Karl Bühler: Sprache und Denken. Hrsg. von Achim Eschbach

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Gerhard Benetka

Karl Bühler_Sprache und DenkenEinzelrezension
Der von Achim Eschbach herausgegebene Band versammelt neben der 1905 publizierten Straßburger Doktorarbeit Studien über Henry Home alle wesentlichen Schriften Karl Bühlers zur Denkpsychologie der Würzburger Schule. Es entspricht der Grundtendenz der gegenwärtigen Rezeption des Gesamtwerks Karl Bühlers, wenn Achim Eschbach in seiner Einleitung – Bühlers Formulierung der Tieferlegung der Fundamente aus der Krise der Psychologie (Bühler 1927) aufgreifend – dessen frühe Arbeiten aus der Perspektive der großen Sprachtheorie aus 1934 (Bühler 1934) gelesen und verstanden wissen will. Seine These, dass “die Sprachtheorie der Wiener Zeit“ – Bühler war 1922 von der TH Dresden auf ein Ordinariat für Philosophie an die Universität Wien berufen worden – “nichts anderes als die konsequente Weiterführung der Würzburger Denkpsychologie unter leicht modifizierten Vorzeichen gewesen“ (12) sei, ist durchaus plausibel, wenngleich sie aus den vorliegenden Texten allein nicht gar so leicht zu begründen ist.

Eschbach hat zunächst einmal Recht damit, wenn er meint, dass Bühler mit seiner Theorie der Sprache den auf das Individualpsychische beschränkten Zugriff der Psychologie aufgesprengt habe (vgl. 10). Aber gerade in den frühen Arbeiten zur Denkpsychologie ist das auf den ersten Blick hin eben nicht der Fall: Was Bühler mit seiner Habilitationsschrift zeigen wollte, ist, dass – im Gegensatz zu Wundt – eine Psychologie der höheren psychischen Funktionen, insbesondere aber eine Psychologie des Denkens nicht eines Umwegs über eine Völkerpsychologie, oder, wie wir heute sagen würden, nicht eines Umwegs über die Kulturpsychologie bedarf, sondern direkt experimentell, also – in der Terminologie Wundts – als “individuelle Psychologie“ betrieben werden kann.

Das Neue der Würzburger Psychologie gegenüber der Wundtschen Experimentalpsychologie liegt zunächst in der Methode: in der Methode der Introspektion von im Experiment erzeugten Denk- und Willenserlebnissen. Für Wundt war die Selbstbeobachtung, weil sie nicht kontrollierbar ist, kein wissenschaftliches Verfahren: Im Leipziger Labor zeigt sich ein psychischer Vorgang, indem er Zeit in Anspruch nimmt, er äußert sich also in den mit den Versuchsbedingungen sich ändernden Reaktionszeiten; die Selbstbeobachtung der Versuchsperson spielt, wenn überhaupt, so eine nur untergeordnete Rolle. Die Würzburger hingegen wiesen den von Wundt vorgebrachten Einwand gegen die Introspektion zurück: Er würde nur eine vom individuellen Forscher selbst betriebene Selbstbeobachtung treffen, nicht aber die Selbstbeobachtungen einer psychologisch versierten Versuchsperson unter experimentell kontrollierten Bedingungen.

Es ist daran zu erinnern, dass die letztlich auf Kant zurückgehende Kritik der Introspektion tiefer greift: Was eigentlich nicht zu kontrollieren ist, ist der Umstand, dass der Akt der Selbstbeobachtung den Vorgang, der unter Beobachtung steht, alterieren, d. h. verändern könnte. Dem wäre von Seiten der Würzburger leicht zu begegnen gewesen, wenn sie an dieser Stelle explizit auf Brentano (1874) Bezug genommen hätten: Das Kantsche Argument lässt sich nämlich entkräften, wenn man an die Stelle der Introspektion die Retrospektion setzt: d. h. die Rekonstruktion eines mentalen Vorgangs aus dem Gedächtnis. Das gilt nicht für die Arbeiten von Narziss Ach, der in seinen Untersuchungen zur Willenspsychologie die Methode der Würzburger Schule eigentlich begründet hat (Ach 1905). Für Ach handelt es sich tatsächlich um eine Selbstbeobachtung im strengen Sinn, weil er behaupten kann, dass die mentalen Akte, die experimentell erzeugte Willenshandlungen begleiten, persistieren und daher für längere Zeit, d. h. stabil genug, für eine Beobachtung durch die Versuchsperson zur Verfügung stehen. In Bühlers denkpsychologischen Arbeiten ist dieses Argument hinfällig. In seinem Fall handelt es sich eindeutig um eine Rückschau, in der die Versuchspersonen ihre Erlebnisse beim Lösen von Denkaufgaben zu Protokoll geben.

Gegen Bühlers Verfahren lassen sich aus heutiger Sicht Bedenken formulieren: z. B. dass seine Versuchspersonen – die Professorenkollegen Oswald Külpe und Ernst Dürr – über die Hypothesen der Untersuchungen informiert waren und sich in ihren Rekonstruktionen ihrer Denkerlebnisse entsprechend verhalten haben könnten. Und dennoch ist an der Bühlerschen Inszenierung etwas bemerkenswert: und zwar dieses soziale Moment, das der Generierung der Daten zugrunde liegt. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht sind wir gewohnt, die Perspektive der ersten Person von der Perspektive der Beobachtung aus der dritten Person zu unterscheiden. In den Würzburger Experimenten handelte es sich demgegenüber eigentlich um etwas Neues: um Beobachtungen aus der zweiten Person, um Erfahrungen also, die im Dialog zwischen Forscher und Beforschtem hervorgebracht werden. Fasst man die Bühlersche Methode in dieser Art, macht es sie anschlussfähig z. B. auch an das Verfahren der Psychoanalyse, zumindest was jenen Aspekt der psychoanalytischen Methoden betrifft, in dem Therapie und Forschung zusammenfallen.

Aber reicht das aus, um die individualistischen Beschränkungen der traditionellen Psychologie aufzubrechen? Man muss etwas weiter ausholen – oder besser mit Bühler: die Fundamente eben tiefer legen – um die Pointe der Bühlerschen Denkpsychologie zu erfassen: Letztlich ist es sein – weithin immer noch unterschätztes – Buch über Die geistige Entwicklung des Kindes (Bühler 1918), das den Zusammenhang herstellt.

Die Ergebnisse der experimentellen Untersuchungen lassen sich zunächst leicht in Formeln fassen: Erstens, dass nicht Vorstellungen, sondern anschauungsfreie Gedanken die eigentlichen Träger eines geordneten Denkverlauf sind; und, zweitens, dass der geordnete Denkverlauf selbst nicht durch die Gesetze der Assoziation, sondern durch die Anforderungen der Denkaufgaben seine Richtung erhält. Für Bühler ist damit beschrieben, wie menschliches Denken funktioniert; menschliches Denken an sich, völlig unabhängig von kulturellen Gegebenheiten und Einflüssen; als biologisches Apriori, hervorgebracht im und durch den Prozess der Evolution. Eben dieser Gesichtspunkt, dieser die Betrachtung der kognitiven Leistungen von Einzelnen aufhebende Gesichtspunkt einer, wie wir heute sagen würden, evolutionären Erkenntnistheorie, wird dann auch in seiner Sprachtheorie bestimmend bleiben: Sie fragt, wie eben eine über Sprache vermittelte Form der Lebensgewinnung und -erhaltung funktioniert. Und zwar eingedenk dessen, dass die Anpassung der Individuen nicht mehr bloß an natürliche, sondern an kulturelle Lebensweisen zu erfolgen hat.

Literatur:

  • Ach, N.: Über die Willenstätigkeit und das Denken. Eine experimentelle Untersuchung mit einem Anhange: Über das Hippsche Chronoskop. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1905
  • Brentano, F.: Psychologie vom empirischen Standpunkte. Berlin [Duncker & Humblot] 1874
  • Bühler, K.: Die geistige Entwicklung des Kindes. Jena [G. Fischer] 1918
  • Bühler, K.: Die Krise der Psychologie. Jena [G. Fischer] 1927
  • Bühler, K.: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena [G. Fischer] 1934

Links:

Über das BuchKarl Bühler: Sprache und Denken. Hrsg. von Achim Eschbach. Köln [Herbert von Halem] 2015, 386 Seiten, 28,- Euro.Empfohlene ZitierweiseKarl Bühler: Sprache und Denken. Hrsg. von Achim Eschbach. von Benetka, Gerhard in rezensionen:kommunikation:medien, 8. April 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19090
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Rezensent/in
Univ.-Prof. Dr. Gerhard Benetka leitete die Fakultät für Psychologie an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien; zahlreiche Veröffentlichungen zur Wissenschaftsgeschichte und zu den theoretischen Grundlagen der Psychologie; zuletzt gem. mit Hans Werbik, Zur Kritik der Neuropsychologie eine Streitschrift. Gießen: Psychosozial Verlag (erscheint im Sommer 2016)