Paul Henkel: Nicht ohne Facebook

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Stephan Mündges

Paul Henkel: Nicht ohne FacebookEinzelrezension
Für einen Wissenschaftler gibt es wenig Undankbareres als einen Untersuchungsgegenstand, der sich rasant und auf nahezu unvorhersehbare Weise verändert. Paul Henkel hat mit seiner Studie zu den Aktivitäten deutscher Regionalzeitungen auf Facebook daher Mut und Weitsicht bewiesen. Denn in seinem Untersuchungszeitraum von September 2011 bis Juli 2012 war bei weitem nicht abzusehen, dass Facebook im Diskurs über Digitalen Journalismus einmal eine derart beherrschende Rolle spielen würde, wie es heute der Fall ist. Henkels Einschätzung, dass Facebook weiter an Bedeutung gewinnen würde, hat sich als absolut richtig erwiesen.

In seiner Dissertation im Fach Journalistik erforscht er anhand einer quantitativen Online-Befragung, welche Wünsche Nutzer an Facebook-Auftritte regionaler Tageszeitungen stellen. In einem nächsten Schritt überprüft er mit einer Inhaltsanalyse, inwiefern diese Wünsche von ausgewählten Regionalzeitungen erfüllt werden. Anhand von Leitfadeninterviews mit verantwortlichen Redakteuren bietet Henkel schließlich einen Einblick in die Arbeitsweisen und Innensichten ausgewählter Redaktionen. Sehr detailliert arbeitet der Autor unterschiedlichste Fragen ab, die sich Redaktionen bei der Gestaltung eines Facebook-Auftritts stellen: von einer möglichen Autorenkennzeichnung über die Einbindung von Fotos und Videos bis zu partizipativen Elementen, die die untersuchten Redaktionen seinen Ergebnissen nach zögerlich einsetzen. Henkels Studie hatte daher zur Zeit des Untersuchungszeitraums höchste praktische Relevanz. Ein Beispiel dafür, wie sich kommunikationswissenschaftliche Forschung gewinnbringend in zumeist ausschließlich von Praktikern geführte Diskussionen einbringen kann.

Paul Henkel sieht in Sozialen Netzwerken im Allgemeinen und in Facebook im Speziellen durchweg Vorteile, die teils auch in der Praxis wahrgenommen werden: Grundlegend könne das Netzwerk das Zeitungsimage aufpolieren und die Leser-Blatt-Bindung verstärken. Dabei ermögliche es echten partizipativen Journalismus und Diskurse, die auf Augenhöhe geführt werden. Hier könnten die Facebook-Nutzer den Zeitungen zudem als Informationsquellen dienen. Außerdem liefert die Facebook-Präsenz den Webseiten der Zeitungen mehr Traffic (vgl. S. 62-69; 134-137).

Einiges davon ist auch gegenwärtig noch Realität, allerdings sind auch viele Nachteile zu Tage getreten, deren Anfänge der Autor auch schon vor drei bis vier Jahren hätte erahnen können: Verlage werden vom Traffic-Lieferanten Facebook eben auch abhängig. Deshalb wird mittlerweile intensiv über medienpolitische Maßnahmen zur Regulierung so genannter Informationsintermediäre diskutiert. Denn solche Dienste, zu denen neben Sozialen Netzwerken auch Suchmaschinen gehören, nehmen eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Inhalten auf der einen und Nutzern auf der anderen Seite ein (zur Diskussion in Deutschland siehe Schulz/Dankert 2016). Auch die Bedeutung und Arbeitsweisen des Newsfeed-Algorithmus, der bestimmt, welche Inhalte auf der Startseite jedes einzelnen Nutzers angezeigt werden, wird leider nur ein einziges Mal in einem der Leitfadeninterviews gestreift (S. 220).

In der Diskussion um Facebook als möglicher Echokammer, also einem Kommunikationsraum, in dem nur das widerhallt, was der eigenen Meinung ohnehin entspricht, ist dieser Mechanismus wesentlich. Ob Facebook wirklich das Entstehen von Echokammern begünstigt, dazu gibt es in der Forschung keinen Konsens. Als Ausgangspunkt der Kritik, die sich vorwiegend auf personalisierte Nachrichtenfeeds im Allgemeinen anwenden lässt, wird zumeist Pariser (2011) genannt. Facebooks eigene Forschungsabteilung widerspricht (vgl. Bakshy et al. 2015).

Auch wenn eine kritische theoretische Auseinandersetzung fehlt: Mit seinem mehrmethodischen Studiendesign deckt Henkel den Forschungsgegenstand umfassend ab. Allerdings bieten Untersuchungen des Nutzungsverhaltens im Digitalen ganz neue Möglichkeiten, die Henkel leider weder nutzt noch anspricht. Er befragt zwar Nutzer nach ihren Vorlieben und Wünschen. Allerdings werden Nutzungsdaten von Facebook auch direkt erhoben und Betreibern von Facebook-Seiten zugänglich gemacht. Die Frage, welche Inhalte auf Facebook also gut funktionieren, könnte man – sofern Seitenbetreiber die Daten zur Verfügung stellen – auch damit beantworten. In der vorliegenden Studie sucht man diesen Aspekt jedoch vergeblich.

Spannend werden die Ergebnisse, setzt man sie in Bezug zu den heutigen Nutzungs- und Publikationsmustern. Facebook hat diese Muster durch technische Vorgaben enorm beeinflusst: Videos wurden beispielsweise im Untersuchungszeitraum von den analysierten Seiten kaum genutzt und von den Nutzern auch nicht verlangt (S. 162). Seit Facebook etwa ab 2014 eine Video-Offensive startete, haben sich vermutlich sowohl die Nachfrage als auch das Angebot um 180 Grad gedreht.

Genau hier liegt der Charme der Studie: Sie eignet sich als Ausgangspunkt, um die rasanten Veränderungen auf und durch Facebook nachzuvollziehen. Denn die Liste dessen, was zu jener Zeit glasklar, nunmehr aber doch ganz anders ist, ließe sich fortsetzen: von der Frage, wie viele Facebookseiten eine Medienmarke überhaupt betreiben sollte bis zum großen Konflikt, ob die Plattform als Trafficlieferant für andere Webpräsenzen dienen sollte oder die Redaktionen über ‘Instant Articles’ lieber gleich im Sozialen Netzwerk publizieren.

Auf diese Weise eröffnet die Publikation ein breites Feld offener Fragen, für die es mehr Wissenschaftler braucht, die sich an diesen schnelllebigen Forschungsgegenstand herantrauen.

Literatur:

  • Bakshy, Eytan; Solomon Messing; Lada A. Adamic: Exposure to ideologically diverse news and opinion on Facebook. In: Science, 348(6239), 2015, S. 1130-1132
  • Pariser, Eli: The filter bubble. What the Internet is hiding from you. New York [Penguin Press] 2011
  • Schulz, Wolfgang; Kevin Dankert: Die Macht der Informationsintermediäre. Erscheinungsformen, Strukturen und Regulierungsoptionen. Bonn [Friedrich-Ebert-Stiftung] 2016. Die Publikation ist hier als PDF verfügbar.

Links:

Über das BuchPaul Henkel: Nicht ohne Facebook. Neue Chancen für regionale Tageszeitungen in sozialen Netzwerken. Marburg [Tectum Verlag] 2014, 277 Seiten, 24,95 Euro.Empfohlene ZitierweisePaul Henkel: Nicht ohne Facebook. von Mündges, Stephan in rezensionen:kommunikation:medien, 7. Oktober 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19457
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Rezensent/in
Stephan Mündges ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Dort forscht er zur digitalen Transformation des Journalismus. Außerdem ist er als Reporter und Redakteur für das ZDF mit einem Schwerpunkt auf neue Technologien tätig.