Stephan Ruß-Mohl: Journalismus. Das Lehr- und Handbuch

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Rezensiert von Petra Werner

journalismus_stephanrussmohl1Einzelrezension
Von Aktualität bis Zeitdruck, von Algorithmus bis Zapping, von Anderson, Chris bis Zahn, Peter von – in seinem mittlerweile in dritter, aktualisierter und überarbeiteter Auflage erschienenen Lehr- und Handbuch buchstabiert Stephan Ruß-Mohl das Berufsfeld des Journalismus aus, das sich drastisch verändert. Dabei widmet er sich journalistischen Genres ebenso wie redaktionellen Arbeitsroutinen, ordnet neue Entwicklungen ein und unterfüttert seine Einlassungen zur Berufspraxis mit Ergebnissen der Journalismusforschung und Hinweisen auf theoretische Ansätze. Als Lehrbuch richtet sich Journalismus an Berufseinsteiger, Volontäre und Studierende; als Handbuch soll es gestandenen Berufspraktikern helfen, auf der Höhe der Diskussion zu bleiben. Beides gelingt – für den Moment.

Aktualität ist nicht nur ein Qualitätskriterium für journalistische Nachrichten, sondern auch für Lehr- und Handbücher. Insofern mag es 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung und sechs Jahre nach der zweiten Auflage für eine gründliche Revision des Werkes Zeit gewesen sein. Denn das Jahr 2010 mutet im Journalismus wie ein anderes Zeitalter an: Die Tageszeitungen erreichten damals 44 Prozent der Bevölkerung, bei den 14- bis 29-Jährigen immerhin noch 26 Prozent (vgl. Ridder/Engel 2010: 528). Von ,mobile journalism‘ war noch nicht ernsthaft die Rede, nur acht Prozent der Internetnutzer gingen via Smartphone ins Netz (vgl. van Eimeren/Frees 2010: 341). Die Süddeutsche Zeitung hatte sich soeben einen Twitter-Account zugelegt. Heute wird Journalismus unter anderen Vorzeichen gemacht: Die Reichweite gedruckter Tageszeitungen ist auf 33 Prozent gesunken, bei den 14- bis 29-Jährigen auf 15 Prozent (vgl. Engel/Breunig 2015: 313). Für die Hälfte der Bevölkerung ist die Nutzung des Smartphones für den Zugang zum Web tägliche Routine (vgl. Koch/Frees 2016: 424). Die Süddeutsche Zeitung hat seit 2010 mehr als 86.000 Tweets abgesetzt.

Dennoch ist das journalistische Kerngeschäft nach wie vor geprägt durch Nachricht, Reportage und Feature als informierende Darstellungsformen sowie Kommentar, Rezension und Glosse als meinungsbetonende Beiträge. Verständlichkeit ist immer noch die oberste Maxime journalistischen Sprachgebrauchs. Auf die Nachrichtenauswahl folgen auch 2016 im Idealfall quellenkritische Recherche, die Produktion und die mediengerechte Präsentation journalistischer Inhalte. Diese Kapitel des Buches haben also zeitlosen Charakter. Der Abschnitt über Redaktionsmanagement (S. 187-221) spielt heute hingegen im crossmedialen Newsroom. Und wenn Stephan Ruß-Mohl externe Einflüsse auf den Journalismus durchdekliniert, warnt er vor der Kraft des ,native advertising‘, welche die Glaubwürdigkeit untergrabe (vgl. S. 227). Auch Medienrecht, Ethik und die Qualitätsdebatte werden gestreift, bevor der Autor mit einem eher skeptischen Ausblick auf die Folgen der Digitalisierung für den Journalismus den Schlussakkord setzt. All diesen Facetten der beruflichen Praxis von Journalisten widmet sich Ruß-Mohl mit der Kompetenz und Erfahrung einer rund vier Jahrzehnte umfassenden Karriere als Wissenschaftler und Publizist. Dazu garniert er seine Ausführungen mit höchst aktuellen, praktischen Beispielen, etwa zur Berichterstattung über die Ereignisse der Silvesternacht in Köln 2015 (S. 98).

Wer Breite will, muss jedoch zuweilen auf Tiefe verzichten, das gilt im Journalismus ebenso wie beim Bücherschreiben: Auf weniger als einer Seite erklärt Ruß-Mohl die Grundzüge der Wissenskluft-Hypothese, gibt ihr einen zeitgemäßen Dreh, lässt die ,filter bubble‘ einfließen und leitet dann zu den Sinus-Milieus und ihrer Bedeutung für die Zielgruppenbestimmung über (S. 36). Da lässt es sich kaum vermeiden, dass der an Details interessierte Leser an anderer Stelle nachschlagen muss. Die Themenfülle unterstreicht letztlich den Anspruch des Autors, eine umfassende und leicht konsumierbare Einführung anzubieten.

Dennoch mutet die Gewichtung der Themen gelegentlich eigenwillig an. So ist dem Feature, das Ruß-Mohl als eine der anspruchsvollsten Darstellungsformen führt, eine halbe Seite gewidmet (S. 62), auf einer guten Seite werden die Fallstricke redaktioneller Budgetierung abgehandelt (S. 219). Bemühungen um eine geschlechtergerechte Sprache geißelt der Autor als „krampfhafte Korrekturen des Sprachgebrauchs“, was ihm ebenfalls eine Seite wert ist (S. 82). Da scheinen persönliche Vorlieben – oder eher: Abneigungen – eine größere Rolle gespielt zu haben als die Relevanz der behandelten Phänomene.

Altgediente Journalisten mag die Lektüre passagenweise mit Wehmut erfüllen, lässt sich die Publikation doch auch als Abgesang auf die schöne alte Medienwelt lesen, wie wir sie kannten und wie sie nie mehr sein wird. So gesehen ist es eine gute Nachricht, dass Stephan Ruß-Mohl Neulinge durch sein Werk mit den Konstanten und Umbrüchen eines Berufsfelds vertraut macht, ihnen aber auch jegliche Illusionen über den vermeintlichen Traumberuf Journalist nimmt.

Literatur:

  • Eimeren, Birgit van; Beate Frees: Fast 50 Millionen Deutsche online – Multimedia für alle? Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2010. In: Media Perspektiven, 7-8, 2010, S. 334-349
  • Engel, Bernhard; Christian Breunig: Massenkommunikation 2015: Mediennutzung im Intermediavergleich. Ergebnisse der ARD/ZDF-Langzeitstudie. In: Media Perspektiven, 7-8, 2015, S. 310-322
  • Koch, Wolfgang; Beate Frees: Dynamische Entwicklung bei mobiler Internetnutzung sowie Audios und Videos. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. In: Media Perspektiven, 9, 2016, S. 418-437
  • Ridder, Christa-Maria; Bernhard Engel: Massenkommunikation 2010: Mediennutzung im Intermediavergleich. Ergebnisse der 10. Welle der ARD/ZDF-­Langzeit­studie zur Mediennutzung und -­bewertung. In: Media Perspektiven, 11, 2010, S. 523-536

Links:

Über das BuchStephan Ruß-Mohl: Journalismus. Das Lehr- und Handbuch. 3., komplett überarbeitete Neuauflage. Frankfurt/M. [Frankfurter Allgemeine Buch] 2016, 320 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseStephan Ruß-Mohl: Journalismus. Das Lehr- und Handbuch. von Werner, Petra in rezensionen:kommunikation:medien, 8. Dezember 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19666
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Rezensent/in
Prof. Dr. Petra Werner ist Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Informationswissenschaft an der TH Köln. Im Studiengang „Online-Redakteur“ vertritt sie den Bereich Journalistik. Sie ist Mitglied im interdisziplinären Forschungsschwerpunkt „Digitale Technologien und Soziale Dienste – DiTeS“ an der TH Köln.