Artur Pelka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Stefan Schroeder

Artur Pelka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des SpektakelsEinzelrezension
Dass das deutschsprachige Drama unserer Tage nicht nur beim Publikum, sondern auch in der Wissenschaft ein Nischendasein führt, ist ein bekanntes Phänomen. Nicht anders als das Theater im Allgemeinen scheint der zeitgenössische Theatertext permanent seine Relevanz behaupten zu müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Doch da Dramatikerinnen und Dramatiker ihre Stärken von jeher in der Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte unter Beweis stellen, gründet der in Lodz lehrende, polnische Germanist Artur Pelka seine Untersuchung über Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten konsequenterweise auf die politische Zäsur des 11. September 2001. Im Angesicht von Terror und Gewalt im 21. Jahrhundert suche das Drama neue Wege der Wirklichkeitsdarstellung, entwickle ein neues Geschichtsbewusstsein, wenn nicht gar ganz allgemein eine neue Ernsthaftigkeit (S. 40-44).

Pelka knüpft an die bereits 1999 von Thomas Ostermeier und aktuell von Bernd Stegemann (2015) angestoßene Diskussion um einen neu erwachten dramatischen Realismus auf der Bühne an, wenn er die These formuliert, das Drama kehre zu traditionellen Begriffen des Repräsentationstheaters zurück (S. 50-57). Sehr erfrischend ist da auch seine kritische Haltung zur Postdramatik, deren Hype nicht zuletzt durch die Veröffentlichungen von Gerda Poschmann und Hans-Thies Lehmann in den späten Neunzigern hervorgerufen wurde: Wo vorher Schauspieler Rollen verkörperten und eine dramatische Handlung vermittelten, machte die ‚postdramatische Wende‘ den Spieler und seinen Körper selbst zum Thema; sie zeigte brüchige Identitäten, bei denen die klare Unterscheidung von Spieler und Rolle, von Illusion und Wirklichkeit nicht mehr galt. In der Sprache der Theaterwissenschaft ersetzte die Präsenz die Repräsentation, galt der unmittelbare performative Akt mehr als das mit Sinn versehene und interpretierbare Theaterzeichen – ein laut Pelka elitäres Theaterkonzept unter Ausschluss der Mehrheit der Zuschauer (S. 22; vgl. S. 73-80).

Man mag eine Auseinandersetzung mit etwaigen Qualitäten postdramatischer und performativer Formen bei Pelka durchaus vermissen. Auch ließe sich problematisieren, dass die Dekonstruktion des traditionellen Geschichtenerzählens auf der Bühne ausgerechnet angesichts einer recht unspektakulär politisch stabilen Gegenwart in Mode kam, die sich der Kunst thematisch schlichtweg nicht mehr aufdrängte. Doch damit hält sich der Autor konsequenterweise gar nicht erst auf; sein Anliegen in den rund 230 Seiten ist ein gänzlich anderes: Pelka wartet zunächst mit einem detaillierten historischen Abriss des politischen Theaters von der Antike bis zur Gegenwart auf, der für jedes Theaterseminar dankbares Material sein dürfte (Kap. 3.2-3.4: S. 57-96). Daraus entwickelt er zielstrebig die Frage, welche Rolle das Politische im Theater des 21. Jahrhunderts wieder spielt.

Wie ein Umweg mag es erscheinen, wenn Pelka auch noch die vertrauten Bilderfluten und uferlosen medialen Abbildungen täglicher Zeitgeschichte aufgreift; doch zweifellos hat der Autor Recht, wenn er die „fortschreitende Theatralisierung politischen Geschehens“ (S. 37f.) anprangert. Hier kommt auch der Begriff des „Spektakels der Gewalt“ aus Pelkas Buchtitel ins Spiel: Kann das Theater überhaupt künstlerische Bilder finden, um das Spektakelhafte des Politischen seriös abbildbar zu machen? Muss es für ein politisch engagiertes Theater mit neuem Wirklichkeitsbewusstsein nicht zum Problem werden, wenn jegliche literarische, theatrale bzw. allgemein bildliche Darstellung hinter der schockierenden Realität von Terrorismus, Massenflucht und Amoklauf verblasst? Stattdessen wird die Realität selbst zu einem Artaud‘schen „Theater der Grausamkeit“ (dt. 1989; vgl. Fischer-Lichte 1990) – eine Verknüpfung, die sich Pelka hier bei Jean Baudrillard (2002) ausleiht.

Am Beispiel von sieben heterogen ausgewählte Texten, die er in die vier Unterkapitel Angriff, Amok, Flucht und Erinnerte Zukunft einsortiert, zeigt Pelka nun, welche Formen für die dramatische Auseinandersetzung mit unserer Welt gesucht und gefunden werden, die durch neue politische Instabilität geprägt ist. Pelkas Einzelanalysen sind beeindruckend komplex und schlüssig:

Die 9/11-Aufarbeitungen von Werner Fritsch und Kathrin Röggla setzen demnach auf Verfremdungseffekte, wenn etwa Fritschs Hydra Krieg. Ein Traumspiel mythologische Bezüge zu kathartischen Zwecken einsetzt, während Rögglas fake reports den politischen Antrieb eines dokumentarischen Gestus zeigt, der durch die Verfremdung der Sprache ästhetisch gebrochen wird.

Andres Veiel und Gesine Schmidt, die in Der Kick einen realen jugendlichen Gewaltexzess im brandenburgischen Potzlow aus dem Jahr 2002 dokumentarisch sezieren, arbeiten mit Illusionsdurchbrechung und Provokation. Dies gilt auch für Thomas Freyer, der in Amoklauf mein Kinderspiel das Erfurter Schulmassaker von 2002 in einer Reihe von Monologen entgegen traditioneller Dramaturgie thematisiert.

Dirk Lauckes dramatische Aufarbeitung des Fundes von 71 Leichen syrischer Flüchtlinge in einem Kühltransporter im Jahr 2015 in Für alle reicht es nicht setzt auf die Authentizität der Sprache als künstlerischer Form, während Elfriede Jelineks dekonstruierendes Sprachgebilde Die Schutzbefohlenen als Diskurstheater auf dokumentarischer Grundlage zur kritischen Reflexion herausfordert. Marius von Mayenburgs Der Stein schließlich führt Pelka als Gegenbeispiel für das Desinteresse junger Autoren an historischen Themen an, das um die Jahrtausendwende festzustellen war.

Artur Pelka hat die Texte sehr klug ausgewählt, da sie sich in ihrer Ästhetik auffällig unterscheiden. Er versteht es, diese Werke so zu durchdringen, dass sich ihre Form als Spiegel eines politischen Anliegens ganz bodenständig auf ihr Aussagepotenzial und ihre inhaltliche Relevanz beziehen lässt. Die neue politische Dramatik setzt also durchaus auf Kunstmittel, aber keineswegs als Selbstzweck oder Meta-Kunstwerk, sondern im Dienst der Sache, mit klarem Anliegen, politischer Haltung und inhaltlicher Substanz.

Trotz der anerkannten Qualität der Texte ergibt sich für Pelka hieraus jedoch ein äußerst kritischer Grundton – insbesondere vor dem Hintergrund seiner eingangs durchgeführten Analyse des gegenwärtigen Zustandes von Theater und Gesellschaft: Denn solange sowohl Theaterwissenschaft als auch -praxis im Zeichen der ‚postdramatischen Wende‘ stünden, drohe den Theatertexten ihre inhaltliche Entwertung. Alle behandelten Texte reagierten schließlich „bewusst und dezidiert auf das Zeitgeschehen im Sinne eines engagierten Repräsentationstheaters“ (S. 197); doch dass diesem der Ruch des Antiquierten und künstlerisch Belanglosen anhaftet, ist kein Geheimnis. In Pelkas Lesart hält das Theater, das noch immer von der Ästhetik der Postmoderne geprägt ist, mit der neuen Wirklichkeitspriorität zeitgenössischer, politisch engagierter Dramentexte ästhetisch nicht Schritt. Dies hindert ihr Wirkungspotenzial an seiner Entfaltung und festigt das Image des Theaters als Elfenbeinturm. In Pelkas Augen zeigt sich dadurch ein ästhetisch exklusiver Elitarismus auf Kosten der Relevanz und des Wirkungspotenzials endlich wieder politisch engagierter und in diesem Sinne dringend notwendiger Theatertexte

Folgt man dieser sehr stringent entwickelten und dargestellten Argumentation, entlarvt sich das Relevanzproblem des Gegenwartstheaters als hausgemacht. Angesichts der Komplexität unserer Realität sei, so Pelkas Schlusswort, eine Neudefinition der Rolle des Theaters und seiner Texte innerhalb des politischen Diskurses dringend erforderlich (S. 199f.). Dass diese zeitnah in Sicht kommen könnte, mag man im subventionierten deutschen Theatersystem, in dem jeglicher bodenständige Reformaufruf erfahrungsgemäß folgenlos verhallt, indes nicht unbedingt erwarten.

Literatur:

  • Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Deutsch von Gerd Henninger. Frankfurt/M. [Fischer] 1989
  • Baudrillard, Jean: Der Geist des Terrorismus. Herausgegeben von Peter Engelmann. Wien [Passagen] 2002
  • Fischer-Lichte, Erika: Geschichte des Dramas. Band 2. Von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen [Francke/UTB] 1990, S. 183-191
  • Lehmann, Hans-Thies: Postdramatisches Theater. Frankfurt/M. [Verlag der Autoren] 1999
  • Ostermeier, Thomas: Theater im Zeitalter seiner Beschleunigung. In: Theater der Zeit 7/8, 1999, S. 10-15
  • Poschmann, Gerda: Der nicht mehr dramatische Theatertext. Aktuelle Bühnenstücke und ihre dramaturgische Analyse, Tübingen [Niemeyer] 1997
  • Stegemann, Bernd: Lob des Realismus. Berlin [Theater der Zeit] 2015

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Über das BuchArtur Pelka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. Angriff und Flucht in deutschsprachigen Theatertexten zwischen 9/11 und Flüchtlingsdrama. Bielefeld [transcript] 2016, 228 Seiten, 34,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseArtur Pelka: Das Spektakel der Gewalt – die Gewalt des Spektakels. von Schroeder, Stefan in rezensionen:kommunikation:medien, 19. Dezember 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19697
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Rezensent/in
Stefan Schroeder studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet als Autor, Regisseur und Dramaturg und ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Technischen Universität Dortmund. Zu seinen Schwerpunkten in der Lehre gehören Drama, Dramaturgie, Theaterwissenschaft, Theaterpraxis sowie die Verbindung von Theater und Film.