher Tiere in Animated Cartoons, 2013) sowie die Publikation Sound Design in the American Animated Film (2012) von Laura Lăzărescu zeitlich unmittelbar voraus.

Dieser Trend schließt an die Forschung insbesondere zum frühen Zeichentricktonfilm an, die von Daniel Goldmark seit dem Jahr 2000 in den USA vorangetrieben wurde (vgl. The Cartoon Music Book, 2002; Tunes for ’Toons: Music and the Hollywood Cartoon, 2005; Before Willie: Reconsidering Music and the Animated Cartoon of the 1920s, 2007; Locating America: Revisiting Disney’s Lady and the Tramp, 2008; Funny Pictures. Animation and Comedy in Studio-Era Hollywood, 2011). Einen exzellenten Überblick über die Forschungsliteratur zur Zeichentrickfilmmusik insgesamt bietet die aktuelle, kommentierte Arbeitsbibliographie Musik im Animationsfilm von Ludger Kaczmarek und Hans J. Wulff (2016).

Wie sich die Studie von Britta Heiligenthal zu diesem Forschungsstand verhält, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Das überrascht, da es sich dezidiert um eine wissenschaftliche Qualifikationsschrift in einer Reihe (Filmstudien) handelt, deren Fokus ausdrücklich auch auf der Veröffentlichung von Doktorarbeiten liegt. Aber Heiligenthals Buch kommt ohne Literaturverzeichnis und mit einem Minimum an Fußnoten aus. Auch wenn andere Bände im üblichen Maß Fußnoten ausweisen, mag das Erscheinungsbild nicht der Autorin, sondern dem Credo der Reihe geschuldet sein: „Es erscheinen Beiträge zur Wissenschaft, die sich nicht ausschließlich an ein akademisches Publikum wenden, sondern an alle, die sich für die kulturelle Bedeutung von Film und Fernsehen interessieren“ (vgl. Nomos Verlag 2017).

Für den wissenschaftlichen Leser ist dies aber so oder so unbefriedigend. Gerade weil der Forschungsdiskurs zu diesem Gegenstand derzeit so lebendig ist und die Autorin zu Beginn betont, „sich von anderen Filmmusikbetrachtungen abgrenzen“ (S. 16) zu wollen, hätte interessiert, worauf sich die Autorin bezieht. Arbeiten wie jene von Goldmark, Jaszoltowski, Kletschke und Lăzărescu können jedenfalls kaum gemeint sein, wenn sich Britta Heiligenthal mit der Behauptung zu positionieren versucht, die Bild-Ton-Beziehungen in den Mittelpunkt ihrer Analyse rücken zu wollen und dies als Besonderheit darstellt. Das ist kein filmwissenschaftliches Privileg, sondern heutiger Standard jeder musikwissenschaftlichen Forschung zur Filmmusik, der die Autorin eben diese Eigenschaft – unbelegt und pauschal – abspricht. Sie argumentiert, man würde sich andernorts sonst „in erster Linie der Filmmusikpartitur als eigenständigem Kunstwerk widmen“ (S. 16).

Nach einer kurzen Einleitung (S. 13-17) ohne Methodendiskurs und Forschungsstand befasst sich die Autorin mit drei Filmen: Snow White and the Seven Dwarfs (1937, S. 19-62), The Jungle Book (1967, S. 63-120) und Beauty and the Beast (1991, S. 121-188). Es folgen Resümee und Ausblick (S. 189-199), eine kurze Filmographie sowie abschließend Kurzbiographien der beteiligten Filmmusikkomponisten. Zur Gestaltung des Buches gehören ferner eine Reihe vor allem einstimmiger Notenbeispiele, die musikalische Motive und Themen aus den Filmen repräsentieren.

Die Autorin gibt als Anliegen und Fahrplan aus, dass „die Betrachtung des [jeweiligen] Filmes und seiner Musik linear erfolgen [soll]: Note für Note, so wie man ein Buch oder eine Partitur liest und letztlich auch einen Film sieht“ (S. 16) mit dem Ziel, Funktionen und Strukturen der Filmmusiken aufzuarbeiten. Letzteres ist ein legitimes Anliegen und eine lohnende Fragestellung. Es hätte erlaubt, die Ergebnisse der eigenen Fallstudie z.B. einem jahrzehntealten Diskurs über Funktionen und Strukturen von Filmmusik insgesamt gegenüberzustellen (vgl. z.B. Adorno/Eisler 1947; Lissa 1965; Pauli 1976; Emons/de la Motte-Haber 1980; Gorbman 1987; Prendergast 1992; Brown 1994, Bullerjahn 2001), mögliche Spezifika der Zeichentrickmusik herauszuarbeiten und die eigenen Studien mit anderen Erhebungen zu kontextualisieren. Das unterbleibt jedoch, ebenso wie eine Auseinandersetzung mit musikalischer Wirkungsforschung und der Verbindung von Musik und Narration, welche die Autorin als weitere Forschungsinteressen im Blick auf ihre Fallbeispiele formuliert (S. 17).

Wie in jeder Doktorarbeit, so wird auch in dieser viel Herzblut und Fleiß stecken. Heiligenthal verfügt über eine klare Sprache und viel Empathie für ihre Gegenstände. Auch mag ihr Vorgehen „aus einem filmwissenschaftlichen Blickwinkel“ (S. 16) vertretbar oder gar angezeigt sein. Von der Lektüre dieses Buches werden aber vor allem jene Leser etwas haben, die nach einer deskriptiven Nacherzählung der Filmmusik der behandelten Filme suchen und Freude daran haben, Bild und Ton detailreich nachzuvollziehen. Für einen systematischen Zugriff auf Funktionen und Strukturen von Zeichentrickmusik liegt es dagegen nahe, auf das Buch von Saskia Jaszoltowski zuzugreifen. Wer tiefer in die Geschichte und Entwicklung der Zeichentrickmusik einsteigen will, dem seien die Arbeiten von Daniel Goldmark empfohlen.

Literatur:

  • Adorno, Theodor W.; Hanns Eisler: Composing for the Films. New York [Oxford University Press] 1947.
  • Brown, Royal S.: Overtones and Undertones: Reading Film Music. Berkeley [University of California Press] 1994.
  • Bullerjahn, Claudia: Grundlagen der Wirkung von Filmmusik. Augsburg [Wissner] 2001.
  • Emons, Hans; Helga de la Motte-Haber: Filmmusik. Eine systematische Beschreibung. Wien [Hanser] 1980.
  • Gorbman, Claudia: Unheard Melodies. Narrative Film Music. Bloomington [Indiana University Press] 1987.
  • Goldmark, Daniel; Yuval Taylor (Hrsg.): The Cartoon Music Book. Chicago [A Cappella Books] 2002.
  • Goldmark, Daniel: Tunes for ’Toons: Music and the Hollywood Cartoon. Berkeley [University of California Press] 2005.
  • Goldmark, Daniel: Before Willie: Reconsidering Music and the Animated Cartoon of the 1920s. In: Goldmark, Daniel; Lawrence Kramer; Richard Leppert (Hrsg.): Beyond the Soundtrack: Representing Music in Cinema. Berkeley [University of California Press] 2007, S. 225-245.
  • Goldmark, Daniel; Utz McKnight: Locating America: Revisiting Disney’s Lady and the Tramp. In: Journal for the Study of Race, Nation and Culture, 14/1, 2008, S. 101-120.
  • Goldmark, Daniel; Charles Keil (Hrsg.): Funny Pictures. Animation and Comedy in Studio-Era Hollywood. Berkeley [University of California Press] 2011.
  • Goldmark, Daniel: Drawing a New Narrative from Cartoon Music. In: Neumeyer, Daniel (Hrsg.): The Oxford Handbook of Film Music Studies. New York [Oxford University Press] 2014, S. 229-244.
  • Jaszoltowski, Saskia: Animierte Musik – Beseelte Zeichen. Tonspuren anthropomorpher Tiere in Animated Cartoons. Stuttgart [Franz Steiner] 2013.
  • Kaczmarek Ludger; Hans J. Wulff: Musik im Animationsfilm. Arbeitsbibliographie. In: Medienwissenschaft: Berichte und Papiere, 164, 2016, S. 1-49. http://macau.uni-kiel.de/servlets/MCRFileNodeServlet/macau_derivate_00000363/0164_16.pdf (02.01.2017).
  • Kletschke, Irene: Klangbilder: Walt Disneys „Fantasia“ (1940). Stuttgart [Franz Steiner] 2011.
  • Lăzărescu, Laura: Sound Design in the American Animated Film. Berlin [wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin] 2013.
  • Lissa, Zofia: Ästhetik der Filmmusik. Berlin [Hentschel] 1965.
  • Nomos Verlag: Details zur Reihe Filmstudien. In: Nomos Shop, 17.01.2017. http://www.nomos-shop.de/reihenpopup.aspx?reihe=376 (17.01.2017).
  • Pauli, Hansjörg: Filmmusik. Ein historisch-kritischer Abriß. In: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Musik in den Massenmedien Rundfunk und Fernsehen. Perspektiven und Materialien. Mainz [Schott] 1976, S. 91-119.
  • Prendergast, Roy M.: Film Music. A Neglected Art. A Critical Study of Music in Films. Second Edition. New York/London [Norton] 1992.

Links:

Über das BuchBritta Heiligenthal: Zeichentrickmusik. Funktionen der Filmmusik in Zeichentrickfilmen Walt Disneys. Baden-Baden [Nomos] 2016, 205 Seiten, 39;- Euro.Empfohlene ZitierweiseBritta Heiligenthal: Zeichentrickmusik. von Döhl, Frédéric in rezensionen:kommunikation:medien, 2. Februar 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19763
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Rezensent/in
Frédéric Döhl (geb. 1978), Musikwissenschaftler und Jurist, derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Musikjournalismus des Instituts für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund, zuvor von 2007-2014 am SFB 626 Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste an der FU Berlin. Forschungsschwerpunkte sind Adaptionsforschung, Musikvermittlung und Urheberrecht. 2008 Promotion ebd. mit ...that old barbershop sound. Die Entstehung einer Tradition amerikanischer A-Cappella Musik (Stuttgart 2009), 2015 Habilitation ebd. mit Mashup in der Musik. Fremdreferenzielles Komponieren, Sound Sampling und Urheberrecht (Bielefeld 2016).

Weitere Publikationen sind u.a. die Monographie André Previn. Musikalische Vielseitigkeit und ästhetische Erfahrung (Stuttgart 2012) sowie die mitherausgebenden Sammelbände Musik bei Ken Russell (Kiel 2011), Konturen des Kunstwerks. Zur Frage von Relevanz und Kontingenz (Paderborn 2013), Musik und Narration (Bielefeld 2015) und In Search of the „Great American Opera“. Tendenzen des amerikanischen Musiktheaters (Münster 2016).