Kefa Hamidi: Zwischen Information und Mission. Journalisten in Afghanistan

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Rezensiert von Guido Keel

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Seit den 1970er-Jahren hat sich in der Journalismusforschung eine bestimmte Form von Berufsfeldstudien etabliert, die seither für zahlreiche Länder Anwendung fand: Zunächst werden dabei die gesellschaftlichen, normativen und organisatorischen Einflussfaktoren eines Landes analysiert, die die Situation des Journalismus und der Journalisten vor Ort prägen. In einem zweiten Schritt wird die Berufsgruppe anhand persönlicher Befragungen selbst untersucht, woran sich ein Vergleich der erhobenen Merkmale und Einstellungen mit ihrer Arbeit anschließt. Die vorliegende Veröffentlichung von Kefa Hamidi reiht sich in dieses Schema ein. In seiner Dissertation über Journalisten in Afghanistan untersucht er die gängigen Dimensionen, darunter Soziodemografie, Berufszufriedenheit, ethische Maßstäbe, Publikumsbild, Rollenselbstverständnis und Berichterstattungsmuster. Abschließend vergleicht er das ermittelte Bild aus Afghanistan mit verwandten Ländern sowie mit Daten aus Deutschland und den USA.

Mit seinen allgemeinen Ausführungen zum Zusammenhang zwischen Gesellschaft, Journalismus und dessen Akteuren bewegt sich Hamidi zu Beginn auf etablierten, aber bereits ausgetretenen Pfaden (vgl. Weischenberg 1995; Weischenberg/Löffelholz/Scholl 1993, 1994; Shoemaker/Reese 1990; Hanitzsch 2004). Einzig im Unterkapitel Journalismus in Entwicklungsländern (S. 51ff.) weicht er vom üblichen Aufbau ab, indem er darauf hinweist, inwiefern sich die Situation in Ländern wie Afghanistan grundsätzlich von derjenigen in westlichen Demokratien unterscheidet. Ebenfalls von besonderem Interesse ist das Kapitel zum Umfeld der Journalisten in Afghanistan (S. 142ff.). Auf 50 Seiten beschreibt der Autor darin das dortige Mediensystem: Dabei geht er auf die sozialen und politischen Strukturen des Landes ein, um dann die öffentliche Kommunikation, medienpolitischen Rahmenbedingungen und massenmedialen Strukturen zu erläutern. Schließlich beleuchtet er, wie Journalisten in Afghanistan ausgebildet werden und organisiert sind. Dadurch entsteht das Bild eines Landes, das sich seit 2001 in einem fundamentalen Wandel befindet: Die Medienrechte wurden zunehmend liberalisiert, die publizistischen Angebote erweitert. Im Zuge dessen konnte sich ein duales Mediensystem herausbilden, was in Afghanistan zu einer neuen „Ära der Freiheit“ (S. 192) führte.

Ausgehend von diesem Befund kommt der Autor zum Kern seiner Untersuchung: der quantitativen Befragung von 29 afghanischen Journalistinnen und 166 Journalisten. Dabei beschränkt sich Hamidi, unter anderem aus Sicherheitsgründen, geografisch auf zwei Regionen, die stellvertretend für das urbane und das ländliche Afghanistan stehen: die Hauptstadt Kabul und die östliche Provinz Jalalabad.

Die Präsentation der Daten im Buch folgt immer dem gleichen Muster: Die Erkenntnisse der Befragung werden Variable für Variable erst rein deskriptiv präsentiert, teilweise ergänzt durch Faktorenanalysen. Die Daten werden jedoch kaum an vorab formulierten Hypothesen oder Modellen gemessen. Dieser Darstellung der Daten folgt eine Signifikanzprüfung, die zumeist mit der Feststellung endet, dass Einflussfaktoren wie Geschlecht, Altersgruppe oder Ethnizität für ermittelte Differenzen zwischen verschiedenen Untergruppen nicht bedeutsam sind. Ebenfalls werden die Befunde größtenteils weder eingeordnet noch interpretiert.

Der fehlende Kontext zeigt sich beispielsweise bei der Untersuchung der Gehälter. So stellt der Autor fest, dass die Löhne der Journalisten in Afghanistan relativ gut sind, erkennbar an der Tatsache, dass 68% der Befragten über 10.000 Afghani (ca. 200 Euro) im Monat verdienen (S. 196). Wie hoch allerdings das allgemeine Lohnniveau in Afghanistan ist und wie sich das durchschnittliche Gehalt von Journalisten mit dem anderer Berufsgruppen vergleichen lässt, bleibt offen. Weiter beschreibt der Autor, dass „Großverdiener“ (mehr als 20.000 Afghani monatlich) vor allem unter den tadschikischen Journalisten zu finden seien, während „die meisten Kleinverdiener paschtunische Journalisten (44 von 62) sind“  (S. 197). Es fehlt aber eine Interpretation, weshalb das so sein könnte, oder eine Erläuterung, inwiefern eine Betrachtung der Löhne nach Ethnizität relevant ist.

Obwohl er die Situation des Journalismus in Afghanistan im Theorieteil akribisch aufgearbeitet hat, setzt Hamidi seine Ergebnisse kaum damit in Bezug. Dies zeigt sich insbesondere an seiner Untersuchung der ethischen Maßstäbe (S. 209ff.): Der Autor prüft diesen Aspekt mithilfe von Indikatoren, die bei Journalistenbefragungen für andere Länder gebräuchlich sind. Auf die Kodices, die für afghanische Journalisten relevant sind und die er selbst ausführlich erörtert hat (vgl. S. 174f.) geht er aber mit keinem Wort ein.

Weiter sind im empirischen Teil wiederholt widersprüchliche Erkenntnisse beschrieben. So ist im Unterkapitel „Berufliche Typologie der Journalisten“ (S. 243f.) zu lesen, dass das berufliche Rollenselbstverständnis klar von dem des Informationsvermittlers dominiert werde, vor dem Mediator und dem Dienstleister, während der Missionar erst auf Rang vier folgt. Im Zwischenfazit (S. 261) schreibt Hamidi aber: „Das zweitwichtigste Kommunikationsziel für die Befragten war der werteorientierte bzw. missionarische Journalismus.“

Ferner zieht der Autor gelegentlich Schlüsse, die nur schwer nachvollziehbar sind, zum Beispiel, dass privatwirtschaftliche Medienorganisationen attraktive Arbeitsplätze für Journalisten mit höheren Abschlüssen seien (S. 200). Er misst dies daran, dass fast 76% der Journalisten mit Bachelor-Abschlüssen bei diesen Organisationen arbeiten, während nur 18% davon bei staatlichen Medien tätig seien. Dabei übersieht der Autor aber, dass in seiner Stichprobe Journalisten von privaten Medien grundsätzlich rund vier Mal häufiger vertreten sind. Misst man die Journalisten mit Bachelor-Abschluss an der Zahl aller Journalisten pro Medientyp, wird ersichtlich, dass es kaum Unterschiede zwischen den Journalisten privater (46% mit Bachelor-Abschluss) und staatlicher Medien (43%) gibt. Teilweise werden so Unterschiede zwischen Teilgruppen als „auffällig“ beschrieben, obwohl sie minimal und statistisch nicht signifikant sind, wie der Autor in den Regressionsanalysen selbst feststellt.

Zusammenfassend ist diese Publikation eine nach wissenschaftlichen Prinzipien und in der Tradition von Journalistenbefragungen durchgeführte Untersuchung einer Gruppe von Journalisten, über die bisher keine Daten vorlagen. Kefa Hamidi beschreibt zunächst umfangreich die Rahmenbedingungen für den Journalismus in Afghanistan. Darauf folgt ein detaillierter Datenbericht über eine Auswahl an Journalisten, die in der Einschätzung des Autors (S. 114) repräsentativ für Afghanistan ist. Damit schließt er eine Lücke in der empirischen Journalismusforschung.

Als Leser wünscht man sich jedoch, dass sich die Studie weniger am Anspruch an Vollständigkeit und systematischer Beschreibung orientiert hätte. Es wäre mutiger gewesen, bestimmte Hypothesen bzw. Zusammenhänge zu untersuchen sowie eine eigenständige Interpretation der gewonnenen Daten zu verwirklichen. Ein Fokus auf die in den Augen des Autors relevantesten Erkenntnisse würden den Wert der Arbeit stark erhöhen. Es bleibt zu hoffen, dass es Hamidi nicht bei dieser Präsentation seiner Erkenntnisse bewenden lässt. Nachdem der Pflichtteil erledigt ist, sollte er sich mit seinen einzigartigen Daten in weiteren Publikationen auf die besonderen Eigenschaften des Journalismus in Afghanistan konzentrieren.

Literatur:

  • Hanitzsch, Thomas: Journalismus in Indonesien. Akteure, Strukturen, Orientierungshorizonte, Journalismuskulturen. Wiesbaden [Deutscher Universitäts-Verlag] 2004.
  • Shoemaker, Pamela J.; Stephen D. Reese: Mediating the message. Theories of Influences on Mass Media Content. New York/London [Longman] 1990.
  • Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Band 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995.
  • Weischenberg, Siegfried; Martin Löffelholz; Armin Scholl: Journalismus in Deutschland. Design und erste Befunde der Kommunikatorstudie. In: Media Perspektiven, 1, 1993, S. 21-33.
  • Weischenberg, Siegfried; Martin Löffelholz; Armin Scholl: Journalismus in Deutschland II. Merkmale und Einstellungen von Journalisten. In: Media Perspektiven, 4, 1994,  S. 154-167.

Links:

Über das BuchKefa Hamidi: Zwischen Information und Mission. Journalisten in Afghanistan: Berufliche Merkmale, Einstellungen und Leistungen. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2016, 340 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseKefa Hamidi: Zwischen Information und Mission. Journalisten in Afghanistan. von Keel, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 4. November 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19585
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Rezensent/in
Dr. Guido Keel ist Dozent am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten in der Forschung gehören Qualität im Journalismus, Wandel im Journalismus und Journalismus in nicht-europäischen Kontexten.