Clemens Apprich: Vernetzt

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Sebastian Gießmann

Clemens_Apprich_Vernetzt-bearbEinzelrezension

Clemens Apprich widmet sich mit Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft einem gerade erst vergangenen und doch sehr weit entfernt wirkenden Aufbruch Europas in die Netzwerkgesellschaft. Gegenstand des Buches sind die zivilgesellschaftlichen und medienaktivistischen Initiativen der 1990er Jahre, die den neuen digitalen Raum als Gestaltungs- und Spielfläche für alternative Gesellschafts- und Lebensentwürfe verstehen wollten.

Besonders prägnant führt der Autor dies anhand der kollektiven Organisation des Netzzugangs und des Aufbaus von urbanen ,digitalen Städten’ vor. Zwar kommt das klassische Beispiel De Digitale Stad Amsterdam hier zu seinem Recht, das bereits Kirsten Wagner (2006) ausführlich bearbeitet hat. Aber es geht Apprich ebenso um weniger bekannte Kultur- und Medieninitiativen wie die Internationale Stadt Berlin und den Netzplan wien.at, die die Möglichkeiten des jungen World Wide Webs seit 1994 auszuschöpfen versuchten.

Dieser Teil des Buches stellt den zeithistorischen Kern von Vernetzt dar, der durch die Skizzierung des neuen, netzkritischen Medienakteursfelds mit seinen typischen Mailinglisten wie z. B. nettime ergänzt wird. Auffällig ist dabei, dass Apprich zwar die damit seit Howard Rheingold (1993) fortwährend als ,virtuelle Gemeinschaft’ benannten Vergesellschaftungsformen adressiert, aber doch die physischen Orte und Treffpunkte der entsprechenden Initiativen betont. Wie sahen die Orte der kritischen Medienavantgarde aus? Welchen Charakter etwa hatten die Medienkunstplattform Public Netbase in Wien, die 2006 aus finanziellen Gründen eingestellt werden musste, die Mediencafés De Balie in Amsterdam und Backspace in London, das Medienlabor Ljudmila in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana oder das E-Lab in Riga (S. 45)? Die Antwort darauf wird nicht in Vernetzt gegeben, sondern im zusammen mit Felix Stalder herausgegebenen Sammelband Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa (Apprich/Stalder 2012). Dort finden sich die mustergültig aufgearbeiteten, verstreuten Schriften und Interviews mit den relevanten Akteuren, die man zu Apprichs Monografie hinzuziehen sollte.

Strukturell verweist diese Abwesenheit auf die methodische Herausforderung der dem Buch zugrunde liegenden Dissertation, die Clemens Apprich an der Berliner Humboldt-Universität verfasste. Der Autor, mittlerweile als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre for Digital Cultures der Universität Lüneburg tätig, hat nicht nur als Akteur das hier kartierte Feld durchmessen; darüber hinaus sind viele der von ihm interviewten para-akademischen und netzkritischen Stimmen wie Andreas Broeckmann, Pit Schultz und Katja Diefenbach weiterhin in medienwissenschaftlichen Diskursen präsent. Dieses schwierige ‘going native’ in das eigene Feld ist durch die Danksagungen des Vorworts präsent und hätte durchaus eine methodenkritische Markierung der eigenen Position nahegelegt (7f.). Dabei lässt Apprich keinen Zweifel daran aufkommen, dass sein Buch gegen die Großkommerzialisierung des WWW gerichtet ist und selbst einen aktivistischen Einsatz darstellt. Diese Anlage von Vernetzt ist Bedingung seiner Originalität. Sie besteht in einem im deutschsprachigen Raum selten gehörten Plädoyer zur politischen Ökonomie des Netzes, mit dem das Buch schließt. Apprich knüpft hier – angesichts des neuen Medienmilieus der globalisierten kommerziellen Plattformen, in dem „aus dem vernetzten Individuum eine Quelle permanenter Datenproduktion wird“ (139) – fast nahtlos an die von ihm besprochenen früheren Diskurse zu ,Taktischen Medien’ an.

Genau dies macht die Qualität seines Buches aus: Es ist in einem unbequemen Dazwischen situiert. Es ist nicht als interview-gestützte oder in teilnehmender Beobachtung durchgeführte Medienethnografie angelegt, sondern als eine zeitdiagnostische Mediengenealogie (15) – auch wenn deren bis in die Frühe Neuzeit zurückreichende kulturtechnische ,longue durée’ (Gießmann 2016), die damit verbundenen philosophischen Fragen (Friedrich 2015) und die historisch parallelen Leistungen der Akteur-Netzwerk-Theorie keine Rolle spielen. Tatsächlich steht hier die Medientheorie der Netzwerkgesellschaft in zweifacher Form auf dem Prüfstand. Anders lassen sich die Referate zu Jean-François Lyotard, Hans Magnus Enzensberger, Jean Baudrillard, Manuel Castells und zur konnektivistischen Netzwerktheorie kaum verstehen. Apprich prüft zum einen, wie sich die netzkritischen Initiativen an den entsprechenden philosophischen und soziologischen Texten abarbeiten, und zum anderen, wie der Medientheorie die gesellschafts- und ökonomiekritische Orientierung abhanden gekommen ist. Die Botschaft des Buches besteht in deren Wiedereinbettung in den medientheoretischen Diskurs, der als solcher „post-medial“ und „post-digital“ wird (171f.) – also die Quellen sozialer Macht und Handlungsinitiative und nicht ein technisch oder wissenschaftstheoretisch überhöhtes Medienverständnis zugrunde legen soll (vgl. Hellige 2015).

Tatsächlich zeigen Apprichs Theorieexkurse nachdrücklich, dass ein zeitgemäßes Vokabular und Analyseinstrumentarium für die digital vernetzten Medien eine kritische kultur- und sozialtheoretische Distanz zur medialen und technischen Operativität benötigt. Eine Gleichsetzung von zivilgesellschaftlichen sozialen Vernetzungsinitiativen und soziotechnischen Netzwerken als Infrastrukturen ist medientheoretisch kaum mehr produktiv. Erklärungen sozialer Vernetzung, die primär mediale Konnektivität betonen (vgl. Baxmann/Beyes/Pias 2014), werden deshalb in der rezenten Forschung durch stärker sozialtheoretisch fundierte Ansätze korrigiert. Die Dynamik der Entstehung von digitaler Sozialität wird mittlerweile z. B. aus der wechselseitigen, kooperativen Konstitution von Öffentlichkeiten und Infrastrukturen heraus erklärt (Schüttpelz 2016) – eine Diagnose, die sich anhand von Apprichs Buch bestens nachvollziehen lässt.

Dessen abschließendes Plädoyer für eine kritische Theorie der Netzwerkgesellschaft und ihrer Praktiken der Persönlichkeitsentwicklung und Regierung setzt dazu bei alten Bekannten an: Michel Foucault, Gilles Deleuze, Félix Guattari und Paolo Virno treffen hier auf Gilbert Simondons technikphilosophische Schriften. Andere Referenzen für eine politische Ökonomie des Netzes bleiben denk- und wünschbar. Apprichs lesenswertes Buch würdigt den Medienaktivismus der europäischen Medientheorie als „vergessene Zukunft“, in der eine andere Netzwerkgesellschaft erarbeitet werden sollte. Darin liegt sein zeitdiagnostischer und aktivistischer Verdienst, ebenso wie in der Anregung zur Neujustierung einer politischen Ökonomie der Medien.

Literatur:

  • Apprich, Clemens; Felix Stalder (Hrsg.): Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa. Bielefeld [transcript] 2012.
  • Baxmann, Inge; Timon Beyes, Claus Pias: Soziale Medien – Neue Massen. Zürich/Berlin [diaphanes] 2014.
  • Friedrich, Alexander: Metaphorologie der Vernetzung. Zur Theorie kultureller Leitmetaphern. München [Fink] 2015.
  • Gießmann, Sebastian: Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke. 2. Auflage. Berlin [Kadmos] 2016.
  • Hellige, Hans Dieter: Von der Hypermedia-Culture zur Cloud-Media-Culture. Der medieninformatische Diskurs im Wandel der digitalen Medienlandschaft. In: artec-paper, 205, 2015, S. 1-56. http://www.uni-bremen.de/fileadmin/user_upload/single_sites/artec/artec_Dokumente/artec-paper/paper_205.pdf, 27.05.2016.
  • Rheingold, Howard: The Virtual Community. Homesteading on the Electronic Frontier. Reading, MA [Addison-Wesley] 1993.
  • Schüttpelz, Erhard: Infrastrukturelle Medien und öffentliche Medien (Pre-Publication). In: Media in Action, 0, 2016. http://www.uni-siegen.de/phil/medienwissenschaft/forschung/mdk/literatur/schuettpelz_infrastrukturelle_medien.pdf, 27.05.2016.
  • Wagner, Kirsten: Datenräume, Informationslandschaften, Wissensstädte. Zur Verräumlichung des Wissens und Denkens in der Computermoderne. Freiburg [Rombach] 2006.

Links:

Über das BuchClemens Apprich: Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft. Bielefeld [transcript] 2015, 212 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseClemens Apprich: Vernetzt. von Gießmann, Sebastian in rezensionen:kommunikation:medien, 7. Juni 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19166
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Rezensent/in
Dr. Sebastian Gießmann ist Leiter der Werkstatt Praxistheorie Geschichte und Ethnographie der kooperativen Medienpraktiken im SFB Medien der Kooperation, Universität Siegen. Sein Habilitationsprojekt widmet sich der Mediengeschichte und politischen Ökonomie der Kreditkarte und des digitalen Bezahlens. Aktuelle Publikation: Susan Leigh Star. Grenzobjekte und Medienforschung. Bielefeld [transcript] 2016 (hrsg. mit Nadine Taha, in Vorbereitung).