Judith Jäger, Christopher Resch (Hrsg.): Medienfreiheit in Ägypten

Einzelrezension
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Rezensiert von Katharina Nötzold

Medienfreiheit in ÄgyptenEinzelrezension
Die erste Euphorie über die Arabische Revolution im Jahr 2011 ist tiefer Ernüchterung gewichen – auch in Ägypten. Das vorliegende Buch ist ein Dokument empirischer Mediensystemforschung nach der Arabischen Revolution. Es analysiert die Arbeitsbedingungen ägyptischer und ausländischer Journalisten mit besonderem Augenmerk auf die Entwicklung ägyptischer Medien bzw. wie die jeweiligen Machthaber diese zu kontrollieren versuchen.

Die Herausgeber, die beide 2012/13 am Goethe Institut Kairo gearbeitet haben, konnten für dieses Buchprojekt ägyptische Journalisten und in Ägypten arbeitende Auslandskorrespondenten gewinnen. Der Grundtenor des Buches ist pessimistisch und spiegelt die Enttäuschung der beteiligten Journalisten darüber wider, dass die kurzzeitig freie Diskussionskultur erneut eingeschränkt wurde und sie wieder Zensur und anderen Restriktionen ausgesetzt sind.

Im Einführungskapitel geben die Herausgeber einen guten Überblick über das ägyptische Mediensystem seit der Kolonialzeit. Darüber hinaus legen sie einen Schwerpunkt auf die vergangenen fünf Jahre. Sie stützen sich dabei auf wissenschaftliche Studien und ermöglichen ihren Lesern durch Quellenhinweise weitere eigene Recherchen. Besonders gehen sie bei diesem Überblick auf die Journalistenausbildung und die rechtliche Verankerung des Mediensystems ein. Obwohl Zensur nicht immer gesetzlich verankert war und ist, gab und gibt es andere (Notstands-)Gesetze, die für eine willkürliche direkte Zensur und für die von vielen Journalisten betriebene Selbstzensur sorg(t)en.

Außerdem wird die Problematik der journalistischen Selbstorganisation angesprochen, die in einem weiteren Kapitel thematisiert wird (El-Balshy). Das ägyptische Journalistensyndikat nimmt nur Journalisten offiziell zugelassener Medien auf und vertritt sie gegebenenfalls bei Auseinandersetzungen, während Journalisten von Online-Medien keinerlei Berufstandsvertretung besitzen (vgl. 99) und somit auch keine Unterstützung und Schutz erfahren.

Der Band ist aufgeteilt in persönliche Erfahrungsberichte einzelner Journalisten, die Hoffnung auf Veränderung hatten und die für kurze Zeit neu entstandenen beruflichen Freiräume als Chance erlebten. Ausführlicher beschreiben allerdings sehr viele Beiträge, wie schnell die Euphorie der Ernüchterung wich und sich die Gefahrenlage für Journalisten zuspitzte, die nun Verdächtigungen ausgesetzt sind, als Staatsfeinde die ägyptische Nation anzugreifen. Das gilt sowohl für ägyptische als auch westliche Journalisten (u. a. Abdel Samad, Backhaus, El Kautit), die zwischen die Fronten des “Medienkrieges“ (68) von Anhängern der Muslimbrüder und der Regierung al-Sisi gerieten.

El-Balshy erstellt eine Typologie ägyptischer Journalisten anhand ihres Verhältnisses zur Freiheit der Medien und wie sie “in der Lage und willens sind, mit dem eingeschränkten Recht auf freie Meinungsäußerung umzugehen“ (100). Er konstatiert, dass trotz zwischenzeitlich kritischerer Berichterstattung in den Revolutionstagen auch die neuen Machthaber (SCAF, Mursi und al-Sisi) den “institutionalisierten Totalitarismus in der ägyptischen Medienlandschaft auf keinen Fall abschaffen … [wollten], um davon auf lange Sicht profitieren zu können“ (103). Insbesondere beklagt er, dass sich Journalisten auf einen “Kuhhandel“ (105) einließen: Aus Angst vor der Herrschaft der Muslimbrüder, die ihre Macht mit dem Erlass neuer und strengerer Gesetze untermauerten, verzichteten Journalisten auf freie Berichterstattung und ließen damit zu, dass “die Militärs als neue Machthaber die Medien komplett beherrschen“ (105).

Weiterhin haben die Herausgeber Beiträge versammelt, die sich mit speziellen thematischen Beiträgen z. B. zur Mediendarstellung des ägyptischen interreligiösen Dialogs (Mende), der Behandlung von Frauenrechten (Abou Zeid) oder der Darstellung von Fußballfans (Dorsi) widmen. Das ist gelungen. An konkreten Themen wird so anschaulich verdeutlicht, dass in den meisten ägyptischen Medien jeweils der offizielle Diskurs von oben dominiert. In diesem medialen Diskurs wird fast nie die Normalität des Zusammenlebens zwischen Muslimen und koptischen Christen (vgl. 134) oder die leider immer wieder auftretende Gewalt gegenüber religiösen Minderheiten (ebd.) dargestellt. Stattdessen werden lediglich offiziell inszenierte Treffen zwischen staatlich anerkannten Religionsführern erwähnt (vgl. 133f.), was reine Symbolpolitik ist und nicht das alltägliche Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen verbessert. Genauso wenig wird staatliche (“Jungfrauentests“ durch Sicherheitsbehörden im März 2011) als auch privat ausgeübte Gewalt (bandenmäßig organisierte sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen) gegenüber politisch engagierten Frauen während der Proteste auf dem Tahrir Square sowie die Problematik der häuslichen Gewalt, der viele Ägypterinnen ausgesetzt sind, ernsthaft von den Medien diskutiert. Stattdessen teilt eine “Mehrheit der im Bereich der Medien Beschäftigen […] die Meinung der Sicherheitskräfte, dass Aktivistinnen losen Moralvorstellungen anhängen“ (145) und Frauen aus dem öffentlich Raum fernzuhalten seien (vgl. 146).

Ein weithin wichtiger Aspekt der Medienfreiheit ist die Verflechtung von ägyptischen Medienunternehmen mit den jeweiligen Machthabern. Viele Hauptaktionäre privater Medien haben weitere ökonomische Interessen in anderen Branchen. Damit sind sie erpressbar und werden häufig vom jeweiligen Regime “um Gefallen gebeten“, eine bestimmte Berichterstattung zu verfolgen (159). Auch deshalb galt die Nutzung des Internets und sozialer Netzwerke insbesondere durch kritische Journalisten und Blogger als wichtigste Kommunikationsplattform während der ägyptischen Revolution 2011, da Telefonate und Kurznachrichten von ägyptischen Geheimdiensten schon seit langem abgehört werden (vgl. 169) und sie keine Stimme in den etablierten Medien erhielten. Die alt-neuen Machthaber erhöhen die Qualität der Internetüberwachung ständig, was in der zunehmenden Verfolgung kritischer Stimmen resultiert. Für viele Leser ist ein sicherlich neuer Aspekt, dass westliche Firmen mit der Lieferung von Überwachungssoftware bei der Einschränkung der Medienfreiheit helfen (vgl. 169f). Auch Ägypten legitimiert diese Überwachung mit dem Anti-Terror-Kampf (vgl. 170) und erzielt damit die gewünschte Wirkung, dass vor allem die Arbeit der zumeist kritischeren Onlinereporter riskanter wurde.

Auf den ersten Blick mag das Einfügen von Fotografie-Serien innerhalb der Texte ungewöhnlich erscheinen. Jedoch dokumentieren sie Bilder des Umbruchs und unterstreichen die Arbeitsrealität von Journalisten oder erzählen als Miniserie über den Satiriker Bassem Joussef, der mit dem Wahlsieg Mohammed al-Sisis seine populäre Sendung al-Bernameg (“Das Programm“) aufgrund des immer repressiver werdenden politischen Klimas aufgab.

Während die Mehrheit der Texte auf Deutsch vorliegt, gibt es auch vier englische Kapitel. Einige Texte waren ursprünglich auf Arabisch verfasst. Dabei ist besonders positiv zu bewerten, dass die Arabischübersetzer erklärende Anmerkungen zum besseren Verständnis für Leser hinzufügten, die wenig mit Ägypten vertraut sind. Dieses Buch ist vor allem interessierten Laien im deutschsprachigen Raum zu empfehlen, die sich für Ägypten interessieren und einen informativen Überblick über den Status der Medien und besonders deren Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren in Ägypten bekommen möchten. Anders als in verschiedenen (wissenschaftlichen) Publikationen, welche die ägyptischen Medien und die Arbeit ägyptischer Journalisten analysieren, kommen hier die Medienschaffenden selbst zu Wort.

Links:

Über das BuchJudith Jäger, Christopher Resch (Hrsg.): Medienfreiheit in Ägypten. Zum journalistischen Arbeiten in Ägypten nach der Arabischen Revolution. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2015, 222 Seiten, 21,- EuroEmpfohlene ZitierweiseJudith Jäger, Christopher Resch (Hrsg.): Medienfreiheit in Ägypten. von Nötzold, Katharina in rezensionen:kommunikation:medien, 10. März 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19013
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Rezensent/in
Katharina NötzoldKatharina Nötzold, Dr. phil., ist Associate Research Fellow am Arab Media Centre der University of Westminster in London (UK) und war Geschäftsführerin der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Medien und Transformation, Darstellung von Religion in Medien und Friedens- und Konfliktforschung. Sie ist Autorin von Defining the Nation? Lebanese Television and Political Elites, 1990-2005 (Berlin 2009) und veröffentlichte Artikel und Buchkapitel über arabische Medien und die mediale Darstellung von Islam und Migranten.