Alexa Robertson: Global News

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Nina Springer

Alexa Robertson: Global News. Reporting Conflicts and CosmopolitanismEinzelrezension
Alexa Robertson ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Stockholm. Mit ihrer Veröffentlichung Global News legt sie eine komparative Analyse der Darstellungen und Arbeits­weisen globaler Nachrichten-Redaktionen vor, die sich in ihre umfassende Publikationsliste zu (medienvermitteltem) Kosmopolitismus und der Untersuchung grenzüberschreitender TV-Nachrichten einfügt (S. 4). Die Studie wurde durch den Swedish Research Council gefördert und verortet sich im Kontext film-, kultur- und medien­­wissen­schaftli­cher bzw. kritischer Theorie (S. 18, 63). Verfolgt werden mehrere forschungsleitende Frage­stellungen (S. 13): 1) Wie berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter globaler Nachrichten-Redaktio­nen über die Welt und wie verstehen sie diese Arbeit? 2) Wie angemessen sind Generalisie­run­gen über ,globale Medien’ und ,globale Nachrichten-Redaktionen’ und was lässt sich aus einer komparativen Analyse lernen? 3) Wie verhält sich Theorie zu Praxis? Kommt der ,Blick aus dem akademischen Elfenbeinturm’ dem Blick aus den Redaktionen gleich?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden Beiträge zweier etablierter TV-Sender des Mainstreams (BBC World und CNN International) sowie zweier ,gegen-hegemonialer’ Konkurrenten (Al Jazeera English und Russia Today) untersucht und ergänzend Interviews mit Mitarbeitern von Al Jazeera English und Russia Today geführt. Im Zentrum stehen die Ergebnisse verschiedener Analysen, die aus den Forschungs­fragen abgeleitet werden (S. 38): Die erste Analyse erhebt das numerische Vorkommen globaler Krisen in den Schlagzeilen von Sendungen aller vier Kanäle. Die zweite Analyse untersucht Charakteristika der Berichterstattung über den Arabischen Frühling sowie die Rolle der Sozialen Medien hierin. Die dritte Analyse erhebt, wie BBC World und Al Jazeera English diskursive Verbindungen zwischen den Personen vor Ort (zivile wie journalistische Augenzeugen) und den Personen herstellen, die die Ereignisse aus der Ferne erleben (Moderatoren bzw. Zuschauer). In einem vierten Teilprojekt werden die Inhalte der non-fiktionalen Magazinreihe Surprising Europe auf Al Jazeera English, die Europa aus den Augen afrikanischer Einwanderer erzählt, einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen.

Knapp zusammengefasst schlussfolgert Robertson aus dem vorliegenden Material, dass die Welten, wie sie auf den vier Kanälen dargestellt werden, auch Paralleluniversen sein könnten. Daher hält die Autorin es für unangebracht, globale Nachrichten als kohärentes Ganzes oder Allerwelts­pro­dukt zu begreifen (S. 110): Die beiden Mainstream-Sender berichten über inter­nationa­le Begebenheiten pflichtbewusst konform der britischen bzw. US-amerikanischen Regierungslinien; sie greifen als Quellen überwiegend auf Mitglieder der Regierung und politische Eliten zurück und übernehmen deren Sichtweisen (S. 111). Insbesondere CNN International fülle das Programm häufig mit TV-Sprechern, und BBC World-Berichte werden vor allem von ,weißen Männern in den besten Jahren’ mit britischem Akzent geliefert (S. 111).

Die Darstellungen der ,gegen-hegemonialen’ Sender heben sich der Autorin zufolge hiervon klar ab, aber auch zwischen ihnen liege eine ,Welt an Unterschieden’ (S. 112): In Russia Today findet sich eher Konflikt als Kosmopolitismus, und die Berichte seien vor allem durch einen Deutungsrahmen strukturiert, der auf den Kalten Krieg rekurriert: Wenn Dinge schief laufen, haben in der Welt von Russia Today meist die USA, England und die Europäische Union daran Schuld – bzw. die Kräfte der freien Märkte, auf die diese Staaten setzen. In der Nachrichtenwelt von Russia Today stelle das auch kein Problem dar, weil es nicht gut um diese Staaten und den Kapitalismus stehe und die Tage der westlichen Vorherrschaft gezählt seien (S. 112). Für Al Jazeera English hingegen konnte Robertson keine solchen strategischen Narrative finden. Die Autorin bescheinigt dem Sender, ein kosmopolitischer, globaler Kanal in jedem Sinn des Wortes zu sein (S. 113): Sein Fokus liege auf Menschen anstatt auf Staaten oder politischen Eliten, und er baue auf mehr Reporter vor Ort, die außerdem häufiger einheimisch und weiblich sind – zumindest im Zeit­rahmen der Untersuchung, in den auch Phasen des Arabischen Frühlings fielen (S. 115). Zugleich sei die Welt von Al Jaazera English ,kleiner’ als die der anderen Sender, weil globale Nachrichten in gleicher Weise wie lokale behandelt werden (S. 115f.).

Abschließend wird das Verhältnis von Forschung und Empirie bzw. journalistischer Praxis disku­tiert (S. 116-121): Wie angemessen sind theoretische Konzepte und Zugänge? Können wir uns ein umfassendes Bild über globale Nachrichten machen, wenn stets die großen Medienhäuser im Fokus der Forschung stehen? Wie lässt sich erheben, welchen Beitrag globale Nachrichtensender zu unserer Wahrnehmung der Welt leisten? Dieses Kapitel reflektiert damit die Grenzen dessen, was das Projekt leisten konnte und zeigt zugleich auf, wie die Forschung in diesem Bereich weiterkommen könnte.

Für sozialwissenschaftlich ausgerichtete Forschende ist es inspirierend, sich auf die aufbereiteten medienwissenschaftlichen Theoriediskurse einzulassen. Zugleich hätte die Framing- oder Stereotypenforschung auch Inspiration für konkrete Operationalisierungen liefern können (z. B. S. 25, 63f.). Genauere Beschreibungen und Begründungen für die Auswahl von Teilstichproben, Erläuterungen zur Codierung des audio-visuellen Materials, das Ausweisen von Reliabilitäts­koeffizienten und die Veröffentlichung des Codebuchs bzw. Kategorien­systems im Anhang hätten die intersubjektive Nachvollziehbarkeit noch unterstützt (vgl. z. B. Gerhards/Schäfer/Al-Jabiri/Seifert 2011; Rössler 2008). Dafür legt das Buch großen Wert auf empiriebasierte Argumentation und narrative Ästhetik. Insgesamt lebt es von seiner kritischen Perspektive, die Denkanstöße bietet, und Journalismus auch in Verbindung mit strategischer Kommu­nikation bringt (S. 24-36). Es vermittelt einen guten Überblick über die Diskussionen der Konzepte in den berücksichtigten Theorietraditionen und kann dadurch die Augen für Probleme und begriffliche Unschärfen öffnen, die häufig gar nicht erst reflektiert werden – wie die Diskussion des Kernkonzepts ,globaler News’ beispielhaft zeigt (S. 8-11).

Literatur:

  • Gerhards, Jürgen; Mike S. Schäfer; Ishtar Al-Jabiri; Juliane Seifert: Terrorismus im Fernsehen. Formate, Inhalte und Emotionen in westlichen und arabischen Sendern. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2011.
  • Rössler, Patrick: Gütekriterien bei international vergleichenden Inhaltsanalysen. In: Melischek, Gabriele; Josef Seethaler; Jürgen Wilke (Hrsg.): Medien & Kommunikationsforschung im Vergleich: Grundlagen, Gegenstandsbereiche, Verfahrensweisen. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 419-434.

Links:

Über das BuchRobertson, Alexa: Global News. Reporting Conflicts and Cosmopolitanism. New York u. a. [Peter Lang] 2015, 159 S., 31,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseAlexa Robertson: Global News. von Springer, Nina in rezensionen:kommunikation:medien, 7. Oktober 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19402
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Rezensent/in
Dr. Nina Springer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Journalismusforschung sowie Online-Kommunikation und Internet-Öffentlichkeit. Aktuell beschäftigt sie sich vor allem mit der Repräsentation von Konflikten und Perspektivenvielfalt in der Öffentlichkeit sowie mit dem Themenbereich 'Medien und Migration'.