Malte Strathmeier: Gefangen in der Kinohöhle

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Felix Engel

Gefangen in der KinohöhleEinzelrezension
Film nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als philosophisches Medium zu begreifen, ist das Anliegen von Malte Strathmeier in seiner Monographie Gefangen in der Kinohöhle. “Der Film […] kann philosophieren“ (189, Hervh. i. O.), weil er als ‘skeptisches Szenario‘ aufgefasst werden kann. So lautet das Argument des Autors in seiner kürzesten Fassung.

Skeptische Szenarien finden sich in kanonischen Texten der Philosophie. Descartes’ Infragestellung unserer Alltagsgewissheit über den Unterschied zwischen Wachen und Träumen, Putnams ‘Gehirn im Tank‘ und Platons Höhlengleichnis sind Beispiele. Sie motivieren die skeptische Frage, ob wir uns der Existenz und Beschaffenheit der Außenwelt gewiss sein können.

In einer detailierten Analyse des Films Inception (USA 2010, R: Ch. Nolan) zeigt Strathmeier auf, dass skeptische Szenarien auch in Filmen verwandt werden. Sie könnten dort die gleiche Funktion wie in philosophischen Texten erfüllen: “Zwar sagt der Film [Inception] nicht, wie genau die Realität beschaffen ist, aber er zeigt zumindest die Möglichkeit auf, dass die Realität anders beschaffen sein könnte, als sie uns erscheint“ (32-33).

Dass manche Filme philosophische Fragen aufwerfen oder philosophische Themen illustrieren (vgl. 189, 192), darf in der aktuellen Filmphilosophie als ein weitgehender Konsens gelten. Strittiger ist die Frage, ob das Medium Film geeignet ist, zu philosophieren. Strathmeier bejaht dies: “Film selbst oder die Kinosituation [können] als skeptisches Szenario“ (74, Hervh. i. O.) begriffen werden.

Platons Beschreibung der Höhle trifft laut Strathmeier in wichtigen Aspekten auch auf die Rezeptionssituation in einem Kino zu. Die Zuschauer seien auf das projizierte Geschehen hin ausgerichtet, ihre Bewegungsfreiheit sei eingeschränkt, ablenkende Reizquellen seien minimiert und der Raum sei abgedunkelt. Insgesamt seien die räumlichen und technischen Bedingungen darauf abgestimmt, die Rezipienten möglichst effektiv zu täuschen (vgl. 81).

Darüber hinaus würde der Zuschauer durch einen Film in einen träumähnlichen Zustand versetzt (vgl. 12, 73). Wie ein Träumender von dem, was er träumt, gefesselt sei, so könne auch der Filmrezipient von einem Film absorbiert werden (vgl. 87, 94, 108). Seine Aufmerksamkeit sei allein auf die Filmhandlung gerichtet, er reagiere unmittelbar emotional auf das Geschehen und seine kritische Reflexions- und Urteilskraft seien weitestgehend inaktiv. Wie ein Träumer sich in der Regel nicht bewusst sei, dass er träumt, wäre auch ein Zuschauer sich nicht jederzeit bewusst, einen Film zu rezipieren.

Die epistemische Relevanz der Filmrezeption wird deutlich, wenn Strathmeier die Merkmale eines skeptischen Szenarios auf sie überträgt (vgl. 111). Wie die dramatis personae skeptischer Szenarien, so würden die Zuschauer eines Films sich täuschen. In immersiven Momenten der Rezeption träte das Bewusstsein, in einem Kino einem Film beizuwohnen, in den Hintergrund und die emotionale Anteilnahme am filmischen Geschehen in den Vordergrund. So wisse der Rezipient zwar, dass es sich um einen Film handele – insofern sei er nicht getäuscht –, aber er erlebe ihn als real – und wäre in diesem Sinne illudiert.

Strathmeiers Argument ist originell, denn es gelingt ihm, die häufig negativ bewertete Illusionsbildung des filmischen Mediums ins Positive zu wenden. Gerade weil es in der Rezeption von Filmen zu einer Täuschung kommen kann, ist sie als skeptisches Szenario begreifbar, und weil sie als ein skeptisches Szenario begreifbar ist, ist das Medium Film geeignet, zu philosophieren. Ein Kinobesuch kann demnach die gleiche Funktion erfüllen wie das skeptische Szenario eines philosophischen Textes, allerdings auf unmittelbare Art und Weise. Philosophie in Form skeptischer Szenarien wird im Kino nicht nur gedanklich nachvollzogen – sie wird erlebt.

Neben der filmphilosophischen Überlegung finden sich in Strathmeiers Monographie Analysen von weiteren Filmen mit skeptischem Szenario, eine filmwissenschaftliche Einordnung dieser Filme, ein Interpretationsmodell zur Ontologie der Welten fiktionaler Filme, ausführliche Auseinandersetzungen mit Theorien des Kinos bzw. Films von Jean-Louis Baudry, Raymond Bellour und Colin McGinn sowie Erwägungen zu Funktionen, die der Film neben seiner philosophischen Funktion erfüllen kann. Für sich genommen interessant und durchaus diskussionswürdig, wird bei ihnen nicht ersichtlich, ob und was sie zur filmphilosophischen Argumentation beitragen. So bleibt es häufig dem Leser dieser Monographie überlassen, ihre filmwissenschaftlichen und filmphilosophischen Teile zu verknüpfen.

Mit Gefangen in der Kinohöhle legt Malte Strathmeier eine interdisziplinäre Arbeit vor, die sich zum einen im aktuellen filmwissenschaftlichen Forschungsfeld zu ‘Bewusstseinsfilmen‘ (Oliver Jahraus) bzw. ‘Mind-Game-Movies‘ (Thomas Elsaesser) verorten lässt, zum anderen einen innovativen Beitrag zu einer vor allem im angolamerikanischen Sprachraum lebhaft geführten filmphilosophischen Debatte um die Bestimmung des Verhältnisses von Philosophie und Film liefert. Sie dürfte daher Filmwissenschaftler wie Filmphilosophen gleichermaßen ansprechen und die Frage nach der Anschlussfähigkeit von Filmtheorie und Filmphilosophie erneut motivieren.

Literatur:

  • Buckland, W, (Hrsg.): Hollywood puzzle films. New York [Routledge] 2014
  • Elsaesser, Th.: Hollywood heute. Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino. Berlin [Bertz + Fischer] 2009a
  • Elsaesser, Th.: The Mind-Game Film, in: Buckland, W. (Hrsg.): Puzzle Films. Complex storytelling in contemporary cinema. Malden, MA [Wiley-Blackwell] 2009b
  • Jahraus, O./Scheffer, B. (Hrsg.): Wie im Film. Zur Analyse populärer Medienereignisse. Bielefeld [Aisthesis Verlag] 2004
  • Laas, E.: Broken taboos, subjective thruths. Forms and functions of unreliable narration in contemporary American cinema. A contribution to film narratology. Trier [Wissenschaftlicher Verlag] 2008
  • Liebsch, D. (Hrsg.): Philosophie des Films. Grundlagentexte. Paderborn [Mentis Verlag] 2005
  • Orth, D.: Narrative Wirklichkeiten. Ein Typologogie pluraler Realitäten in Literatur und Film. Marburg [Schüren] 2013
  • Schmerheim, P.: Skepticism films. Knowing and doubting the world in contemporary cinema. New York [Bloomsbury Academic] 2016
  • Smith, M./Wartenberg, Th. (Hrsg): Thinking through cinema. Films as philosophy. Malden, MA [Blackwell Publishing] 2006
  • Wartenberg, Th.: Thinking on screen. Film as philosophy. London [Routledge] 2007

Links:

Über das BuchMalte Strathmeier: Gefangen in der Kinohöhle. Bewusstseinsfilm als skeptisches Szenario. Bielefeld [Aisthesis] 2015, 246 Seiten, 34,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseMalte Strathmeier: Gefangen in der Kinohöhle. von Engel, Felix in rezensionen:kommunikation:medien, 16. März 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19051
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Rezensent/in
Felix Engel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Bremen. Derzeit arbeitet er an einer Dissertation über das Verstehen und Interpretieren von Filmen. Seine Forschungsschwerpunkte sind philosophische Grundlagen der Filmtheorie, kognitive Filmtheorie, Filmkritik sowie Filmphilosophie und allgemeine Kunstphilosophie.