Matthias Potthoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Medienwirkungsforschung

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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Matthias_Potthoff_Schluesselwerke-bearbEinzelrezension
Sammlungen und knappe Darstellungen von Schlüsselwerken oder Klassikern einer bestimmten Disziplin haben in den Sozialwissenschaften offenbar Konjunktur, wie Herausgeber Matthias Potthoff in seinem Vorwort zu den Schlüsselwerken der Medienwirkungsforschung betont. Lehrende können mit ihnen – angesichts einer unentwegt zerfasernden Spezialisierung der Forschung – den ehrwürdigen Anspruch eines anerkannten Fachverständnisses, wenn nicht gar einer Kanonbildung aufrecht erhalten. Die Studierenden, von denen wohl nur noch die wenigsten an der Erarbeitung der Tradition und Breite einer ganzen Disziplin interessiert sind, können sich so schnell einen kompakten Überblick über unumgängliche Grundlagen verschaffen. Entsprechend sehen die Verlage in dieser Readergattung neben den obligatorischen Handbüchern ein passables, absatzträchtiges Format, um jenen Bedürfnissen entgegenzukommen.

Natürlich steht und fällt so eine Sammlung mit der Auswahl: einmal hinsichtlich der zu definierenden und damit eindeutig zu objektivierenden Teil-Disziplin, zum anderen hinsichtlich der Werke, die ausgewählt und hervorgehoben werden. Das ist auch hier gegeben, wie Potthoff eingangs offen und plausibel darlegt: Trotz etlicher Einführungen und Übersichten ist Medienwirkungsforschung keineswegs so homogen und klar konturiert, wie sie meist nur schlichte Modelle präsentieren. Potthoff porträtiert daher knapp die einzelnen Bestandteile Medien, Wirkung und Forschung (S. 7-11) und kommt dann zu seiner wenig überzeugenden und lesbaren Definition, wonach Werke berücksichtigt wurden, „die Ergebnisse einer systematischen Suche nach Erkenntnissen darüber enthalten, welche Phänomene unter welchen Voraussetzungen auf welche Weise und in welcher Intensität vom den Konsum von über technische Verbreitungsmedien vermittelnden Botschaften oder der Einführung neuer Medientechnologien in einer Gesellschaft kausal abhängig sind“ (S. 11). Betont werden also die subjektive Rezeption von Medienbotschaften, ein weitgehend technischer Begriff der Massenmedien und ausschließlich kausal konzipierte Wirkungszusammenhänge, die im herkömmlichen Wissenschaftsverständnis vor allem empirisch-quantitativ untersucht werden. Unbeachtet bleiben damit funktionale Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten sowie interpretativ-qualitative Zugänge.

Pragmatischer und daher kaum kritisierbar erfolgte die Auswahl der 25 Schlüsselwerke. Potthoff greift dabei auf seine zusammen mit Siegfried Weischenberg und wissenschaftlichen Mitarbeitern 2013 durchgeführte bibliometrische Erhebung zurück, welche Autoren und Werke in den beiden deutschsprachigen Fachorganen Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft (früher: Rundfunk und Fernsehen) zwischen 1970 und 2010 am häufigsten zitiert wurden und sonderte dann originäre, zur Medienwirkungsforschung zu zählende aus. Daher sind Verbreitung und Ansehen mithin die fördernden Kriterien. So kommt eine für die deutschsprachige Kommunikationswissenschaft typische, allerdings auch zeitbedingte Sammlung von ausschließlich deutsch- und englischsprachigen Werken zusammen. Sie beginnt in chronologischer Reihe 1940 mit anerkannten amerikanischen Klassikern, verengt sich aber mit den 1980er Jahren (S. 173ff.) auf fast ausschließlich deutsche Werke, unter denen die Vertreter und das Umfeld der ‘Mainzer Schule’ mit teils doppelter Erwähnung dominieren (darunter Werner Früh und Klaus Schönbach). Die Liste endet 2003 mit Bertram Scheufeles umfangreicher Aufarbeitung und empirischen Überprüfung des interpretativen Framing-Ansatzes (S. 309-323).

Davor werden nahezu alle relevanten Leitbilder und Ansätze der Medienwirkungsforschung exemplarisch abgehandelt – mit Ausnahme der zeitweise vorherrschenden Gewaltwirkungsforschung, der Lerntheorie und den inzwischen vielfach favorisierten Ansätzen zu emotionalen Wirkungen. Beispielsweise wird zunächst unter dem Titel The Invasion from Mars anhand Orson Welles’ Radiohörspiel The War of the Worlds das Konzept der angeblich starken Medienwirkungen bis hin zu Panikverursachung aufgezeigt. Es finden sich weitergehend die Studien der begrenzten Wirkungen, des Zweistufenflusses der Kommunikation und der Meinungsführerschaft unter Leitung von Paul Felix Lazarsfeld, Carl I. Hovlands Experimente zur persuasiven Kommunikation sowie die Ausführungen von Donald Horton und R. Richard Wohl zur parasozialen Interaktion. Auch Joseph T. Klappers Übersicht zu begrenzten Medienwirkungen und der Verstärkerthese und Everett M. Rogers Diffusionsansatz fehlen nicht. Weitere aufgenommene Schlüsselwerke sind u. a. der Agenda-Setting-Ansatz von Maxwell E. McCombs und Donald L. Shaw, George Gerbners Kultivierungsthese, Bernward Wembers Modell der Text-Bild-Schere im Fernsehen (als in diesem Kontext gänzlich unerwartete Ausnahme), Elisabeth Noelle-Neumanns Schweigespirale, Wolfgang Donsbachs Systematisierung der Selektionsforschung bei der Zeitungsrezeption sowie Studien von Werner Früh, Klaus Schönbach, Hans Mathias Kepplinger wie auch Hans-Bernd Brosius‘ Beobachtungen zur medialen Eskalation bei fremdenfeindlichen Themen. Bei dieser Auswahl lassen sich aus diversen Perspektiven das eine oder andere Desiderat und manche ungerechtfertigte Kanonisierung registrieren.

Vorgestellt werden die Schlüsselwerke sowohl von anerkannten Experten als auch jüngeren Wissenschaftlern. Alle Artikel sind nach einem festen Schema aufgebaut: Es beginnt mit einem Abstract und schließt eine Kurzbiografie des Autors bzw. der Autoren an. Darauf folgen eine ausführliche Darstellung des Textes bzw. der Studie, um ihren Beitrag zur Erkenntnisentwicklung und Paradigmensetzung nachvollziehen zu können, ferner eine Einordnung der Studie zum Gesamtwerk, eine Wirkungsgeschichte des Textes und kritische Beurteilung, sofern als notwendig erachtet, mitunter ein Fazit. Am Ende wird die Literatur der Autoren und relevante Sekundärliteratur aufgeführt. Querverweise zu anderen Artikeln und Ansätzen finden sich gelegentlich im laufenden Text; ein Register, mit dem man weitere Verbindungen hätte aufspüren können, fehlt.

Ohne Frage liegt mit der genannten Akzentuierung eine überaus informative und nützliche Grundlage vor, die eine Übersicht ermöglicht, aber nicht die etlichen einführenden Werke und Handbücher zur Medienwirkungsforschung ersetzt. Die auf deutsche Werke fokussierte Engführung am Ende könnte bei einer weiteren Auflage überprüft und – auch hinsichtlich neuerer Thematiken – modifiziert und erweitert werden.

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Über das BuchMatthias Potthoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Medienwirkungsforschung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016, 340 Seiten, 39,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseMatthias Potthoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Medienwirkungsforschung. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Juni 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19226
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013)